Papst em. Benedikt XVI. am Schreibtisch
Papst em. Benedikt XVI. am Schreibtisch
Volker Resing, Chefredakteur der Herder Korrespondenz
Volker Resing, Chefredakteur der Herder Korrespondenz

26.07.2021

Journalist sieht starke Selbstreflexion in neuem Benedikt-Interview "Worte, die von Papst Franziskus stammen könnten"

Dass Benedikt XVI. für eine Öffnung der Kirche zur Gesellschaft plädiert, sieht "Herder Korrespondenz" Chefredakteur Volker Resing als einen kritischen Eigenrückblick. Das Magazin hat gerade ein Interview mit dem emeritierten Papst veröffentlicht.

DOMRADIO.DE: In einem Interview, dass die Herder Korrespondenz diese Woche veröffentlicht, geht der emeritierte Papst Benedikt XVI. unter anderem auf Abstand zu seiner "Freiburger Rede". - Ein Interview mit dem emeritierten Papst, von dem es in letzter Zeit ja hieß, er sei sehr schwach: Wie ist das möglich geworden?

Volker Resing (Chefredakteur der Herder Korrespondenz): Das ist dadurch möglich, dass es schriftlich geführt worden ist und dass ein Kollege ihm persönlich, auch mit einem persönlichen Erfahrungshorizont geschrieben hat und einige Fragen in seinem Brief formuliert hat. Und auf diese Fragen hat der emeritierte Papst geantwortet.

DOMRADIO.DE: Ist das jetzt eine Kehrtwende vom emeritierten Papst? Benedikt hatte 2011 bei seinem Deutschlandbesuch kritisiert, dass viele Getaufte sich zunehmend vom kirchlichen Leben distanzieren.

Resing: Vielleicht ist eine Kehrtwende doch ein zu starker Begriff. Da blickt ein 94-jähriger auf sein eigenes Wirken zurück. Vielleicht ein kritischer Rückblick auf sein eigenes Wirken. Das ist weniger, glaube ich, ein Agieren als ein kritischer Rückblick. Und in diese Kritik schließt er sich selbst ja auch mit ein. Und vielleicht ist ein besonders interessanter Satz von ihm, dass er sich selbst kritisiert, dass er das Positive zu wenig gesehen hat. Er nimmt vielleicht weniger von seiner Kritik etwas weg, als dass er sieht, dass es möglicherweise zu einseitig war. Und so wie ich das lese, nimmt er sich selbst ja auch nicht aus.

DOMRADIO.DE: In dem Interview übt Papst Benedikt auch scharfe Kritik an der Amtskirche. Was gefällt ihm an der aktuellen Amtskirche denn nicht?

Resing: Er sagt, dieser Begriff "Amtskirche", den er selbst eigentlich immer abgelehnt hat, trifft dann zu, wenn die Amtskirche wie eine Behörde agiert. Wenn Texte der Amtskirche unverständlich sind, in einer Sprache, die nicht vom Glauben zeugt. Aber wer war denn Amtskirche, wenn nicht er? Da kann man auch, finde ich, eine gewisse Selbstkritik lesen, auch wenn er es nicht explizit so sagt.

Aber es ist ja schon verblüffend, wenn er die Sprache der Kirche kritisiert und sich selbst davon nicht ausnimmt. Er sagt so einen schönen Satz: Das persönliche Glaubenszeugnis müsse in den Texten der Kirche stärker hervortreten. Und ich habe ein bisschen den Eindruck, das sind Worte, die eigentlich von Papst Franziskus stammen könnten, und mit dem Geist von Papst Franziskus kritisiert er jetzt auch die Kirche, in der er gewirkt hat.

DOMRADIO.DE: Erstaunlich ist ja auch, dass er in dem Interview für eine Öffnung der Kirche hin zur Gesellschaft eintritt, also davor warnt, sich mit dem katholischen Glauben in die Sakristei zurückzuziehen. Wie würden Sie das deuten?

Resing: Der emeritierte Papst spricht ein bisschen das aus, was man sonst heute von Papst Franziskus kennt. Das ist ja sehr katholisch, wenn man sich dem amtierenden Papst angleicht. In der Tat ist dieser Begriff vom Naturschutzpark erstaunlich. Der emeritierte Papst Benedikt kritisiert eine Kirche, die sich wie ein Naturschutzpark verhalten würde und den Glauben einzäunen und nur bewahren und nicht nach vorne gehen würde. Und auch das passt in das Pontifikat von Franziskus und hört sich für mich durchaus nach einer gewissen Selbstkritik am eigenen Stil und an einer eigenen Verengung an, unter der sein Pontifikat manchmal vielleicht gelitten hat.

DOMRADIO.DE: Wie ordnen Sie das Interview ein? Wird Papst Benedikt ein bisschen liberaler?

Resing: Liberal ist, glaube ich, wirklich ein zu hartes Wort. Aber altersmilde wäre vielleicht zugespitzt eine Formulierung. Es ist eine Selbstreflektion, die aus der Ferne das eigene Wirken betrachtet und nun feststellt, dass das eigene Wirken sich manchmal anders dargestellt hat, als es möglicherweise intendiert war. Und insofern würde ich schon sagen, es ist vor allem eine kritische Selbstreflexion, wo er sieht, dass das, was Papst Franziskus jetzt macht, eine starke Orientierung auch zum Kern des Glaubens, nicht etwa ein Widerspruch zu ihm steht. Und dieser Satz "Ich habe das Positive zu wenig betont", das ist, finde ich, eine starke Selbstreflektion, die manches vielleicht auch nochmal in einem anderen Licht erscheinen lässt.

Das Interview führte Michelle Olion.

(DR)

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