Symbolbild Gestreamter Gottesdienst
Symbolbild Gestreamter Gottesdienst
Prof. Alexander Saberschinsky
Prof. Alexander Saberschinsky
Schon fast legendär: Plexiglasscheibe im Kölner Dom
Schon fast legendär: Plexiglasscheibe im Kölner Dom

09.06.2020

Kirche auf der Rezeptsuche für Zeit nach Corona-Krise Digital, analog oder eine "bunte Mischung"?

Streaming-Gottesdienste, Plexiglasscheiben im Altarraum oder "Predigt to go": Coronabedingt mussten Pfarreien kreativ mit den Beschränkungen umgehen. Was aber bleibt? Der Liturgieexperte Alexander Saberschinksy wagt den Ausblick.

DOMRADIO.DE: “Predigt to go” per WhatsApp oder Pfarrer, die ihre Predigten bei YouTube eingestellt haben, mal mehr oder weniger gut gefilmt. Was hat Sie während des Verbots der öffentlichen Gottesdienste am meisten beeindruckt? Und was war vielleicht weniger gut?

Prof. Alexander Saberschinsky (Theologieprofessor und Referent für Liturgie in der Hauptabteilung Seelsorge des Erzbischöflichen Generalvikariats Köln): Zunächst mal war ich beeindruckt, wie schnell Angebote online waren und nicht nur von Kathedral-Kirchen, sondern auch von eher kleinen Gemeinden. Da war ich baff, was da auf einmal möglich war. Ich muss wirklich sagen: Respekt, damit hätte ich nicht gerechnet.

Und wenn man da mal schaut, was angeboten wurde, dann haben mir persönlich die Angebote am besten gefallen, die nicht nur auf "konsumieren", also auf einbahnstraßenmäßiges Rezipieren angelegt waren. Ich fand die Angebote besonders gut, wenn sie die Menschen via Internet zum Mitfeiern zuhause animiert haben, dass die Zuschauer etwas mehr aktiviert wurden und eben nicht nur in der Zuschauerrolle blieben. Das fand ich richtig gut.

DOMRADIO.DE: Man wird ja auch immer nur besser, wenn man aus den Fehlern lernt. Was war denn für Sie ein Beispiel, wo es nicht besonders gut gelaufen ist beim Thema Kirche und digital?

Saberschinsky: Ein Beispiel ist, wenn das Internet eigentlich das nochmal verstärkt, was mir auch schon in dem "normal" gefeierten Gottesdienst nicht gefällt - und da verraten wir uns ja manchmal selber durch unsere Sprache. Wenn wir etwa von Gottesdienst-"Besuchern" sprechen. Das ist natürlich überhaupt nicht das, wie sich Gottesdienst selber versteht und was wir theologisch zugrunde legen. Denn die Idee ist natürlich, dass sich hier der Leib Christi in Gestalt aller Getauften versammelt und dass die diesen Gottesdienst tragen, natürlich mit unterschiedlichen Rollen, wie zum Beispiel die Rolle des Priesters.

Grundsätzlich trägt ja die gesamte Feiergemeinde als Leib Christi den Gottesdienst. Das erleben wir leider nicht immer in unseren Gottesdiensten. Oft ist es dann doch eine “Sache”, die auf der "Bühne" passiert - das nennen wir dann Altarraum, und die Menschen sitzen dann wie reine Zuschauer in den Bänken. Und dieser Effekt wird manchmal durchs Internet noch verstärkt.

Da kann man sehen, wie ein Priester alleine am Altar steht und die kleinsten Handgriffe werden dann durch die Kamera wie durch eine Lupe besonders nah herangeholt. Aber das eigentliche Geschehen, das wir hier gemeinsam feiern sollten, das kippt dann leider oft hinten runter. Das ist natürlich schade.

Wohlgemerkt: Mir ist klar, dass unter den Einschränkungen der Coronakrise mit Abstandsregeln, Versammlungsverbot etc. natürlich auch Abstriche gemacht werden müssen. Aber trotzdem: Manchmal wird wie unter einem Brennglas etwas klarer, was man grundsätzlich unabhängig von Corona in den Blick nehmen sollte.

