Symbolbild Missbrauch in der katholischen Kirche
Symbolbild Missbrauch in der katholischen Kirche

18.07.2017

Abschlussbericht zu Missbrauch bei Domspatzen Über 500 Missbrauchs-Opfer

Rund zwei Jahre hat die Aufarbeitung gedauert. Nun wurde am Dienstag der Abschlussbericht zu den Missbrauchs- und Misshandlungsfällen bei den Regensburger Domspatzen vorgestellt. Über 500 Domspatzen waren demnach betroffen.

Die Untersuchung der Misshandlungs- und Missbrauchsvorwürfe beim weltberühmten Chor den Regensburger Domspatzen ist nach zwei Jahren beendet: Der vom Bistum Regensburg beauftragte unabhängige Sonderermittler Ulrich Weber bezifferte die Zahl der von ihm ermittelten Opfer am Dienstag in Regensburg auf 547.

Weber sagte vor Journalisten, er gehe weiter von einer Dunkelziffer in Höhe von rund 700 Opfern aus. Der rund 450 Seiten starke Bericht wurde im Internet veröffentlicht.

Demnach haben 500 Domspatzen seit 1945 körperliche Gewalt erlitten, 67 sexuelle Gewalt. Betroffen sind laut Bericht alle Institutionen, also Schulen, Internate und die Musikerziehung. Von den als "hoch plausibel" ermittelten 49 Tätern seien 9 sexuell übergriffig geworden. Unter den Tätern seien Internatsdirektoren, ein Vorschuldirektor, Präfekten und viele Angestellte vertreten.

Gewalt bis in die 90er Jahre

Schwerpunktmäßig haben sich die Taten in den 1960er und 1970er Jahren ereignet. Bis 1992 sei durchgängig von körperlicher Gewalt berichtet worden. Die Opfer hätten die Vorschulen in Etterzhausen und Pielenhofen als "Hölle", "Gefängnis" oder "Konzentrationslager" beschrieben, heißt es. Physische Gewalt sei "alltäglich, vielfach brutal" gewesen, zwischen Regelverstößen und Strafen habe "meist ein grobes Missverhältnis" bestanden. Alle Vorfälle seien zu ihrer Zeit "mit wenigen Ausnahmen verboten und strafbar" gewesen. 

"Nahezu alle Verantwortungsträger" bei den Domspatzen hätten zumindest ein "Halbwissen" von den Gewaltvorfällen gehabt, am Thema jedoch wenig Interesse gezeigt. Ser Schutz der Institution habe im Vordergrund gestanden. Opferschicksale seien ignoriert, Beschuldigte teilweise geschützt worden, hieß es.

"Domkapellmeister R." habe weggeschaut

Insbesondere "Domkapellmeister R." sei sein "Wegschauen" und fehlendes Einschreiten "trotz Kenntnis" vorzuwerfen. Es hätten sich jedoch keine Erkenntnisse ergeben, dass R. von sexueller Gewalt gewusst habe, präzisierte Weber auf Nachfrage. "Pflichtverstöße" der Eltern und "Versäumnisse" der kirchlichen und staatlichen Aufsichtsbehörden hätten mit dafür gesorgt, dass keine Maßnahmen gegen die Gewalt ergriffen worden seien.

Webers Bericht hält fest, dass "Bischof M." im Jahr 2010 den Aufarbeitungsprozess initiiert habe. M. habe jedoch die Verantwortung für "strategische, organisatorische und kommunikative Schwächen" in diesem Prozess. Diese seien unter seinem Nachfolger, "Bischof V.", behoben worden. Mitte 2015 habe mit der Beauftragung einer unabhängigen Instanz zur Aufklärung sowie der direkten Einbindung von Opfern in die Aufarbeitung ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Heute seien bei den Domspatzen organisatorische Schwachstellen behoben, die Pädagogik zeitgemäß, die Präventionskonzepte aktuell. Es gebe eine "hohe Sensibilität für die Thematik.

Weber äußerte den Wunsch, dass seine Aufklärung zur Befriedung aufseiten der Opfer beitrage. Das Bistum hat ihnen unter anderem sogenannte Anerkennungsleistungen zwischen 5.000 und 20.000 Euro pro Person zugesagt. Darüber wird auf Grundlage von Webers Bericht in einem gesonderten Gremium entschieden. Bisher sind dort nach Angaben von Beteiligten 300 Anträge gestellt worden. Schätzungsweise würden insgesamt 2 bis 3 Millionen Euro ausgezahlt.

Die Vorstellung des Abschlussberichts wird live im Bayerischen Rundfunk übertragen. Hier geht es zum Stream.

(KNA)

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