Regensburger Domspatzen
Regensburger Domspatzen
Johannes-Wilhelm Rörig
Johannes-Wilhelm Rörig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung

18.07.2017

Missbrauchsbeauftragter zu Regensburger Domspatzen Ein System der Angst

Im Abschlussbericht zu den Missbrauchsfällen bei den Domspatzen wird deutlich, alle Verantwortungsträger hatten zumindest "ein Halbwissen" von den Vorgängen. Vom einem System der Angst spricht Missbrauchsexperte Rörig.

domradio.de: 49 Mitarbeiter bei den Regensburger Domspatzen wurden als Schuldige identifiziert. Was sagen Sie dazu?

Johannes-Wilhelm Rörig (Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs): Das ist eine sehr hohe Zahl von Tätern, die auch psychische und körperliche Gewalt ausgeübt haben. Nach dem Bericht sind neun Täter identifiziert, die über einen längeren Zeitraum sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt gegen die Domspatzen-Buben ausgeübt haben - unter anderem auch der Vorschuldirektor selbst.

domradio.de: Wenn so viele Missbrauchsfälle auftreten, muss da nicht ein System dahinterstecken?

Rörig: Das ist dem Bericht jetzt richtig lehrbuchhaft zu entnehmen und es erschüttert zutiefst, dass klare Abhängigkeitsstrukturen, die in Regensburg gegolten haben, ein System der Angst, die hier diese rohe Gewalt gegen die Jungen mitverantwortet hat, geschürt hat.

domradio.de: Es gibt ja das Argument: Gewaltanwendung gehörte in den 1960er und 1970er Jahren zur Erziehung dazu. Ist da ein gängiges Erziehungsmodell außer Kontrolle geraten oder steckte kriminelle Energie dahinter?

Rörig: Aus meiner Sicht steckte da kriminelle Energie dahinter. Wenn heute sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ausgeübt wird – wir haben aktuell 12.000 Ermittlungs- und Strafverfahren wegen sexuellen Kindesmissbrauchs im familiären Bereich und auch viele Verfahren sexueller Gewalt mittels digitaler Medien – werden immer Macht- und Abhängigkeitsstrukturen ausgenützt. Deswegen ist es mir so wichtig, dass heute über Regensburg hinaus auch die im kirchlichen wie außerkirchlichen Bereich Tätigen genau schauen, was in Regensburg jetzt ans Licht gekommen ist und wo wir in unserem Zuständigkeitsbereich selbst aktiv werden können, so dass die uns anvertrauten Kinder nicht eine ähnliche Gewalt erleiden.

domradio.de: Sind kirchliche Einrichtungen besonders anfällig für Missbrauchsverhalten?

Rörig: Den Eindruck könnte man haben, aber ich würde das nicht unterstreichen. In der Vergangenheit hat es wohl in der Priesterausbildung Schwächen gegeben, da das Thema Sexualität, der eigenen und die der Kinder, nicht hinreichend in die Ausbildung aufgenommen wurde. Da ist mir jetzt von dem Vorsitzenden der Regentenkonferenz (Anm.d. Red.: Konferenz der Leiter der Priesterseminare) versichert worden, dass dieses Thema in der Ausbildung verstärkt eine Rolle spielt. Wichtig aber ist, dass Hilfsmaßnahmen für Kinder in den kirchlichen Strukturen implementiert werden. Es gibt da schon gute Beispiele. Wir haben in allen Diözesen Präventions- und Missbrauchsbeauftragte. Das muss aber eine Daueraufgabe sein, denn Kinder brauchen Menschen, denen sie vertrauen können. Das muss ja früher für die Kinder in Regensburg das blanke Grauen gewesen sein, dass sie niemanden gefunden haben. Wie ohnmächtig müssen sie sich gefühlt haben, als ihnen all das angetan worden ist.

domradio.de: Kann man ausschließen, dass es zu Missbrauchsfällen in diesem Umfang überhaupt noch kommen kann?

Rörig: Wir können das nicht ausschließen. Aber die Kirchen oder der Sport können Grauzonen verkleinern, so dass die Möglichkeit von sexuellen Übergriffen reduziert wird. Das ist eine Aufgabe, die jeden Tag neu angegangen werden muss. Es gibt viele Hauptamtliche und Ehrenamtliche, denen Kinder anvertraut sind. Und da muss es klare Regeln geben - wie bei der Nähe im Tanzverhältnis - und es muss überall Beschwerdemöglichkeiten in kirchlichen wie auch außerkirchlichen Strukturen wie beispielsweise in Schulen oder bei den Sportvereinen geben.

domradio.de: Der Abschlussbericht spricht von 547 Missbrauchsfällen, die bislang bekannt sind. Es wird eine Dunkelziffer von 700 Fällen vermutet. Hat das Bistum Regensburg genug getan, um den Opfern bei der Verarbeitung ihres Leids zu helfen?

Rörig: Nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle im Jahr 2010 ist zunächst zu wenig unternommen worden. Und es hat bis zum Jahr 2013 gedauert, also bis Kardinal Müller nach Rom gezogen ist, dass die Betroffenen mit seinem Nachfolger Bischof Vorderholzer den Aufarbeitungsprozess voranbringen konnten. Im Abschlussbericht ist von Versäumnissen in der Zuständigkeit von Kardinal Müller die Rede, von organisatorischem Versagen. Und es ist es mir sehr wichtig, dass sich Kardinal Müller auch bei den Betroffenen dafür entschuldigt, dass er jahrelang den systematischen Missbrauch an Domspatzen nur als Einzelfälle abgetan hat.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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