Eine aufgeladene Debatte: Gender-Ideologie
Eine aufgeladene Debatte: Gender-Ideologie
Marianne Heimbach-Steins, Christliche Sozialwissenschaftlerin
Marianne Heimbach-Steins, Christliche Sozialwissenschaftlerin

07.10.2016

Tagung über ein Reizthema in Stuttgarter Katholischer Akademie Gender und Ideologie

Wie viele Geschlechter gibt es? Müssen alle schwul werden? Kaum eine Debatte ist häufig so irrational wie die über Gender. Die Katholische Akademie Stuttgart versuchte eine nüchterne Annäherung an ein kompliziertes Thema.

"Ist Gender eine Ideologie?" lautete der Titel der Tagung in der württembergischen Katholischen Akademie. Wer die Vorträge von Philosophen, Theologen und Biologen über Geschlechter und Geschlechterrollen gehört hatte, konnte den Eindruck gewinnen, dass die Fragestellung über das innerkatholisch höchst kontrovers diskutierte Thema auch anders hätte formuliert sein können: Sind nicht diejenigen Ideologen, die am liebsten alle naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und sozialwissenschaftlichen Diskurse ignorieren und alles so belassen wollen, wie es früher gesehen wurde?

Die Berliner Biologin Kerstin Palm erläuterte, dass sich die Erbanlagen eines Menschen und sein jeweiliges soziokulturelles Leben wechselseitig beeinflussen. "Variable Aktivitäten" der Gene führen dazu, dass es bei der Synapsenverbindung, bei denen Zellen miteinander Kontakt aufnehmen, auch "zur biologischen Verkörperung sozialer Erfahrungen" komme. Einfach ausgedrückt: Der Mensch entwickelt sich im hohen Maß als Produkt seines Umfelds - und die konkreten Ausformungen sind sehr vielfältig. Der vor rund 3.000 Jahre verfasste biblische Schöpfungsbericht aus dem Buch Genesis im Alten Testament, wonach Gott die Menschen als Mann und Frau schuf, ist für Palm "eine historische Position und aus heutiger Sicht falsch". Biologisch betrachtet gebe es eben nicht nur zwei Geschlechter.

Respekt für Minderheiten

Das sind Sätze, die viele beunruhigen. Interessen, vor allem Machtinteressen, sind berührt: Seien sie wirtschaftlicher, politischer und religiöser Art, es geht immer um Macht. Thematisiert wurde in Stuttgart auch, woher - auch im konservativ-katholischen und im protestantisch-evangelikalen Milieu - der Hass und die Polemik kommen, mit denen manche auf die Erkenntnisse reagieren und eine hoch emotionalisierte Debatte befeuern.

Der Mainzer Moraltheologe Stephan Goertz stellte fest, dass "wir erst seit kurzer Zeit um die Vielgestaltigkeit menschlicher Existenz wissen". Es gelte, auch "die Minderheitenvarianten zu respektieren". Für die Münsteraner Theologin Marianne Heimbach-Steins ist es "die eigentliche Gender-Ideologie, die Vielfalt nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen". Sie sprach von "Schließungstendenzen" gegenüber der tatsächlichen Vielfalt.

Unerwartete Aktualität erhielt das Thema Gender noch einmal, weil sich auch Papst Franziskus vor wenigen Tagen dazu äußerte. Er betonte, es sei eine Sache, wenn Personen ihr Geschlecht ändern; eine andere sei es, dies in den Schulen zu lehren, um einen gesellschaftlichen Mentalitätswandel herbeizuführen. 

Gender-Diskussion bedroht die "Grundlage der Familie"

Auch in seinem Lehrschreiben "Amoris laetitia" spricht der Papst von "verschiedenen Formen einer Ideologie, die gemeinhin Gender genannt wird". In Aussicht gestellt werde "eine Gesellschaft ohne Geschlechterdifferenz", der Papst sieht die anthropologische Grundlage der Familie bedroht. Zugleich bietet das Schreiben aber Anknüpfungspunkte für eine offenere Diskussion. Hinzu kommen die wiederholten Äußerungen von Franziskus, sich intensiver mit denen zu beschäftigen, die am Rande der Gesellschaft stehen.

Mit Gender verbunden sind eine Hand voll Reizthemen: Homosexualität, Transsexualität, Intersexualität. Was das auslösen kann, bekam Ende vergangenen Jahres der Essener Weihbischof Ludger Schepers zu spüren: Bei der Debatte über den Flyer "Geschlechtersensibel - Gender katholisch gelesen" hat es nach seinen Worten in der Bischofskonferenz "geknallt". Einige Bischöfe hätten die Ansicht vertreten, die Veröffentlichung der Arbeitsstelle für Frauenseelsorge der Bischofskonferenz gebe nicht die Ansicht der Bischöfe wieder.

Schepers gehört der Kommission an und ist somit politisch mitverantwortlich für das Papier. Er sprach mit Blick auf Bischofskollegen von Angst, die sich bei der "aufgeladenen Debatte" zeige. Angst sei aber "immer ein schlechter Ratgeber". Die katholische Kirche dürfe sich nicht aus dem Diskurs über Gender heraushalten. Geplant ist nach seinen Worten eine gemeinsame Erklärung der Bischöfe zu dem Thema. Wann sie kommt, ist offen. Dass die Debatte darüber spannend wird, ist sicher.

Michael Jacquemain
(KNA)

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