Flüchtlingsboot als Krippe in Köln
Flüchtlingsboot als Krippe in Köln
Benjamin Marx
Benjamin Marx

27.01.2017

Holocaust-Gedenktag: Benefizkonzert vor einem Flüchtlingsboot "Menschen, wir müssen hinschauen"

In der Kölner Kirche St. Maria Lyskirchen wird an diesem Freitag mit einem Benefizkonzert vor einem Flüchtlingsboot aus dem Mittelmeer des Holocaust gedacht. Organisator Benjamin Marx sieht Parallelen zwischen 1945 und 2017.

domradio.de: Ein Konzert an einer Krippe auf einem Boot, das einmal ein Flüchtlingsboot auf dem Mittelmeer war, was ist das für ein Signal?

Benjamin Marx (Organisator Bootskrippe und Ehrenamtler in der Kölner Kirche St. Maria Lyskirchen): Die Krippe ist in diesem Jahr auf diesem Flüchtlingsboot aufgebaut. Das Boot ist Botschaftsträger der Krippe. Wir wollten einfach damit ein Zeichen setzen. Es genügt nämlich nicht, sich darüber aufzuregen, wenn mal ein Bild gezeigt wird, auf dem eine Kinderleiche an den Strand gespült wird. Nachher ist die Betroffenheit wieder weg. Wir wollten einfach sagen: "Menschen, wir müssen hinschauen."  

Schauen wir zurück. Am 27. Januar 1945 ist das KZ Auschwitz befreit worden und alle haben gesagt: "Wir haben das nicht gewusst". Wir wissen heute alle, was auf dem Mittelmeer passiert. Wir wollten diesen Akzent setzen und wir setzen ihn mit den "Kindertotenliedern" von Gustav Mahler, die am Boot vorgetragen werden zur Erinnerung an das Leid der Kinder dieser Welt.

domradio.de: Kann man eine Brücke schlagen von dem Leid der Kinder heute, also diesen Flüchtlingskindern, die im Mittelmeer auf diesen Booten umkommen, zu heute? Wie machen Sie das?

Marx: Ich denke, man kann die Sachen nicht miteinander vergleichen. Aber in beiden Fällen wurde auch viel weggeschaut. Viele haben gesagt: "Wir wussten das nicht, wir haben das nicht gesehen". Sie haben einfach weggeschaut. So sind die Menschen in den KZs ums Leben gekommen. Und so sterben die Flüchtlinge im Mittelmeer vor den Augen der Öffentlichkeit.

Wir haben ja schon seit Jahren in unserer Krippe einen jüdischen Apotheker stehen, der ein eisernes Kreuz trägt und einen Davidsstern. Es ist eine reale Figur, die tatsächlich in diesem Viertel gelebt hat. Wenn in dieser Krippe die Figuren aus dem Viertel dargestellt werden, dann gehört dieser jüdische Apotheker mit dazu.

domradio.de: Das Thema ist präsent, Sie haben es eben auch schon gesagt: Es werden von Gustav Mahler die "Kindertotenlieder" an dem Boot gespielt. Das ist auch eine Thematik, die einen teilweise sprachlos zurücklässt. Schafft die Musik, was Worte vielleicht nicht können?

Marx: Ja. Die Künstler haben versucht durch die Musik und durch den Text das in eine Form umzusetzen. Es geht um das, was man verbal sonst nicht mitteilen kann. Es ist etwas, was auch den Menschen Trost gibt, aber gleichzeitig auch aufrütteln soll. Es wird über das Los der Kinder auf der Erde gesprochen. Es geht um Kinder, die ausgebeutet werden – in Steinbrüchen oder in Minen. Denn auch wir konsumieren Dinge, die durch Kinderarbeit erzeugt werden. Kinderarbeit ist oftmals schleichender Mord.

domradio.de: Was meinen Sie, wenn wir von dem Heute sprechen? Den ganzen Wirbel um die Höcke-Rede? Hat der etwas in Erinnerung an den Holocaust geändert?

