Flüchtlingsboot im Münchner Liebfrauendom
Flüchtlingsboot im Münchner Liebfrauendom
Gottesdienst mit Heinrich Bedford-Strohm und Reinhard Marx (Archiv)
Gottesdienst mit Heinrich Bedford-Strohm und Reinhard Marx (Archiv)
Ein Boot mit 200 Flüchtlingen im Mittelmeer
Ein Boot mit 200 Flüchtlingen im Mittelmeer

14.12.2019

Kirchen proben Schulterschluss mit Seenotrettern "Die Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, sind Christus"

Ein Imam betet im Dom, die Seligpreisungen der Bergpredigt erklingen auf Arabisch. Flüchtlinge überwältigt der Schmerz, als sie die Namen Ertrunkener verlesen. Nicht jeder Gottesdienst geht so unter die Haut.

Zum Beispiel Hamza Ben Nasr: Der 26-jährige Tunesier wurde am 23. März dieses Jahres ertrunken aus einem Schiffswrack geborgen. Er wollte nach Italien. Das europäische Netzwerk "United against refugee deaths" mit Sitz in Amsterdam hat 36.570 tote Migranten seit 1993 dokumentiert. Nicht nur Ertrunkene. Einige sind in Behelfslagern verbrannt oder haben sich selbst das Leben genommen.

Solidarität mit privaten Seenotrettern

Hamzas Name und zig weitere stehen auf den Listen, die Freiwillige bei einer Mahnwache am Samstag vor dem Münchner Dom Passanten entgegenhalten. "36.570 Tote - und es werden täglich mehr" steht auf ihrem Transparent.

Die höchsten Repräsentanten der beiden großen Kirchen in Deutschland, Kardinal Reinhard Marx und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, haben zu einem ökumenischen Gottesdienst geladen, um der Toten zu gedenken und Solidarität mit den privaten Seenotrettern zu zeigen. Auch dies ist ein demonstrativer Akt. Der Dom ist voll.

Mitarbeiter der Organisationen Sea-Eye und Resq-Ship haben vor der Kathedrale ein hochseeuntüchtiges Schlauchboot aufgepumpt, mit dem sich Flüchtlinge oft auf die riskante Überfahrt machen. Kleine Holzkreuze werden gebastelt mit den Namen toter Schiffbrüchiger darauf.

Kritische Bemerkungen

Stürmische Böen lassen die Transparente flattern. Dass sie nicht davonfliegen, dafür sorgen Menschen wie die beiden "Omas gegen rechts" und eine Ordensfrau, die sich gerade kritische Bemerkungen zum kirchlichen Engagement für Flüchtlinge anhören muss. "Sie mögen mich für dumm verkaufen, aber das lassen Sie sich gesagt sein, das verkrafte ich", sagt die Schwester resolut zu einer Frau. Erzpriester Apostolos Malamoussis schenkt zum Aufwärmen Ouzo an die Mahnwachenden aus.

Hinter ihnen ziert ein Banner den Bauzaun vor dem abgesperrten Hauptportal. "Jedes Menschenleben soll heilig sein", steht da. Könnte aus der Bibel sein. Ist aber von Kurt Eisner, dem sozialistischen ersten Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern, 1919 ermordet von einem Rechtsradikalen.

Kapitän Sampo Widmann erzählt von seinen Kreuzfahrten im Mittelmeer. An Bord seines Seglers hat er 150 Rettungswesten und dazu zwei große Rettungsinseln für 80 Personen. Damit kann er Menschen aus dem Wasser fischen und einige Stunden halten, bis größere Rettungsschiffe zur Stelle sind. An Helfern mangele es ihnen nicht, wohl aber an Geld, sagt er.

Beteiligung der Kirchen

Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth kommt vorbei und trägt sich ins Gästebuch der Seenotretter ein. Sie ist voll des Lobes für die Kirchen. Dass die Aufnahme von Flüchtlingen 2015 "trotz Stimmungsmache" gerade in Bayern so gut gelungen sei, das sei doch wohl auch ein Verdienst vieler Kirchengemeinden. Und dass sich gerade der Münchner Kardinal mit Spenden und Predigten "in der Frage so exponiert", nötigt ihr mehr als Respekt ab.

Marx hat wiederholt fünfstellige Beträge aus Kirchentöpfen für Rettungsmissionen anweisen lassen, die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) unlängst auch eine institutionelle Beteiligung beschlossen. Beide Engagements sind nicht unumstritten.

Drinnen im Dom hat die Verlesung von Namen Ertrunkener begonnen. Manchem Flüchtling stockt die Stimme dabei. Tiefes Durchatmen. Tränen. Eine junge Afrikanerin muss abbrechen. Harfenklänge überspielen dezent die einsetzende Stille.

Bewegende Predigten

Kurz vor dem Gottesdienst zieht die Prozession mit Kardinal und Landesbischof, Vertretern der griechisch-orthodoxen Kirche und zwei Imamen bei der Mahnwache vorbei. Die Bischöfe segnen die Holzkreuze und nehmen sie mit.

"Die Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, sind Christus", sagt Marx in der Predigt. Und Bedford-Strohm: "Die Toten sind in Gottes guter Hand, dessen bin ich gewiss. Aber was ist mit uns - wie sollen wir leben angesichts von so viel Leid?" Je länger die Predigt dauert, desto häufiger wird sie von Applaus unterbrochen. Derweil geht draußen der übliche Adventsrummel auf Europas belebtester Einkaufsmeile weiter.

Christoph Renzikowski
(KNA)

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