Heilige Maria Magdalena
Heilige Maria Magdalena
Dorothee Sandherr-Klemp
Dorothee Sandherr-Klemp

22.07.2017

Maria von Magdala als Apostolin neben zwölf Aposteln "Das ist ein Erdbeben!"

Maria Magdalena ist als allererste Person dem auferstandenen Jesus entgegengetreten. Lange Zeit wurde sie als das Urbild der reuigen Sünderin betrachtet. Ihr lastet eine zwiespältige Bedeutung an. Dorothee Sandherr-Klemp im Interview.

domradio.de: Die Bedeutung von Maria Magdalena ist etwas zwiespältig. Lange Zeit wurde sie als das Urbild der reuigen Sünderin betrachtet. Vor einem Jahr wurde sie von Papst Franziskus zur "Apostola Apostolorum" erhoben – und damit den zwölf Jüngern gleichgesetzt. Was bedeutet sie für Sie ganz persönlich?

Dorothee Sandherr-Klemp (Geistliche Beirätin im Katholischen Deutschen Frauenbund): Maria Magdalena ist für mich zunächst eine beeindruckend starke Frau, die Frauen – und auch Männern – heute Mut machen kann. Eine Frau, die Jesus wirklich die Treue gehalten hat. Die da, wo andere weggerannt sind, wo andere ihn verleugnet haben, präsent war und "ja" gesagt hat, die Jesus begleitet hat. Das ist das Tiefste und der innerste Kern dessen, was Maria von Magdala für uns heute sein kann.

domradio.de: Dabei ist es tatsächlich dieses Bild der reuigen Sünderin, das auch in der Kultur der vergangenen Jahrhunderte tief verhaftet ist. Spielt das eine Rolle?

Sandherr-Klemp: Ja, das ist eine richtig spannende Sache. In der ganz frühen Kirche gab es eine sehr starke Verehrung der Glaubensbotin Maria Magdalena als Glaubenszeugin. In der Ostkirche ist das bis heute noch so. Da wird sie immer noch oder wurde sie kontinuierlich als Apostelgleiche verehrt. In unserer wirkmächtigen westlichen Kirchengeschichte gab es hingegen so etwas wie eine Ent-Mächtigung der machtvollen Glaubenszeugin Maria Magdalena. Das lässt sich ganz gut an der Kunst ablesen.

Diese Darstellung der reuigen Sünderin, der Büßerin, der knienden, schönen Frau ist bekannt. Die Geschichte, die dahinter steht: Ab dem vierten Jahrhundert kam es zu einer fragwürdigen, sehr tendenziösen und vor allem unbiblischen Verschmelzung der Jesusjüngerin Maria von Magdala mit anderen Frauengestalten der Bibel, eben vor allem mit der namenlosen reuigen Sünderin. So hat sich, um mich ganz vorsichtig auszudrücken, ein für Frauen höchst ambivalentes Magdalenen-Bild entwickelt.

Die Magdalena der Kirchen- und Kunstgeschichte wird nicht als Verkünderin dargestellt – übrigens gegen das Zeugnis der Evangelien –, sondern stark erotisch eingefärbt. Eine einseitige Darstellung als devote, reuige Sünderin, nach dem Motto "das schwache Weib", "die schöne Sünderin", "die Büßerin", was ein sehr einseitiges Frauenbild ist und nichts mit der biblischen Maria von Magdala zu tun hat.

domradio.de: In der Ostkirche ist es bis heute die große Tradition, Maria Magdalena gleichzusetzen mit den zwölf Jüngern, mit den Aposteln. Die katholische Kirche hat vor einem Jahr einen ähnlichen Schritt vollzogen, als Maria Magdalena von Papst Franziskus in den Status der "Apostola Apostolorum" erhoben wurde. Was bedeutet dieser Titel?

Sandherr-Klemp: Ich würde sagen, vor einem Jahr hätte eigentlich die kirchliche Erde beben müssen, als Papst Franziskus eine Frau, die heilige Maria Magdalena, liturgisch den Aposteln gleichgestellt hat. Eine Frau hat gleichen liturgischen Rang wie die Apostel. Das ist ein Erdbeben! Aber es ist auch zutiefst biblisch: Maria von Magdala ist die Erstzeugin, sie ist die Erstverkünderin. Sie gehörte zum engsten Jüngerkreis um Jesus. Biblisch und ein Erdbeben zugleich.

Aber ich habe das Gefühl, die Rezeption findet gar nicht statt und faktisch läuft es eigentlich nach der Devise: "Tun wir so, als hätten wir nichts bemerkt." Deswegen finde ich es richtig klasse, dass Sie hier im domradio Maria von Magdala zum Thema machen und sozusagen die rühmliche Ausnahme sind. Denn es ist wirklich ein Erdbeben, es ist ein Paukenschlag!

domradio.de: Inwiefern ist das denn ein Bild für die Rolle der Frau in der Kirche im 21. Jahrhundert?

Sandherr-Klemp: Erst einmal denke ich, ist es richtig gut, sich mit der eigenen Tradition zu verbinden und auf die biblische Tradition zu schauen. Zugleich ist es auch Zeit, meine ich, auf die Gegenwart zu schauen. Wir erleben, wie trotz großen Engagements in den immer größeren, zusammengelegten Gemeinden nicht wirklich Zukunft gestaltet, sondern Mangel verwaltet wird. Das ist bitter für alle, die sich so einsetzen, und für alle, die eine Heimat suchen.

Der Papst selbst hat beispielsweise das Nachdenken über den Diakonat der Frau auf die römische Agenda gesetzt. Maria Magdalena, die Apostelin – das ist biblisch belegt und müsste wirklich ein Anstoß sein, der etwas ins Rollen bringt. Ich finde es wunderbar, dass dieses starke Signal von Papst Franziskus gekommen ist.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(dr)

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