Justin Welby, anglikanischer Erzbischof von Canterbury
Justin Welby, anglikanischer Erzbischof von Canterbury

20.10.2019

Anglikanerprimas Welby geht offen mit menschlichen Verwundungen um Und Transparenz geht doch

Depressionen, Kuckuckskind und eine Disposition für Alkoholismus: Welcher Prominente würde diese ganze Packung veröffentlichen? Das Oberhaupt der anglikanischen Staatskirche macht es - und versteht es als Teil der Heilung.

Seine Gewänder und seine Mitra wirken manchmal ein bisschen zu groß - und seine Bewerbung als Kirchenoberhaupt, so verriet er beim Amtsantritt 2013, sei "eher ein Scherz" gewesen. Doch Justin Welby zeigt sein Format, wenn er spricht. Denn der 63-jährige Primas der anglikanischen Staatskirche von England hat viel Erfahrung. Nicht als Bischof - das ist er erst seit 2011. Aber Lebenserfahrung.

Kampf gegen Depressionen

Landläufig sind viele immer noch der Meinung, Führungspersonen dürften nie Schwäche zeigen oder Verletzungen einräumen. Der 105. Erzbischof von Canterbury, Ehrenoberhaupt von 77 bis 85 Millionen anglikanischen Christen weltweit, macht es anders, und zwar konsequent. Zuletzt sprach er zum Welttag der seelischen Gesundheit offen über seinen Kampf gegen Depressionen. 2018 habe er erkannt, dass er Hilfe brauche. Das sei nicht einfach gewesen; aber es habe "einen riesigen Unterschied gemacht".

Gerade von seiner Tochter Katherine (32), die unter teils schweren Depressionen leidet und diese auch öffentlich diskutiert, habe er viel gelernt, so Welby vor wenigen Tagen. Durch sie habe er verstanden, dass er sich für seine Depression nicht zu schämen brauche und diese "kein Stigma ist, sondern einfach das Leben". Sein Rat an andere sei vor allem, "nicht alleine durchs Dunkel zu wandeln".

Unehelicher Sohn eines Privatsekretärs von Winston Churchill

Und das ist keineswegs seine einzige Transparenzoffensive. Mit reifen 60 Jahren erfuhr Welby 2016 durch einen DNA-Test, dass er der uneheliche Sohn eines Privatsekretärs von Ex-Premier Winston Churchill ist. Das Oberhaupt von Englands Staatskirche als Resultat eines Seitensprungs unter Alkoholeinfluss: Der Primas nahm die Sache souverän - und erntete großen Respekt.

Es sei "eine völlige Überraschung" gewesen zu erfahren, so Welby, dass sein biologischer Vater nicht Gavin Welby, sondern der 2013 gestorbene Anthony Montague Browne war, von 1952 bis 1965 rechte Hand Churchills. Seine Erfahrung sei aber typisch für viele Menschen, vor allem aus Familien mit Schwierigkeiten und Suchtproblemen.

Vorbehaltlos räumt der Bischof ein, dass seine Eltern Alkoholiker waren und seine Kindheit "chaotisch". Seine Mutter, Lady Williams of Elvel, sei aber seit 1968 trocken. Schon beim Amtsantritt hatte Welby offengelegt, dass er seine Ehefrau Caroline auf seinen Alkoholkonsum schauen lasse. Kinder von Alkoholikern seien erwiesenermaßen stärker suchtgefährdet als andere. Er schätze "sehr einen Drink"; doch trinke er nie allein.

Unfalltod seiner kleinen Tochter

Welby ist ein spannender Typ, ein Quereinsteiger. Der Jurist, Öl-Manager und Familienvater wurde erst 1993 zum Priester und 2011 zum Bischof geweiht. Der frühere Finanzexperte des Konzerns "Elf Aquitaine" steht für Realitätssinn, rasche Auffassungsgabe und Weltläufigkeit. Die Berufsausbildung makellos: Schulabschluss in Eton; Jura und Geschichte in Cambridge und Dublin; Managerposten in Paris und London zur Finanzierung von Ölförderprojekten in Nigeria.

Der Unfalltod seiner kleinen Tochter, einem seiner sechs Kinder, brachte ihn Gott näher. 1989 die radikale Umorientierung: Theologiestudium, Priester und Dekan der Kathedrale von Liverpool.

Welbys Karriere als Seelsorger weist auch Stationen in sozialen Brennpunkten auf. Bis heute schwärmt man von dort seinem gewinnenden Wesen, von Freundlichkeit und Überzeugungskraft.

Seine einstige Managerkarriere bedeutet keine ideologische Nähe zum Finanzsektor; im Gegenteil. Im Oberhaus sitzt Welby im Ausschuss für Bankenaufsicht. Eine Kappung von Banker-Boni lehnt er ab: Solche Rasenmähermethoden wisse die Branche mit Sicherheit zu umgehen.

Zweifel an Gott

Stattdessen richtete er in seinem Londoner Amtssitz ein "Kloster auf Zeit" für angehende Finanzmanager ein. Diese Art von Gemeinschaft soll ihnen Gelegenheit geben, Ethik und Philosophie zu studieren, zu beten und zu arbeiten, gründlich über die eigene Person und Motivation nachzudenken.

Solch anpackendes Denken schützt freilich selbst ein Kirchenoberhaupt nicht vor Zweifeln an Gott. Die äußerte Welby 2015 nach den Anschlägen von Paris - und begründete auch das autobiografisch: Gerade dort hätten er und seine Frau ihre glücklichste Zeit erlebt.

Alexander Brüggemann
(KNA)

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