DOMRADIO.DE: Gerade zu Ostern haben sich viele Bistümer und Pfarreien ins Zeug gelegt und online Material für die Feier der Karwoche und Ostern für Familien zur Verfügung gestellt. Stichwort "Home Churching", also so etwas wie Andachten zu Hause selber feiern. Wie kann man denn diese Ansätze in die "Nach-Corona"-Zeit retten?

Saberschinsky: Es wäre schön, wenn wir sie hinüberretten würden, denn genau so hat ja Kirche begonnen, nämlich als Hauskirche, das ist der Kern von Kirche, diese Versammlungen in kleinen Gruppen. Eigentlich ist das ein altes Anliegen, das wir schon vor einiger Zeit neu entdeckt haben.

Um ein Beispiel zu bringen: Das neue Gotteslob, das wir seit einigen Jahren haben, hat sich von Anfang an auch immer verstanden als ein Gebetbuch für die Familie und für Zuhause. Da finden sich tatsächlich vorne im ersten Teil Anregungen, wie man auch zuhause feiern kann, etwa kleine Andachten, kleine Gottesdienste. Das ist nur nie rezipiert worden.

Wenn wir beten oder von Gottesdiensten sprechen, dann denken wir an die Versammlungen der Kirche. Und wenn wir jetzt im Rahmen der Coronakrise ergänzend zu den Versammlungen in den Kirchen das Feiern zuhause neu entdeckt hätten, wäre das eine schöne Sache. Es wäre natürlich gut, wenn die Gemeinden, aber auch wir seitens des Erzbistums Hilfen anbieten können, dass es den Menschen leichter fällt, zuhause im Kreis der Familie zu feiern. Es muss nämlich eingeübt werden. Und da sollten wir versuchen, Hilfen zu geben.

DOMRADIO.DE: Jetzt sind öffentliche Gottesdienste wieder möglich. Wie wichtig ist denn eigentlich die physische Teilnahme am Gottesdienst? Reicht in Zukunft vielleicht nicht einfach das Online-Mitfeiern zu Hause?

Saberschinsky: Da habe ich eine ganz klare Meinung: Das reicht nicht! Unter Theologen und gerade auch unter den Liturgiewissenschaftlern gibt es tatsächlich schon seit Jahren eine Diskussion: Wie wichtig ist die physische Versammlung, und welchen Wert hat eine virtuelle Versammlung?

Natürlich bin ich da auch mit anderen Menschen nicht nur technisch vernetzt. Wenn wir alle zum Beispiel einen Gottesdienst übers Internet gucken - sind wir da miteinander verbunden, sind “gefühlt” zusammen. Trotzdem würde ich gerade für den Gottesdienst das physische Beieinandersein, das konkrete Versammeln nicht aufgeben wollen.

Stellen Sie sich eine Geburtstagsfeier vor, bei der man sagen würde, die machen wir jetzt rein virtuell. Das wollen die wenigsten Menschen. Lieber wird die Geburtstagsfeier auf einen Zeitpunkt verschoben, wo man sich wirklich treffen kann. Und Gottesdienste verstehen sich als gefeierter Glaube. Da kann ich mir nicht vorstellen, grundsätzlich auf das konkrete Versammeln zu verzichten. Und unsere Liturgie "tickt" ja auch so, dass man wirklich anwesend sein sollte.

Wir hatten zum Beispiel ganz oft die Frage, ob man nicht in der Corona-Zeit per Telefon auch beichten könnte  - und da mussten wir vom Erzbistum immer den Menschen sagen: Sie können mit großem Gewinn ein Seelsorgegespräch übers Telefon führen. Aber das Sakrament der Beichte können wir nicht am Telefon feiern, weil es dazugehört, dass sich zwei Menschen persönlich begegnen.

