Postkarte mit Porträt von Martin Luther
Postkarte mit Porträt von Martin Luther

27.01.2017

Augsburg blickt über das Reformationsgedenken 2017 hinaus "Ich widerrufe nicht!"

Glaube und Erinnerung: Das derzeitige Reformationsgedenken ist nur der Anfang einer Serie von 500-Jahrfeiern. In Augsburg richtet sich der Blick auf das berühmte Streitgespräch von Luther und Cajetan im Oktober 1518.

Schon seit geraumer Zeit feiern die evangelischen Christen die 500. Wiederkehr der Reformation, die am 31. Oktober 1517 mit der Veröffentlichung von Martin Luthers Ablassthesen in Wittenberg ihren Anfang nahm. Auch kalendarisch hat das Gedenkjahr nun begonnen. Doch Augsburg blickt schon darüber hinaus - steht in der bayerischen Lutherstadt doch in absehbarer Zukunft eine ganze Reihe weiterer Erinnerungsfeiern an, etwa zur "Confessio Augustana" 1530 oder dem Augsburger Religionsfrieden von 1555.

Das erste entscheidende Reformationsdatum war für die alte schwäbische Römerstadt, die schon seit dem 4. Jahrhundert Bischofssitz war, der Oktober 1518. Damals trafen sich Martin Luther und der päpstliche Gesandte Thomas Cajetan in Augsburg zum Disput.

Lautstark ausgetragenes Rededuell

Tagelang lieferten sie sich ein faszinierendes, teils lautstark ausgetragenes Rededuell. "Ich widerrufe nicht", schrie der Reformator dem Kardinal und Dominikanerpater ins Gesicht. Rechtfertigung, Gnade, Schriftprinzip: Forscher sind bis heute überzeugt, dass Luthers Theologie erst hier im Augsburger Streit seine entscheidende Profilierung erhielt.

Das Streitgespräch im Fuggerpalast ist denn auch eines der wichtigsten Themen im neuen Buch "Glaube. Hoffnung. Hass", in dem der Stadthistoriker Martin Kluger fundiert über die Augsburger Reformationsgeschichte und ihre Auswirkungen bis in die Gegenwart berichtet. Die Stadt war nicht nur Schauplatz wichtiger Ereignisse, sondern ist zugleich ein historischer Sonderfall bei den sozialgeschichtlichen Folgen der Kirchenspaltung. Hier mussten Menschen nicht zwangsläufig auswandern, wenn sie der "falschen" Konfession anhingen.

Denn in Augsburg galt über Jahrhunderte die sogenannte Parität, die formale Gleichberechtigung von Katholiken und Protestanten - wie im Heiligen Römischen Reich sonst nur noch in den Reichsstädten Ravensburg, Biberach und Dinkelsbühl. So mussten die städtischen Ämter streng nach Quote unter den Konfessionen verteilt werden. Und nach dem Dreißigjährigen Krieg erhielt Augsburg sogar einen exklusiven religiösen Feiertag: Das Hohe Friedensfest am 8. August ist bis heute der bundesweit einzige arbeitsfreie Tag, der nur in einer Stadt gilt.

Großes Programm geplant

Heute sind etwa zwei Fünftel der Augsburger katholisch, rund 15 Prozent bekennen sich zu Luthers Reformation. Deren Beginn vor 500 Jahren wird selbstverständlich auch hier gefeiert. Gemeinsam mit dem örtlichen Tourismusverband hat die evangelische Kirche unter dem Motto "Mutig bekennen, friedlich streiten" ein großes Programm mit Ausstellungen, Führungen, Workshops und Events auf die Beine gestellt.

Eine besondere Attraktion ist die bereits seit einiger Zeit angebotene "Lauschtour", die die Reformationstouristen auf einen Rundgang zu den Lutherorten der Stadt mitnimmt. Deren wichtigster ist die Sankt-Anna-Kirche, wo der Reformator einst beim Karmelitenprior Johannes Frosch übernachtete und nun das "Museum Lutherstiege" wartet. Die Kirche ist heute evangelisch, doch die katholisch gebliebenen Fugger dürfen an den Gräbern ihrer Vorfahren noch immer die Messe feiern. 1999 wurde hier die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung von Spitzenvertretern der katholischen Kirche und des Lutherischen Weltbundes feierlich unterzeichnet.

Als Luther 1518 den Widerruf verweigerte, musste er um sein Leben fürchten. In der Nacht vom 20. auf 21. Oktober floh er heimlich aus Augsburg, durch ein Tor am kleinen Galluskirchlein, an der nördlichen Stadtmauer. "Dahinab", so heißt der Ort bis heute, wies ihn sein Freund Christoph von Langenmantel - oder war es der Teufel persönlich, der den Reformator zur Stadt hinaus beförderte? Diese fromme Legende wurde, wie sollte es anders sein, vor allem unter Katholiken verbreitet. Im Jahr nach dem Reformationsgedenken wird sie bestimmt wieder aufgewärmt.

Bernd Buchner
(KNA)

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