Deutsche und Polnische Bischöfe treffen sich (Archivbild, 2015)
Deutsche und Polnische Bischöfe treffen sich (Archivbild, 2015)
Erzbischof Ludwig Schick
Erzbischof Ludwig Schick

31.08.2019

Friedensbotschaft der deutschen und polnischen Bischöfe "Wir haben eine besondere Verantwortung"

Die polnischen und deutschen Bischofskonferenzen haben zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs eine gemeinsame Friedensbotschaft veröffentlicht. Für Erzbischof Ludwig Schick war dies mehr als nur ein Bedürfnis.

DOMRADIO.DE: Werfen wir zunächst mal einen Blick zurück: Zwischen der Polnischen und Deutschen Bischofskonferenz gibt es eine historisch zu nennende Beziehung. Los ging das mit einem Briefwechsel im Jahr 1962. Was war das für ein historischer Briefwechsel?

Erzbischof Ludwig Schick (Erzbischof von Bamberg, Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz und Vorsitzender der Kontaktgruppe der Polnischen und Deutschen Bischofskonferenz): Dieser Briefwechsel kam quasi in den letzten Tagen des Zweiten Vatikanischen Konzils 1965 im November zustande. Die polnischen Bischöfe – und das muss betont werden, denn von denen ging die Initiative aus – schrieben an die deutschen Bischöfe einen Brief und erinnerten an die schrecklichen Ereignisse des Zweiten Weltkrieges und auch der Zeit danach und wollten die Versöhnung zwischen Deutschland und Polen initiieren.

Sie schrieben in diesem Brief die bekannten Worte: Wir vergeben und bitten um Vergebung. Die Deutsche Bischofskonferenz, beziehungsweise die Bischöfe, die damals bei dem Zweiten Vatikanischen Konzil dabei waren, antworteten und haben diese Initiative aufgegriffen und mit denselben Worten dann auch zurückgeschrieben. Da begann der Versöhnungsprozess zwischen den Polen und den Deutschen – zunächst auf kirchlicher Seite, aber das ging dann auch in die Politik und in die staatlichen Initiativen hinein.

DOMRADIO.DE: Das heißt, die katholische Kirche hat damals gewissermaßen die Tür geöffnet, um den Versöhnungsprozess in Gang zu setzen?

Schick: Ja, das ist auch anerkannt worden. Die evangelische Kirche war aber auch mit einer Initiative dabei. Politiker haben später in den 1970er, 1980er Jahren bekannt, dass, bevor die Politik im Versöhnungsprozess zwischen Polen und Deutschland tätig wurde, die Kirchen schon gute Vorarbeit geleistet hatten.

DOMRADIO.DE: Die Beziehung zwischen den beiden Bischofskonferenzen ist seitdem sehr eng. Seit 1995 gibt es auch die Kontaktgruppe der Polnischen und Deutschen Bischofskonferenz. Wie ist es nun zu dieser gemeinsamen Friedensbotschaft gekommen, die heute veröffentlicht wurde?

Schick: Uns war klar, dass wir als Kirchen in Deutschland und in Polen etwas zu dem Beginn des Zweiten Weltkrieges sagen sollten und mussten. Einmal um an die schrecklichen Ereignisse von 1939 bis 1945 – und auch noch danach – zu erinnern. Aber auch vor allem im Hinblick auf heute und die Zukunft. Der Frieden steckt immer in zerbrechlichen Gefäßen und man muss immer wieder den Frieden bewahren. Wir sind in einer Situation, in der auch wieder Populismus erwacht und in verschiedenen Ländern deutlich zu spüren ist. Da ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass es nie wieder zu einer Katastrophe wie im Zweiten Weltkrieg kommen darf und dass wir alles, was das befördern könnte, benennen und auch beheben.

DOMRADIO.DE: So ähnlich hat es auch der Erzbischof von Krakau gesagt. Die gemeinsame Botschaft solle eine Inspiration für die gemeinsame Gegenwart und auch Zukunft sein. Inwieweit kann sie eine Inspiration sein?

Schick: Inspiration insofern, dass sie das wichtige Gut des Friedens, der Versöhnung, des guten Miteinanders, auch der Akzeptanz von verschiedenen Kulturen und Völkern in Erinnerung ruft. Der Zweite Weltkrieg ist nicht aus der Hölle gekommen und vom Himmel gefallen, sondern er wurde durch politische Initiativen vorbereitet. Alle Kriege haben eigentlich eine Vorgeschichte. Kriege beginnen gewöhnlich zunächst im Kopf und manchmal auch im Herzen. Und die Saat der Verachtung anderer Völker, die Saat der Egoismen, der Nationalismen, die muss gesehen werden und die darf man nicht aufkeimen lassen.