Wir können auch nicht per Telefon taufen, weil die konkrete Begegnung, die bestimmen konkreten Zeichen der Taufe - etwa das Benetzen mit Weihwasser per Telefon nicht möglich sind.

Für die Messe, die Eucharistiefeier, haben wir in der Corona-Zeit ein altes Stichwort neu entdecken dürfen, nämlich die "geistliche Kommunion". Das ist ja gerade das besonders Schmerzhafte bei einem rein virtuellen Gottesdienst, dass man bei der Messfeier nicht die Kommunion empfangen kann. Da ist es natürlich in solchen Notsituationen wie der Corona-Krise eine gute Möglichkeit, geistlich zu kommunizieren, also mich mit Christus im Gebet zu verbinden und ihn auf geistliche Weise zu empfangen. Aber es ist trotzdem auch ein Verzicht - die konkrete Versammlung bleibt ganz wichtig.

DOMRADIO.DE: Es ist nach wie vor eine schwere Sünde, sonntags nicht in die Kirche zu gehen, es sei denn, man ist krank oder hat ein gewisses Alter erreicht. Stichwort Sonntagspflicht. Doch die gilt im Moment nicht. Kann man die jetzt eigentlich noch beibehalten? Denn in der Corona-Krise hat die Kirche sie anscheinend leicht aussetzen können, oder?

Saberschinsky: Na ja, man hat sie schnell ausgesetzt, aber man hat sie nicht leichtfertig ausgesetzt. Die Kirche hat sich sehr schwer damit getan, aber es ist eine besondere Situation, und es besteht eine hohe Ansteckungsgefahr. Und aus Verantwortung gegenüber dem Nächsten wird im Moment von der Sonntagspflicht dispensiert. 

Brauchen wir sie wieder? Ich denke schon. Allerdings wird es wahnsinnig schwer sein, auf die Sonntagspflicht einen neuen Blick zu bekommen. Sie wird vor allen Dingen wahrgenommen in Verbindung mit einem erhobenen moralischen Zeigefinger. An dieser Wahrnehmung hat wohl auch die Kirche Schuld: Du musst aber zur Messe, es ist eine Sünde, nicht zu gehen!

Und dann ist das im Kirchenrecht festgeschrieben. Aber das kirchenrechtlich Festschreiben ist ja nur eine sekundäre Folge dessen, was eigentlich dahinter steht. Tatsächlich müsste die Sonntagspflicht zu verstehen sein im Sinne einer inneren Selbstverpflichtung: Es ist mir ein inneres Bedürfnis, mich sonntags mit Christen, die das Gleiche glauben wie ich, zu versammeln, um dann Jesus Christus ganz konkret im Sakrament der Eucharistie zu begegnen. Wenn man die Sonntagspflicht so versteht, dann könnte sie eine Chance haben. Also: Ja, die Sonntagspflicht gibt es, die gibt es weiterhin. Aber vielleicht müssen wir sie neu entdecken.

DOMRADIO.DE: Durch die Übertragungen hat sich ja auch die Liturgie verändert. Der Gottesdienstraum ist oft etwas kleiner und kompakter geworden. Es gibt keine Chöre, wenige Messdiener. Wie sehr haben diese Online-Gottesdienste die liturgische Praxis verändert und vielleicht sogar bereichert?

Saberschinsky: Da muss natürlich jetzt jeder Kirchort oder jede Gemeinde bei sich selber schauen. Da kann und will ich als Liturgiereferent nichts von oben verordnen. Aber was ich spannend finde und ich hoffe, dass die Gemeinden und die Orte, an denen Gottesdienst gefeiert wird, diese Gedanken aufgreifen werden, ist, dass es zu Diskussion um die Feier des Gottesdienstes gekommen ist.

