Paul M. Zulehner
Paul M. Zulehner

Paul M. Zulehner (75) gehört zu den bekanntesten Religionssoziologen Europas. Er untersucht seit Jahrzehnten gesellschaftliche Entwicklungen, kommentiert sie aus der Sicht des Christentums. 1964 wurde er zum Priester geweiht. Bis 2008 hatte er den Lehrstuhl für Pastoraltheologie an der Universität Wien inne.

17.07.2015

Religionssoziologe Zulehner für neue Sichtweise auf Mitgliedszahlen "Raus aus dem Jammertal"

Der Religionssoziologe Paul Zulehner erwartet auch in den kommenden Jahren "Bereinigungsaustritte" aus der Kirche. Religion sei heute kein Schicksal mehr. Jede bewusste Entscheidung für Kirche sei ein Grund zur Freude.

domradio.de: In den vergangenen Jahren konnte man sich die enormen Kirchenaustrittszahlen immer gut erklären: 2010 der Missbrauchsskandal, dann kam der Skandal um Tebartz-van Elst, dann die Änderungen beim Einzug der Kirchensteuer. Warum verlassen die Menschen in so großer Zahl die katholische Kirche?

Paul Zulehner: Wir sind dabei zu lernen, dass es zwei Arten von Kirchenaustritten gibt. Die einen haben einen bestimmten Anlass, so wie Missbrauch oder Tebartz-van Elst. Auf der anderen Seite gibt es derzeit einen tiefen Umbau der Kirche: Vorbei ist die Zeit, wo Religion Schicksal war, heutzutage gibt es die freie Wahl, eingebunden natürlich in die jeweilige Umwelt und Kultur. Also diese Veränderung vom Schicksal zur Wahl führt natürlich notwendigerweise zu einer Situation, die neu ist in unserer Kultur und das wird noch länger andauern.

Daher überraschen mich die Zahlen nicht. Das sind "Bereinigungsaustritte" aus einer Zeit, die wir die "Konstantinische Ära in ihrer nachreformatorischen Form" nennen, wo man zur Kirche gehören musste und heute eben nicht mehr dazu gehören muss. Die Frage ist nun, warum die Menschen nun die Freiheit nutzen und austreten. Unsere ganz neuen Studien besagen, das liegt vielleicht gar nicht so sehr an den Irritationen, also an diesen Störungen - da kommen ja noch viele andere Aspekte hinzu: das Verhältnis der katholischen Kirche zu den Frauen, die Sexualmoral, die Beteiligungsmöglichkeiten, das sind weitere Irritationen.

Eine Studie von Allensbacher hat vor Jahren schon gezeigt: Entscheidend sind langfristig eigentlich die Gratifikationen, die Bindungskräfte. Es sieht so aus, als wäre es den Kirchen nicht gelungen, bei einer großen Zahl von getauften Kirchenmitgliedern im Laufe des Lebens starke Bindungskräfte zu schaffen. Sie verlassen uns heute und sagen, es lohnt sich nicht mehr heute dafür zu bezahlen, wenn ich nicht verstehe, warum das Evangelium in der kirchlichen Form für mein Leben unentbehrlich ist. Wenn dieses Wissen weggeht, dann gehen die Menschen auch aus der Kirche weg.

domradio.de: In Amerika erlebt Religion eine wahre Renaissance - warum nicht in Deutschland?

Zulehner: Das hat noch mit einem geschichtlichen Sondergut Europas zu tun. Europa ist ja schon ein bisschen der Ausnahmefall in der Entwicklung des Christentums. Amerika hat eine andere Tradition, da waren von Beginn an gläubige Menschen, die bis in die Verfassung hinein Gott mitgenommen haben. Auf einem Dollarschein findet man immer noch "In God we trust", also "Wir vertrauen auf Gott". Das ist tief eingeschrieben in die amerikanische Kultur. In Europa müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass durch die Reformation, deren 500. Jubiläum wir demnächst feierlich begehen werden, wir eine Geschichte haben, wo im Namen der Konfessionalität, also der Zugehörigkeit zu einer der gespaltenen Kirchen, unglaublich viel Leid und Elend in einem 30-jährigen Krieg gebracht worden ist, dessen Grausamkeit mit der Grausamkeit der heutigen Terrormiliz IS durchaus konkurrenzfähig ist. 70 Prozent der Bevölkerung in den Gebieten, in denen der Religionskrieg getobt hat, sind vernichtet, umgebracht, aufgehängt und geschändet worden. Das hat dazu geführt, dass im Grunde genommen in Europa das Christentum in der Verbindung mit Gewalt in einen unglaublich schlechten Zustand geraten ist, in ein Negativimage, von dem Europas Kulturen sich bislang nicht erholt haben.

domradio.de: Müssen wir uns in Zukunft damit abfinden, zu einer kleinen Minderheit von Christen in einer weitgehend säkularen Gesellschaft zu gehören?

Zulehner: Ich würde einen ganz pragmatischen Tipp geben: Auch wir haben zu Beginn der Sendung gesagt, jetzt sind es "nur noch" so und so viele Katholiken im Land. Dieses "nur noch" setzt voraus, dass es eigentlich 100 Prozent waren und sein müssen. Wir rechnen von 100 Prozent herunter, wo wir aus einer Zeit kommen, wo Religion Schicksal war. In Zukunft sollten wir eher den Spieß umdrehen und sagen, wir rechnen von Null Prozent hinauf und könnten dann sagen, oh, es ist interessant, in vielen Ländern Europas sind so und so viele Leute sehr engagierte Christen. Es ist fast ein Wunder, dass sie sich in Freiheit ins Evangelium einwählen. Wir müssen die "Benchmark" gleichsam verändern und nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben rechnen. Dann würden wir auch dieses Jammern über die Austritte verlieren. Wir würden sagen, wir freuen uns über jeden, der bleibt, über jeden, den wir noch gewinnen können. Es sind ja auch nach unseren Studien nicht wenige im Austritts-"Standby". Das sind Leute, die sich fragen, ob sie gehen oder bleiben sollen. Wir haben eine wachsende Zahl von Leuten, die sich auch in Europa entschieden haben, Christen zu sein. Während wir zurzeit noch sehr viele Katholiken haben, unter denen einige Christen sind, wird es in Zukunft so sein, dass "Katholischsein" und "Christlichsein" oder "Protestantischsein" und "Christlichsein" sich immer mehr aneinander annähert. Wir werden klarere Verhältnisse haben.

Das Interview führte Tommy Millhome

(DR)

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