Abriss vom Immerather Dom
Abriss vom Immerather Dom

09.03.2018

Experte kritisiert kirchliche Verkaufspraxis bei Kirchengebäuden Der Letzte macht das Licht aus?

Sie werden als Kita, Altenheim oder Galerie genutzt: Kirchen, die als Gotteshaus aufgegeben werden. Für Gemeinden stehen heikle Fragen an: Soll man Kirchen im Zweifel an Fast-Food-Ketten verkaufen oder lieber abreißen?

Kirchen prägen das Landschaftsbild in Deutschland. Für den einen zählen sie zum Kulturgut, für den anderen sind sie Relikte einer vergangenen Zeit. Mancher verbindet ein unbestimmtes Gefühl von Heimat mit den Bauten. "Eine Kirche ist ja nicht irgendein Gebäude", schrieb schon 2003 Kardinal Karl Lehmann in einer Arbeitshilfe der deutschen Bischöfe. "In unseren Kirchen ist etwas spürbar von der Gegenwart Gottes, sie sind Räume der Ehrfurcht und der Anbetung".

Aufgrund der kirchlichen Finanzsituation, rückläufigem Gottesdienstbesuch, fehlender Pfarrer und der Bildung größerer Seelsorgeeinheiten müssen viele Gemeinden über eine Umnutzung ihrer Gotteshäuser nachdenken. Seit der Jahrtausendwende wurden von den rund 24.500 katholischen Kirchen in Deutschland etwa 500 aufgegeben, 140 abgerissen - eine Entwicklung, die noch nicht abgeschlossen ist.

Vor allem das Bistum Essen ist von Sparmaßnahmen betroffen. In den vergangenen Jahren wurden dort rund 105 Kirchen aufgegeben, davon 31 abgerissen.

Studie der Evangelischen Bank

Eine am Freitag in Kassel vorgestellte Studie der Evangelischen Bank ergab, dass 90 Prozent der befragten Verwaltungseinheiten innerhalb der vergangenen fünf Jahre bereits Kirchenimmobilien verkauft hat - neben Kirchen etwa auch Pfarr- und Gemeindehäuser oder Kindergärten. 69 Prozent der befragten Immobilienverantwortlichen, darunter allein zwölf Vertreter von Landeskirchen mit rund 10 Millionen Gläubigen, gehen davon aus, dass es künftig mehr Immobilienverkäufe aus kirchlicher Hand geben wird.

Der Abriss eines nicht mehr genutzten Gotteshauses gilt nach der Arbeitshilfe der Bischofskonferenz als "ultima ratio"; vorzuziehen sei eine eingeschränkte liturgische Nutzung oder ein Verkauf des Gebäudes. Könnte also theoretisch eine McDonald's Filiale in einem früheren Kirchengebäude eröffnen? Das komme auf die Vertragsgestaltung an, sagt der Bonner Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards. Dauerhaft habe die Kirche wenig Einfluss auf die künftige Verwendung des Gebäudes - was vielen Gläubigen ein Dorn im Auge sei.

Dazu kommt ein weiteres Problem: "Je mehr zweckentfremdete Kirchen es gibt, desto weniger werden die Gebäude künftig mit der ursprünglichen Bedeutung identifiziert." Deshalb bevorzugten einige Bischöfe einen Abriss, erklärt der Theologe. Gemeinden seien mit solchen Entscheidungen oft allein gelassen, kritisiert Gerhards. Es fehle eine übergeordnete Instanz, die systematisch an die Probleme herangehe. "Jedes Bistum wurschtelt stattdessen selbst vor sich hin."

Nicht alle Kirchen könnten erhalten werden

"Das sind schwierige Zeiten", räumt Gerhards ein. Nicht alle Kirchen könnten erhalten werden. Dennoch sieht der Theologe in den aktuellen Entwicklungen einen Prozess der "Selbstzerstörung" und warnt: "Wenn die Bischöfe so weitermachen, wird Kirche in ein paar Jahren nur noch an ausgewählten Orten stattfinden."

Kircheninterne Entwicklungen sind aber nicht die einzige Ursache für den Verlust von Gebäuden. In den drei großen Braunkohlerevieren im Rhein-Ruhr Gebiet, der Lausitz und dem Raum Leipzig-Halle wurden ebenfalls Kirchen abgerissen, zuletzt der Immerather Dom. Für den Tagebau Garzweiler II sind noch drei weitere Abrisse geplant.

Eine Kirche, die mit Baggern abgerissen wird - das Bild polarisiert. Online gibt es Zuspruch anti-kirchlicher Stimmen. Auf der anderen Seite setzen sich nicht nur Kirchgänger, sondern auch Kultur- und Heimatinteressierte für den Erhalt der Bauten ein. Denn für den weit überwiegenden Teil der Bevölkerung seien Kirchen von Bedeutung - unabhängig von der Religion, betont Gerhards.

Daher sieht der Theologe auch eine "Chance für Kirche, sich in der Gesellschaft, wo sie ansonsten im Rückzug ist, zu positionieren". Wichtig sei, Orte der Kommunikation und Gemeinschaft zu etablieren und auch nicht-religiöse Menschen ins Boot zu holen. "Als Leuchttürme machen Kirchengebäude einen Stadtteil interessant", sagt Gerhards. Aktuell habe es jedoch den Anschein, als laute das Motto: "Der Letzte macht das Licht aus."

Anna Fries
(KNA)

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