Mir ist auch immer wichtig, dass gerade Deutschland und Polen im Friedensprozess bleiben und den Frieden bewahren. Wir bilden zusammen mit Frankreich auch das Herz Europas. Und wenn hier Frieden herrscht, dann ist das auch wichtig für die gesamte europäische Region und sogar für die gesamte Welt. Ich denke, wir haben eine besondere Verantwortung – gerade im Herzen Europas.

DOMRADIO.DE: Diese Friedensbotschaft, so haben Sie es ausgedrückt, ist damit zugleich auch eine Mahnung für den Frieden. Warum ist diese Mahnung gerade jetzt in dieser Zeit so wichtig?

Schick: Wir leben in Zeiten des wieder Auseinanderdriftens in Europa. Wir hatten im letzten und vorletzten Jahrzehnt ein vereinteres Europa. Aber jetzt haben wir Populismen. Wir haben neue Nationalismen. Wir haben ein Auseinanderdriften. Wir haben den Brexit und wir haben auch andere Staaten, die sich wieder mehr nur mit sich beschäftigen wollen und nur auf ihren eigenen Nationalstaat schauen. Das sind Gefahren.

Uund wir haben auch unter den ganz normalen Menschen Leute, die für Parolen und Schlagworte anfällig sind, die alles Fremde ablehnen. Da ist es wichtig, diese Tendenzen zu sehen, die Gefahren beim Namen zu nennen und auch alles zu tun, damit diese Gefahren nicht stark werden, sondern der Frieden und Friedensinitiativen bewahrt bleiben.

DOMRADIO.DE: Was erhoffen Sie sich denn von dieser gemeinsamen Botschaft? Wen soll sie erreichen oder was kann sie denn erreichen?

Schick: Wir haben zunächst einmal mit dieser Botschaft die Absicht, auf den Krieg hinzuweisen und auf die schlimmen Folgen. Die werden in dem Brief ja auch genannt. Die schlimmen Folgen der Millionen Toten, der Zerstörung von ganzen Ländern, von ganzen Städten. Auch die ganzen Verletzungen, die dadurch entstanden sind. Die ganze Atmosphäre, durch die der Zweite Weltkrieg ganz Europa vergiftet hat, beim Namen nennen. Denn viele junge Leute heute wissen gar nichts mehr davon. Also zum einen diese Dinge wieder ins Bewusstsein zu bringen.

Dann wollen wir auch ins Bewusstsein bringen, was zu Krieg führt und was Frieden bewahrt. Zudem rufen wir auch zum Gebet auf am nächsten Wochenende, damit überall für den Frieden gebetet wird. Das Gebet macht bewusst und reinigt auch die Herzen und macht sie bereit, für den Frieden einzustehen, denn der Frieden muss in den Herzen der Menschen auch vorhanden sein. Je mehr Menschen friedliche Herzen, friedliches Verhalten haben, desto weniger haben Kriegstreiber die Möglichkeit, ihre Ziele zu erreichen.

DOMRADIO.DE: Deshalb wird es am kommenden Wochenende auch gemeinsame Gottesdienste geben in Berlin, in Warschau, in Wielun. Dort wird natürlich auch für den Frieden gebetet. Welche Rolle können die christlichen Kirchen denn für den Frieden einnehmen? In welcher Verantwortung stehen die Kirchen da oder in welcher Verantwortung sehen sie sich?

Schick: Zunächst einmal müssen wir an die Botschaft Jesu erinnern. Die beginnt in Bethlehem: Ehre sei Gott und Friede den Menschen auf Erden. Der auferstandenen Christus sagt immer wieder: "Friede sei mit euch". Frieden gehört zur Kernbotschaft des Christentums. Das müssen wir sagen und das müssen wir auch in die Welt tragen.

Und Frieden hat Voraussetzungen, wie die Anerkennung der Würde eines jeden Menschen, die Anerkennung der Rechte eines jeden Menschen – und das weltweit, unabhängig von Rasse, Nation, Herkunft, Gesundheit, Krankheit. Und Frieden hat auch die Gerechtigkeit als Voraussetzung und Bedingung. Alle Menschen müssen gerecht leben können auf der ganzen Welt. Das beinhaltet eine gerechte Verteilung aller Naturressourcen und auch die Bewahrung der Schöpfung.

Wenn wir heute für die Bewahrung der Schöpfung plädieren, dann ist das auch ein Beitrag zum Frieden. Frieden ist die Botschaft des Christentums, ist die Botschaft Jesu. Und die Voraussetzungen für diesen Frieden zu schaffen, ist Aufgabe der Christen, das heute in die Welt hinein zu sagen und selbst aktiv auf allen Ebenen diesen Frieden und diesen Friedensprozess voranzubringen.

Das Interview führte Johannes Schröer.

(DR)

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