Papst em. Benedikt XVI. und Papst Franziskus (r.)
Papst em. Benedikt XVI. und Papst Franziskus (r.)

11.02.2020

Jahrestag der Rücktrittserklärung von Benedikt XVI. Der Schattenpapst

Selten, aber doch immer wieder mal dringt Irritierendes aus dem Alterssitz des emeritierten Papstes. Wer es auslöst, bleibt meist unklar. Fest steht: Für manche hat das Wort von Benedikt XVI. besonderes Gewicht.

Es war halb Geniestreich, halb Verzweiflungstat, auf jeden Fall historisch: Am 11. Februar 2013 kündigte Benedikt XVI. in einer lateinischen Rede vor den Kardinälen seinen Amtsverzicht an.

Der katholischen Kirche hing der Missbrauchsskandal in den Gewändern, zwei Dokumenten-Leaks hatten Korruption und Filz im Vatikan aufgedeckt. In die Krise schienen auch unterschiedliche Kurienleiter verstrickt. Und mit der Sedisvakanz waren alle ihren Job los. Was für ein Coup!

Benedikt XVI. gelobte Gehorsam

Ein neuer Papst sollte es richten. Beim Abschied am 28. Februar gelobte Benedikt XVI. dem Nachfolger, den er noch nicht kannte, Gehorsam. Er selbst wollte sich in die Stille der vatikanischen Gärten zurückziehen und der Kirche im Gebet dienen. Sieben Jahre später steht fest: Aus dem "Klösterl" drangen nicht nur Gebete zum Himmel, sondern auch Wortmeldungen nach draußen. Nicht alle waren mit Franziskus abgestimmt.

Zwar hatte Benedikt XVI. nach eigenem Bekunden erkannt, dass ihm die Kraft geschwunden war, "das Schifflein Petri zu steuern". Dennoch behielt er auch als gewesener Papst Autorität genug bei denen, die mit dem Kurs des neuen Kapitäns nicht ganz zufrieden waren.

Am augenfälligsten war dies in der Frage des Missbrauchsskandals. Für Franziskus hat das Problem sehr viel mit "Klerikalismus" zu tun, unguten Autoritäts- und Machtstrukturen. Benedikt XVI. hingegen machte in einem Aufsatz im April 2019 die sexuelle Revolution der 60er Jahre und eine lasche Moraltheologie als Wurzeln des Übels aus.

Applaus kam von jenen, die in der katholischen Kirche weniger Selbstbezichtigung und mehr klare Kante gegen den Zeitgeist wünschen, darunter die Kardinäle Gerhard Ludwig Müller und Robert Sarah.

Hohe Wellen

Benedikt XVI. hatte seine persönlich gefärbten "Notizen" dem bayerischen "Klerusblatt" anvertraut, einer Zeitung von begrenzter Reichweite. Doch konservativ-katholische Onlinemedien und Netzwerke sorgten dafür, dass die Wellen höher gingen. Unbeabsichtigte Verstärkung fand auch ein Beitrag über das Judentum: Benedikt XVI. übergab ihn als private Betrachtung an Kardinal Kurt Koch, und erst auf dessen Zureden ließ er ihn im Juli 2018 in der Zeitschrift "Communio" drucken.

Der Text rührte an empfindliche Punkte, etwa die theologische Legitimation des Staates Israel und die Fortdauer des Gottesbundes mit dem jüdischen Volk. Benedikt XVI. wollte nur ein paar Präzisierungen anbringen; doch Vertreter des katholisch-jüdischen Dialogs zeigten sich zunächst irritiert über die Thesen und die Tatsache der Veröffentlichung. Später konnten die Wogen geglättet werden.

Dann war da noch "Lettergate": die Affäre um den Brief Benedikts XVI. zu einer mehrbändigen Publikation über die Theologie von Franziskus.

Bei ihrer Vorstellung im März 2018 verlas der damalige vatikanische Medienchef Dario Vigano stolz ein Schreiben des Emeritus, in dem der das Buchprojekt lobt und zugleich erklärt, er sehe sich "auch aus physischen Gründen" außerstande, einen eigenen Beitrag beizusteuern.

Scheibchenweise kam heraus, dass Vigano wesentliche Teile des Briefs unterschlagen hatte - in denen sich Benedikt XVI. verwundert zeigte, dass unter den Autoren Peter Hünermann firmiert. Der Dogmatiker löckte einst mit der "Kölner Erklärung" 1989 wider den Stachel des Glaubenspräfekten Joseph Ratzinger. Auf so einen als Autor, schien Benedikt XVI. jetzt zu meinen, könne man getrost verzichten; wenig schmeichelhaft für Franziskus. Vigano musste seinen Posten räumen.

Beitrag für Buch von Kurienkardinal Sarah

Für Überraschung sorgte auch eine neue, von Benedikt XVI. ins Leben gerufene Stiftung für katholische Publizistik, die bei der konservativen Zeitung "Die Tagespost" angesiedelt ist. Ihr Zweck überschneidet sich mit dem der Katholischen Journalistenschule ifp in München, einer lange etablierten Einrichtung der Deutschen Bischofskonferenz.

Zuletzt machte der Emeritus dann Schlagzeilen mit seinem Beitrag für ein Buch von Kurienkardinal Robert Sarah. Der Band, eine Verteidigung des Priesterzölibats, wurde als Warnung gegen mögliche Ausnahmeregelungen durch Franziskus gedeutet. Auch wenn in diesem Fall von "Missverständnissen" die Rede war, bleibt die Frage, wie es dazu kommen konnte. Jüngste Filmaufnahmen zeigen den 92-Jährigen körperlich schwach, fast wie wehrlos. Mit dem Rücktritt vor sieben Jahren wollte er auch den Ränken an der Kurie entgehen. Es scheint, als hätten sie ihn wieder eingeholt.

Burkhard Jürgens
(KNA)

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