Soziologe über das Phänomen des Wartens

"Auch eine Frage der Selbstbestimmung"

Seit jeher gilt der Advent als Zeit des Wartens. Doch mit dem Warten tut sich der moderne Mensch oft schwer. Warum das so ist, erklärt Soziologe Andreas Göttlich von der Universität Konstanz.

 (DR)

KNA: Ab September gibt es Lebkuchen in den Supermärkten, so mancher Weihnachtsmarkt öffnet noch vor Totensonntag, und "Stille Nacht" dudelt schon im November in den Kaufhäusern. Können oder wollen wir nicht mehr warten?

Andreas Göttlich (Leiter des Forschungsprojekts "Warten. Zur Erforschung eines sozialen Alltagsphänomens"): Ich glaube schon, dass viele Menschen gerne auf Weihnachten warten würden. Hier handelt es sich um kommerzielle Entscheidungen, die von der Wirtschaft ausgehen und nicht von den Kunden. Aber auch abseits dieser Weihnachtsthematik glaube ich nicht, dass der moderne Mensch generell das Warten verlernt hat. Es gibt viele Menschen, die regelmäßig und geduldig warten. Denken Sie nur an die vielen Berufspendler, die Tag für Tag auf die Bahn warten. Für die gehört das zum Alltag. Oder an den Taxifahrer, der vor dem Bahnhof auf Kunden wartet. Manche Leute suchen auch bewusst das Warten in ihrer Freizeit. Das beste Beispiel ist da sicher der Angler.

KNA: Und doch gibt es viele Situationen, in denen uns das Warten regelrecht lästig ist: im Stau, beim Arzt oder an der Supermarktkasse. Ist das nicht ein Widerspruch?

Göttlich: Eine entscheidende Rolle spielt hier die Frage der Freiwilligkeit. Wenn wir unfreiwillig warten, dann ist uns das in der Tat lästig. Und hier lassen sich auch Entwicklungen beobachten, wonach der moderne Mensch mit dem Warten mehr Probleme hat als Menschen früherer Epochen.

KNA: Woran machen Sie das fest?

Göttlich: Die Menschen heute haben ein verändertes Gerechtigkeitsempfinden. Wir gehen davon aus, dass unsere Zeit genauso viel wert ist wie die Zeit jedes anderen Menschen in der Gesellschaft. Deshalb sind wir in Wartesituationen besonders sensibel dafür, ob es gerecht oder ungerecht zugeht. Hinzu kommt ein hoher Effizienzanspruch. Von uns wird erwartet, dass wir im Beruf effizient arbeiten. Und diese Erwartungshaltung geben wir weiter, wenn wir selbst eine Dienstleistung in Anspruch nehmen. - Als dritter Faktor spielt das Thema Selbstbestimmung eine entscheidende Rolle. Der moderne Mensch möchte so weit wie möglich selbstbestimmt agieren. Genau das aber kann er nicht, wenn er gezwungenermaßen warten muss. Deshalb ist es zum Beispiel wichtig, dass die Bahn bei einer Verspätung rechtzeitig über deren Dauer informiert. Damit nämlich gibt sie dem Kunden ein Stück seiner Selbstbestimmung wieder. Er kann jetzt entscheiden, was er in der Wartezeit macht oder ob vielleicht ein anderes Verkehrsmittel schneller ist. Das beugt Frustrationen vor.

KNA: Wo Menschen warten, bietet sich oft ein und dasselbe Bild. Jeder zückt sein Smartphone, um so die scheinbar nutzlose Zeit zu überbrücken. Was sagen Sie als Wissenschaftler dazu?

Göttlich: Manche Kollegen würden diese Zeit gar nicht als Wartezeit werten, weil man ja letztlich beschäftigt ist. Ich sehe das anders, alltagsnäher. Denn der Mensch in der entsprechenden Situation würde natürlich sagen, dass er wartet. Nebenbeschäftigungen, mit denen man Wartezeiten überbrückt, hat es schon immer gegeben. Früher hat man sich halt ein dickes Buch mitgenommen, wenn man wusste, dass die Reise länger wird. Das Smartphone hat demgegenüber den Vorteil, dass man es sehr vielseitig einsetzen kann. Man kann telefonieren, chatten oder Mails lesen, Musik hören, Spiele spielen oder im Internet surfen.

KNA: Nun gibt es Wissenschaftler, die den reflexartigen Griff zum Smartphone kritisch bewerten. Der Mensch beraube sich so jener Momente des Nichtstuns, die in uns erst kreative Prozesse freisetzen. Wie sehen Sie das?

Göttlich: In der Tat wäre es sinnvoll, das Handy in solchen Situationen auch mal in der Tasche zu lassen. Das würde auch Stress reduzieren. Oft werden Warteräume bewusst kreativ gestaltet, an Flughäfen zum Beispiel oder in Arztpraxen. Da wird dann Kunst installiert, um die Wartenden zu inspirieren. Aber viele Menschen nehmen das gar nicht wahr, weil sie so gestresst sind.

KNA: Ihr Forschungsprojekt ist bewusst international angelegt. Warten Menschen in anderen Ländern anders?

Göttlich: Das war eine meiner Hypothesen, die sich allerdings nicht so leicht belegen lässt. Denn neben den kulturellen spielen auch situative Faktoren sowie die Schichtzugehörigkeit eine wichtige Rolle. So wartet etwa der argentinische Manager genauso ungern am Flughafen von Buenos Aires wie sein japanischer Kollege am Flughafen in Tokio. Was hingegen in anderen Ländern oft unterschiedlich bewertet wird, ist das Thema Effizienz. Insofern ist die Frustrationstoleranz beim Warten etwa in afrikanischen Ländern in der Regel höher als bei uns.

KNA: Könnten oder sollten wir davon lernen?

Göttlich: Ich denke, das ist situationsabhängig. Wenn wir etwa beim Arzt warten, dann sollten wir die Praxis nicht nur nach einem vermeintlich effizienten Zeitmanagement beurteilen. Ein guter Arzt nimmt sich Zeit für seine Patienten und schiebt auch mal einen Notfall dazwischen. Davon profitiere ich letztlich auch. Andererseits gibt es Situationen, wo eine gesunde Ungeduld wichtig ist. Martin Luther King hat 1964 das Buch "Warum wir nicht warten können" geschrieben. Er war es leid, dass die US-Regierung die Bürgerrechtler ein ums andere Mal vertröstet hat. Und damit hatte er natürlich Recht.

KNA: Um noch einmal auf die Adventszeit zurückzukommen: Was könnte uns helfen, in den Wochen vor Weihnachten wieder bewusster zu warten?

Göttlich: Wir müssen uns bewusst machen, dass wir nicht immer so selbstbestimmt leben können, wie wir es gerne hätten. Jeder Mensch ist Teil verschiedener Netzwerke, was zahlreiche Abhängigkeiten zur Folge hat. Oft sind wir auch selber der Auslöser, dass andere Menschen warten müssen. Darüber nachzudenken, kann durchaus lohnend sein. Allerdings fällt das schwer, wenn wir uns gerade in der Wartesituation befinden. Dann fehlt uns einfach die nötige Distanz. Aber vielleicht kann die Adventszeit ja den Anstoß dazu geben, dieses Thema einmal zu reflektieren.


Quelle:
KNA