Benediktinerpater Anselm Grün
Benediktinerpater Anselm Grün

14.01.2020

Anselm Grün über die Gipfel und Täler seines Lebens "Viel zu reden führt zu Gerede"

Der bekannteste Mönch Deutschlands wird 75 Jahre alt. Im Interview spricht der Benediktiner Anselm Grün über seine Gipfel und Täler im Leben, das rauer werdende Klima in der Gesellschaft, seine Leidenschaft fürs Schreiben und seine Vorträge.

KNA: Pater Anselm, "von Gipfeln und Tälern des Lebens" heißt eines Ihrer Bücher. Was waren die Gipfel der letzten 75 Jahre?

Anselm Grün (Benediktinerpater und Buchautor): Die Reisen nach Asien zum Beispiel, etwa nach Taiwan oder Hongkong, das waren immer Gipfelerlebnisse. Zu erleben, dass Menschen aus einer anderen Kultur offen sind, dass die Menschen meine Gedanken verstehen. Das gilt auch für Südamerika. In Brasilien haben wir schon zwei Millionen meiner Bücher verkauft.

KNA: Bei den Verkaufszahlen christlicher Literatur stehen Sie ganz oben. Das kann auch gefährlich sein.

Grün: Es besteht die Gefahr, dass man abhebt. Ich bin dankbar, dass die Bücher gelesen werden. Man darf sich aber nicht darüber definieren. C.G. Jung sagt: «Der größte Feind der Verwandlung ist ein erfolgreiches Leben.» Wenn man sich darauf ausruht und denkt, alles sei in Ordnung. Dann gibt es keine Weiterentwicklung. Natürlich spüre ich, wenn Säle voll sind. Wichtig ist dann, dankbar zu sein: Das ist ein Geschenk, und es ist nicht mein Verdienst.

KNA: Nun zu den Tälern: Was würden Sie da nennen?

Grün: In den ersten Jahren im Kloster war ich sehr verunsichert.

Eingetreten bin ich mit viel Ehrgeiz, sehr kopfgesteuert. Dann kam ich mit meinen Gefühlen in Berührung und habe überlegt: Ist das mein Weg oder nicht? Weitere Täler in meinem Leben waren sicher der Tod meiner Eltern oder meiner ältesten Schwester. Sonst bin ich Gott sei dank verschont geblieben.

KNA: Stichwort Talfahrt: Immer wieder war davon die Rede, dass Sie viel Geld verloren haben. Was sagen Sie dazu?

Grün: Das ist eine scheinheilige Debatte, denn wer nicht verliert kann auch nicht gewinnen. Über Geld kann man nicht normal reden.

Entweder alle regen sich auf, dass man Verluste gemacht hat. Oder alle regen sich auf, dass man Gewinne gemacht hat. Deswegen sage ich dazu nichts mehr.

KNA: Das zeigt ja aber auch, dass das Diskussions-Klima rauer geworden ist. Wie kommt man da zu mehr Gelassenheit?

Grün: Natürlich regt man sich auf, wenn es überall verbreitet wird.

Man kann nichts mehr im Vertrauen sagen, es wird in alle Welt hinausposaunt. Aber dann denke ich: Wenn die Leute über mich reden wollen, dann sollen sie reden. Das berührt mich nicht. Ich weiß, was ich gemacht habe und dass ich die Abtei finanziell auf eine gute Basis gestellt habe. Ich lese auch nicht alles, was im Internet über mich geschrieben wird.

KNA: Auch kein Ort, wo die Gelassenheit blüht.

Grün: Heute wird sofort alles kommentiert. Man wird schnell in eine Ecke gestellt. In den sozialen Medien geht es viel aggressiver zu, wird noch schneller geurteilt als sonst. Ich nehme da einfach nicht teil. Auf Facebook schreibe ich einmal die Woche einen Impuls. Ist eine Kritik berechtigt, gehe ich auf Kommentare auch gern ein.

KNA: Welche Rolle spielt da die Sprache?

Grün: In der Bibel heißt es: «Deine Sprache verrät Dich.» Wenn in der Öffentlichkeit der Ton so aggressiv ist, trauen sich immer weniger, von sich zu sprechen. Viel zu reden führt zu Gerede. Wenn wir aber sprechen, kommt es zum Gespräch. Reden heißt vor allem, recht haben zu wollen. Sprechen ist immer etwas Persönliches. Ein gutes Gespräch ist eine hohe Kunst: Das heißt zuhören, antworten und den Anderen nicht kleinmachen. Ich versuche das, auch wenn ich hart angegangen werde.

KNA: Ein aktuelles Mega-Thema ist die Klimadebatte. Sie waren eine treibende Kraft bei der ökologischen Umstellung des Klosters. Sie gehen aber sehr häufig auf Reisen. Wie sieht da die Öko-Bilanz aus?

Grün: Die Frage ist schon, ob ich noch Vorträge halte oder nur noch Bücher schreibe. Aber es ist mir ein Herzensanliegen, und wir sind Missionsbenediktiner. Die Kirche zu den Menschen zu bringen, das heißt auch fahren. Wenn es mit dem Zug geht, mache ich das. Ich will aber abends wieder nach Hause ins Kloster kommen - so oft es nur geht, um an den Gebetszeiten frühmorgens teilzunehmen. Da wird es manchmal schwer: Eine Nacht im Bummelzug bedeutet spätere Ankunft.

KNA: Ein weiterer Buchtitel lautet: «Versäume nicht dein Leben». Was hätten sie keinesfalls versäumen wollen?

Grün: Die Begegnung mit Menschen und das Schreiben - auch die vielen Kurse. Ich bin dankbar, dass ich am Leben anderer teilhabe.

KNA: Und was haben Sie versäumt?

Grün: Ich hätte noch viel zum Lesen. Da denke ich mir: Wenn ich mal Zeit habe, lese ich dann, etwa noch mehr die Texte der Kirchenväter.

Das Interview führte Christian Wölfel. 

(KNA)

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