Also zum Beispiel, um ein prominentes Beispiel zu bringen, der Kölner Dom: Da hat man sich sehr gut Gedanken gemacht, als nur 20 Menschen im Dom an Ostern Messe feiern durften. Wer soll das sein? Und da haben wir gesagt, wir möchten nicht das Bild abgeben, dass wir jetzt das komplette Domkapitel in den Dom setzen. Nichts gegen unser Domkapitel, aber wir wollten die Außenwirkung vermeiden, dass das Domkapitel für sich Ostern feiert und sonst niemand. Das ist eigentlich nicht das Bild, was wir abgeben wollen, sondern hier muss sich, so weit es in diesem eingeschränkten Rahmen möglich ist, repräsentativ Kirche versammeln.

Solche Überlegungen sind in der Coronakrise in Gang gekommen. Wer sind wir als Kirche, wer feiert hier? Und ich habe auch mitbekommen, dass in manchen Gemeinden auch andere Sachen in Bewegung geraten sind. Zum Beispiel hat mir ein Pfarrer berichtet, nachdem die ersten öffentlichen Gottesdienste wieder möglich waren, ging es am Anfang sehr gut los mit vielen Teilnehmern, wenn auch unter den starken Einschränkungen. Dann waren die Kirchen auf einmal wieder leerer. Und dann hat er seine Gemeindemitglieder gefragt, und die haben gesagt: Ne, so wollen wir eigentlich nicht feiern. Da ist etwas in Bewegung geraten. Die Leute fragen sich: Was ist uns wichtig für die Feier, wie wollen wir feiern?

Oder ein ganz prominentes Beispiel: Uns haben Menschen aus ganz Deutschland wegen der berühmten Plexiglasscheibe im Kölner Dom (Die wird zur Kommunionausteilung benutzt als Grenze zwischen Priester und den Kommunionempfängern, Anm. d. Red.) während der Kommunionausteilung angerufen. Manche haben gesagt: Na ja, das ist ein bisschen komisch. Aber schön, dass wir auf diese Weise wieder Gottesdienst feiern können. Andere haben sich richtig beschwert: Das ist ja wie beim Postschalter früher!

Ich will gar nicht sagen, ob die Plexiglasscheibe gut oder schlecht ist. Aber dass man hier auf einmal Dinge hinterfragt, nämlich die Art und Weise, wie wir Kommunion empfangen, das ist doch mal was! Dass wir uns Gedanken machen über unsere Feierkultur im Gottesdienst! Und wenn diese Debatten über die Krise hinaus weitergehen, wäre das doch ein Gewinn.

DOMRADIO.DE: Über Wochen konnten jetzt die Menschen nicht in die Gottesdienste gehen. Auch jetzt gibt es ja noch Beschränkungen und außerdem Schreckensmeldungen von Gottesdiensten, in denen sich Menschen angesteckt haben. Glauben Sie, dass alle Gottesdienstbesucher wieder zurückkommen werden so wie vor der Coronakrise?

Saberschinsky: Ich will nicht spekulieren, aber wenn ich mich mit anderen Liturgiereferenten aus anderen Diözesen austausche, dann haben wir folgenden Eindruck: Einige werden wegbleiben, vielleicht haben sich jetzt einige des Gottesdienstes entwöhnt und kommen auch nicht wieder. Andere werden sagen: Langsam, mal gucken und warten, bis es ein Medikament gibt oder eine wirksame Impfung gegen Corona.

Aber was wir auch glauben, ist, dass wir durch die gestreamten Gottesdienste auch Menschen erreicht haben, die wir vorher nicht erreicht haben. Tatsächlich liegen Rückmeldungen vor in den verschiedenen Diözesen von Menschen, die gesagt haben: Bislang war ich nicht in der Kirche, aber euren Gottesdienst, den hab ich mir paar Mal angeguckt.

Zum einen stellt sich die Frage: Sollte man weiter online Gottesdienste anbieten? Und vielleicht ist da eine neue Gruppe von Menschen, die neben Online-Gottesdiensten irgendwann ab und zu auch tatsächlich mal zu der physischen Versammlung kommt und in der Kirche Gottesdienst feiert. Ich glaube, da wird es gegenläufige Bewegungen geben.

Das Interview führte Mathias Peter.

(DR)

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