Abschlussbericht zu Missbrauchsskandal bei Regensburger Domspatzen
Abschlussbericht zu Missbrauchsskandal bei Regensburger Domspatzen

19.07.2017

Kinderschutzexperte zum Missbrauchsskandal in Regensburg "Heute unvorstellbar"

Der Untersuchungsbericht zum Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen weist erschreckende Zahlen auf. Für den Kinderschutzexperten Pater Hans Zollner ein dunkles Kapitel, das auch Gleichaltrige aus seiner damaligen Heimat betraf.

domradio.de: Aus dem Bericht geht hervor, dass über 500 Domspatzen körperliche Gewalt erfahren haben und fast 70 Chorknaben sexuell missbraucht wurden. Die Dunkelziffer soll bei etwa 700 Fällen insgesamt liegen. Sie sind selber gebürtig aus Regensburg. Wie ging es Ihnen, als Sie von den Zahlen hörten?

Pater Hans Zollner (Leiter des Kinderschutzzentrums des Institutes für Psychologie der Universität Gregoriana in Rom): Das sind erschütternde Zahlen. Ich bin in Regensburg geboren. Ich kenne Etterzhausen und Pielenhofen, das ist in meiner Nachbarschaft, in der ich aufgewachsen bin. Das waren Institutionen, die in meiner Kindheit eine große Rolle gespielt haben. Wir wussten, wie bedeutend dieser Chor ist und welchen Ruf er hat. Es ist eine erschütternde Zahl, aber hinter jeder Zahl verbergen sich Menschen. Viele Menschen, deren Leben zerstört oder sehr schwer verwundet worden ist, was sehr erschütternd ist.

domradio.de: Der Sonderermittler Ulrich Weber hat Beschreibungen zitiert, wie sie drastischer kaum sein könnten: Die Opfer hätten die Vorschulen in Etterzhausen und Pielenhofen als "Hölle", "Gefängnis" oder "Konzentrationslager" beschrieben. Das hatte demnach nichts mehr mit schwarzer Pädagogik zu tun, die meisten Übergriffe waren - schon damals - überwiegend strafbar. Wie erklären Sie sich, dass niemand eingeschritten ist?

Zollner: Das ist für uns Heutige nicht erklärbar, ehrlich gesagt. Die einzigen Dinge, die wir heute sagen können, sind Vermutungen: Dass dort Menschen angestellt und tätig waren, die ihre eigene Emotionalität überhaupt nicht im Griff hatten; die vor lauter Ehrgeiz, den Chor zu einer Weltinstitution im musikalischen Bereich zu machen, jedes Mittel eingesetzt haben; die eine sadistische Ader hatten; und dass man über Jahre und Jahrzehnte nicht hingeschaut hat.

Ich erinnere mich selber, dass in meiner Kindheit zwei meiner Schulkameraden zu den Domspatzen – nicht in die Vorschulen, aber aufs Domgymnasium gegangen waren. Sie erzählten auch mir, dass sie geschlagen worden waren. Diese Dinge wussten wir. Aber heute ist unvorstellbar, dass damals niemand etwas getan hat, um das zu unterbinden. Dass nichts getan wurde, auch nicht von den Eltern, von denen einige davon hätten wissen können, und von der Direktion oder der Kirchenleitung.

Ich kann auch nur sagen, dass es sicherlich auch darauf zurückzuführen ist, dass damals noch nicht so über Kinderrechte nachgedacht wurde und sie sicher nicht als so fundamental angesehen wurden. Die Sensibilität dafür, was mit jungen Menschen geschieht, wenn sie geschlagen werden, hat sich über die Jahre und Jahrzehnte entwickelt.

domradio.de: Diese Entwicklung hat hoffentlich dazu geführt, dass diese Zeiten jetzt vorbei sind. Pater Zollner, wie vermeidet man aber, dass es jemals wieder zu ähnlichen Vorfällen kommt?

Zollner: Ob die Zeiten vorbei sind, wag ich zu bezweifeln. Für unseren Bereich, für unsere Weltregion trifft es vermutlich schon zu. Auch wenn ich da nicht so ganz sicher bin, ob das in allen gesellschaftlichen Bereichen wirklich so ist. Ich komme gerade aus Myanmar, dem früheren Burma, wo mir erzählt wurde, dass heute noch die Eltern den Lehrern sagen, wenn sie ihre Kinder in eine Internatsschule oder auch in die normale Schule bringen: "Lass ruhig mal die Hand ausrutschen, wenn sich unser Kind nicht anständig benimmt, denn das wird es dann erziehen."

Also ich glaube, weltweit gesehen ist die Situation nicht so, dass diese Mittel, wie mit dem Stock geschlagen zu werden oder Erniedrigungen aushalten zu müssen, ausgerottet sind. Leider glaube ich, es ist noch nicht so weit.

Was man tun kann und muss, ist, dass man das Gut des menschlichen Lebens, der menschlichen Entwicklung von jungen Menschen an die erste Stelle stellt. Dass man sich auch vor Augen hält, was man diesen jungen Leuten antut, wenn man sie bloßstellt, wenn man sie prügelt, wenn man ihnen nicht auf die Art und Weise begegnet, so dass sie mit all den Talenten und all den Grenzen, die sie an sich selber und der Welt erleben werden müssen, aufwachsen können.

Aber eine Institution wie eine Schule oder ein Internat kann sich die Personen, die dort arbeiten, sehr genau anschauen, wenn sie eingestellt werden. Sie kann sie regelmäßig supervidieren, ihnen sagen, was sie tun dürfen und was sie nicht tun dürfen. Sie kann die Personen unterschreiben lassen, was passiert, wenn sie sich nicht an diese Verhaltensregeln halten. Es ist auch möglich, Gebäude wie Schulen und ähnliche Institutionen schon so zu bauen, dass keine versteckten Handlungen vorkommen können, sondern dass alles ans Tageslicht kommt, damit auch keine versteckten Dinge vor sich gehen – weder in der physischen Misshandlung noch im sexuellen Missbrauch.

Das Interview führte Tobias Fricke.

(DR)

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