Bischöfe besuchen den Tempelberg in Jerusalem
Hier sind die Kreuze deutlich zu sehen
Gang zum Tempelberg
Verdeckte Kreuze beim Besuch der Al-Aksa-Moschee
Pater Nikodemus Schnabel
Pater Nikodemus Schnabel

18.11.2016

Pater Nikodemus zur Debatte um verborgene Kreuze "Sensibel und respektvoll gehandelt"

War es richtig, die Brustkreuze am Tempelberg zu verdecken? Die Diskussionen um das Handeln katholischer und evangelischer Bischöfe in Jerusalem reißen nicht ab. Verärgert reagiert Pater Nikodemus von der Dormitio-Abtei auf die Kritik an den Würdenträgern.

domradio.de: Warum haben der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Marx, und der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, ihr Kreuze auf dem Tempelberg verdeckt?

Pater Nikodemus Schnabel (Prior Administrator der Dormitio-Abtei in Jerusalem): Zunächst einmal vorausgeschickt: Ich finde es wirklich schade, dass von dieser Reise, die eine Woche gedauert hat und so viele positive Impulse gesetzt hat, die vom ökumenischen Aufbruch geprägt waren, schließlich dies übrig geblieben ist. Das ärgert mich wirklich! Wir haben ja die Bischöfe und die Delegation der Evangelischen Kirche sowohl in Tabgha am Anfang der Reise und in der Dormitio-Abtei zum Schluss der Pilgerfahrt empfangen dürfen. Ich glaube, kein Teilnehmer hat gedacht, dass so ein großes Bohei darum gemacht wird.

Zu Ihrer Frage: Jerusalem ist eine überaus sensible Stadt und der sensibelste Ort in dieser sensiblen Stadt ist eben der Tempelberg "Haram el-Sharif". Kurz bevor die Delegation zum Besuch kam, gab es die Unesco-Erklärung, die mehr als unglücklich - man kann auch sagen skandalös - die jüdischen Beziehungen zum Tempelberg leugnet. Die Stimmung ist dadurch hochgradig aufgeheizt.

Gerade zu dem Zeitpunkt, an dem die Bischöfe und die Spitze des EKD-Rates da waren, gab es auch wieder Unruhen auf dem Tempelberg, weil einige national religiöse Juden versuchen, bewusst oben auf dem Plateau zu beten, was die tief gläubigen Juden ablehnen. Das ist ein hochvermintes, hochemotionales Gelände. Ich würde den Kritikern gerne umgekehrt sagen: Was wäre denn das Gegenzeichen gewesen, wenn acht Bischöfe - alle mit großem Brustkreuz - und entsprechend auch einige Vertreter der Evangelischen Kirche - ebenfalls mit Pektorale - in die Moschee und zur Westmauer gegangen wären? Hätten nicht dann die Einheimischen gesagt, die Kreuzfahrer seien wieder unterwegs? Mit großen Kreuzen stehen sie an unseren heiligen Stätten, dem heiligsten Ort des Judentums und an dem drittheiligsten Ort des Islam. Das würde ich gerne allen Kritikern entgegenhalten. Mal kurz durchatmen, mal kurz nachdenken, was das Gegenteil für ein Ausdruck und eine Zeichenhaftigkeit gewesen wäre.

domradio.de: Aber trotzdem muss man die andere Seite auch nachvollziehen. Das sind die Spitzen der Evangelischen und Katholischen Kirche in Deutschland, der zwei großen Kirchen in Deutschland, die ja auch eine Symbolkraft für ihre Glaubensgemeinschaft im Heimatland haben. Die Kritik sagt, dass Christen im Heiligen Land teilweise um ihre Gesundheit fürchten müssen und die Repräsentanten lassen noch nicht einmal ihre Kreuze an...

Pater Nikodemus: Es ist immer interessant zu sehen, je weiter die Menschen von Jerusalem weg wohnen, desto stärker ist ihre Meinung. Ich lade ein, mich als Mönch, der kein Brustkreuz trägt, durch Jerusalem zu begleiten und zu erleben, welche Reaktionen ich da bekomme. Die Bischöfe waren als solche mehr als erkennbar, ebenso die Vertreter der Evangelischen Kirche im Lutherrock. Hier wurde nichts verleugnet. Die Frage ist die, wie ich mich bewege. Bewege ich mich im Respekt vor den Heiligtümern der anderen? Die Kreuze hatten die Würdenträger ja die ganze Zeit auf dem Tempelberg an. Nur beim Betreten der Moschee wurden sie verdeckt. Dasselbe betrifft unten die Westmauer, die heilige Stätte des Judentums. Noch einmal: Das ist für mich eine Frage des Respekts.

domradio.de: Der Glaube wurde also nicht verleugnet?

Pater Nikodemus: Nein, sie haben ja eben nicht verleugnet, sondern Zeugnis abgegeben, dass sie sich erkennbar als Christen präsentieren - sie sind ja nicht anonym dort herumgelaufen. Für mich ist es auch eine Frage der Sensibilität, wie man sich in diesem hochemotionalen Gelände bewegt.

Ich kenne als Gegenbeispiel sehr viele Rabbiner, die beim Betreten unserer Kirche die Kippa abnehmen. Ich sage dann, sie sollen sie drauf lassen. Mir entgegnen sie dann jedoch, dass sie das aus Respekt nicht tun wollen. Das sei ihr Respekt gegenüber unserer Kirche. Sie wissen, dass Christen das Haupt der Männer unbedeckt haben wollen. Das gibt es also auch. Ich glaube, keiner wird diesen Rabbinern vorwerfen, sie verleugnen jetzt das Judentum.

Ich würde mir in dieser Diskussion weniger Emotionalität wünschen. Man sollte mehr auf die Jerusalemer hören, die sich vor Ort seit Jahren bewegen und dort leben. Man muss gerade den Radikalen keine Nahrung geben, weil sie umgekehrt - das prophezeie ich - die Pektorale angelassen hätten.

domradio.de: Sie hatten die Bischöfe und die Delegierten der EKD auch bei sich zu Besuch. Ist den Kirchenvertretern denn zu der Zeit bewusst gewesen, welche Reaktionen sie mit dem Ablegen des Kreuzes auslösen würden?

Pater Nikodemus: Überhaupt nicht. Die ganze Geschichte ist ja auch erst viel später aufgeploppt und durch manipulative Bildauswahl gestreut worden. Es wurde immer vom "Einknicken vor dem Islam" gesprochen. Es wurden aber viele Bilder nicht gezeigt, auf denen man sah, dass sie die Pektorale auf dem Tempelberg tragen. Es ging meiner Ansicht nach eher darum, ein "Islam-Bashing" zu provozieren, als sich mit dem Thema argumentativ und sachlich auseinanderzusetzen.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(dr)

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