Marx: Also ich denke, er hat damit schon provoziert. Er hat das sehr widerlich ausgedrückt. Er spricht von einem "Denkmal der Schande". Ist das Denkmal DIE Schande oder ist das Denkmal ein Denkmal FÜR die Schande? Das hat er ja sehr offen gelassen. Es wird damit gespielt, und dieses Verhöhnen dieser Sache macht die Sache einfach noch einmal ernster.

Wir haben ja in der Krippe auch ein kleines Roma-Mädchen stehen. Dieses Roma-Mädchen Grina steht auch für eine Gruppe, die verfolgt ist. Sie trägt heute auch einen braunen Winkel, so wie der Jude den Davidsstern trägt. Die Roma hatten eben ein braunes Dreieck, um gekennzeichnet zu sein. Ich habe in Berlin ein Projekt mit Roma zusammen gemacht. Uns sind die Worte entgegen gerufen worden: "Euch hatte man vergessen", und "In der früheren Zeit hätte man Euch hier an dieser Stelle nicht mehr".

domradio.de: Schlimme Worte, die da zu hören sind. Umso wichtiger, dass es diesen Gedenktag heute gibt. Der Eintritt ist frei, Sie nehmen aber Spenden entgegen für die Hilfsorganisation MOAS.

Marx: Wir möchten gerne sammeln für MOAS, damit MOAS das Schiff "Phoenix" wieder auf das Mittelmeer setzen kann. Wir möchten unterstützen, dass MOAS wieder Menschenleben retten kann, die vom Ertrinken bedroht sind. Das alles ist nicht die Lösung, aber jeder Mensch hat das Recht zu leben und "jedes gerettete Leben ist einmal die Welt retten", sagen die Chinesen.

Das Interview führte Silvia Ochlast.

(DR)

Gottesdienste auch auf Facebook und Youtube

DOMRADIO.DE überträgt alle Gottesdienste auch auf Facebook und Youtube und Periscope.

DOMRADIO hören

Laden Sie sich unsere App herunter – kostenlos in den Stores. DOMRADIO hören Sie auch übers Internetradio, Smartspeaker, andere gängige Radio-Apps, in Köln auf UKW 101,7, in Berlin/Brandenburg über DAB+ und natürlich auf DOMRADIO.DE.

Himmelklar Podcast

durchatmen – Der Seelsorge Podcast

Podcast: Der Morgenimpuls von Schwester Katharina

Im Video: Täglicher Gottesdienst

Sehen Sie hier den täglichen Gottesdienst aus dem Kölner Dom. An Werktagen ab 9 Uhr, an Sonn- und Feiertagen ab 12 Uhr in der Mediathek.

Weihbischof Puff: täglicher Impuls und Fürbitten

WBS-Weggeleit

Messenger-Gemeinde

Der gute Draht nach oben!

Tageskalender

Radioprogramm

 25.05.2020
06:30 - 10:00 Uhr

DOMRADIO - Der Morgen

10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Fünf Jahre laudato si': Der Naturschutzhof in Nettetal
  • Die Bedeutung von Wegekreuzen
  • Anno domini: Weihe der Kathedrale von Coventry
10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Fünf Jahre laudato si': Der Naturschutzhof in Nettetal
  • Die Bedeutung von Wegekreuzen
  • Anno domini: Weihe der Kathedrale von Coventry
15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Nachmittag

15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Nachmittag

19:00 - 22:00 Uhr

DOMRADIO Der Abend

  • Kinder ins Grundgesetz aufnehmen: Interview mit Unicef
  • Sant Edigio appelliert
  • Papstbesuch Deutschland?
22:00 - 22:30 Uhr

DOMRADIO Nachtgebet

Heutiges Evangelium:
In dieser Woche zu Gast:
In dieser Woche zu Gast:

Wort des Bischofs

Der geistliche Impuls von Kardinal Woelki. Jeden Sonntag neu.

Wochenkommentar

Der DOMRADIO.DE Chefredakteur blickt auf die Woche.

Kostenlose Radio-App für iPhone und Android

Nehmen Sie Ihr DOMRADIO.DE mit wohin Sie wollen und wann immer Sie Lust haben. Funktionen: Nachrichten, Podcasts, Mediathek, Wecker, Sleep-Timer, Bluetooth, Chromecast, AirPlay, CarPlay, Android Wear…