Gang zum Tempelberg
Gang zum Tempelberg

04.11.2016

Warum Kardinal und Bischof ihre Kreuze am Tempelberg ablegten "Aus Respekt abgelegt"

Vor zwei Wochen pilgerten Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche durchs Heilige Land. Jetzt wurde Kritik laut, dass die beiden Vorsitzenden am Tempelberg ihre Umhänge-Kreuze abgenommen hatten. Michael Doll versteht die Kritik nicht.

domradio.de: Muss man beim Besuch des Tempelbergs nun Kreuze und ähnliches abnehmen?

Michael Doll (Heilig-Land-Verein): Die Leute, die zum Tempelberg gehen, werden an den Zugängen kontrolliert. Es gibt gewisse Gegenstände, die man einfach nicht mitführen sollte. Es ist ganz klar, wenn es sich um Waffen und ähnliche Dinge handelt, dass das nicht mit zu religiösen Stätten genommen werden kann. Aber es gilt auch für andere Gegenstände wie zum Beispiel religiöse Schriften und religiöse Symbole.

domradio.de: Warum ist das so?

Doll: Das hat damit zu tun, dass in der Vergangenheit oft Symbole, sowohl jüdische Symbole wie der Davidstern, als auch christliche Symbole missbraucht worden sind. Man hat die Befürchtung, dass dort, dieser Platz ist ja in einem autonomen islamischen Gebiet, manche einen dritten Tempel errichten wollen.

domradio.de: Wie sind denn die Eigentumsverhältnisse dort auf dem Tempelberg, der ja von mehreren Religionen gleichzeitig beansprucht wird?

Doll: Wenn man es vom historischen Standpunkt betrachtet, dann ist vollkommen klar, dass auf diesem Platz einmal der salomonische Tempel stand. Das ist unbestritten - auch wenn das heute von manchen islamischen Seiten in Frage gestellt wird.

domradio.de: Was steht denn historisch fest?

Doll: Der erste Tempel wurde von Salomo gebaut, der zweite von den Rückkehrern aus dem Exil. Herodes der Große hat diesen vergrößert. Der Tempel wurde 70 nach Christus zerstört und dann war das 700 Jahre Brachland und das hat keinen interessiert, bis der Islam eben dort seine eigene Stätte aufgebaut hat und diesen Ort für sich reklamierte. Und seit dieser Zeit ist dieser Platz im Besitz des Islam - der Status Quo von Jerusalem garantiert das auch. Trotzdem ist es eine heilige Stätte für alle drei Religionen.

domradio.de: Warum ist er für das Christentum wichtig?

Doll: Alttestamentlich gedenken alle drei Religionen - so auch das Christentum - des Opfers Abrahams. Er sollte dort seinen Sohn opfern. Der Platz ist ferner für die Christen von Bedeutung, weil in diesem Tempel, der einstmals da stand, auch Jesus hineingegangen ist. Und insofern hat das Christentum genau wie das Judentum natürlich auch eine Beziehung zu diesem Platz. Aber die Eigentumsverhältnisse sind eben andere.

domradio.de: Jetzt kommen wir noch mal zurück auf den Besuch der deutschen Delegation. Man muss ja ganz klar sagen, weder Kardinal Marx noch Heinrich Bedford-Strohm gelten als religiöse Fanatiker. Die hätten ganz sicher keinen Kreuzzug auf dem Tempelberg ausgerufen oder keine provokante religiöse Aktion vorgenommen. Hätte man da bei so einem prominenten Besuch nicht eine Ausnahme von der Ordnung machen können, wie zum Beispiel auch schon beim Besuch der Päpste Benedikt XVI. und Franziskus?

Doll: Ich denke, dass wäre sicher gegangen. Also man hätte sie nicht gehindert, die Moscheen zu betreten, wenn sie ein Kreuz angehabt hätten. Aber ich war ja selbst Teilnehmer an dieser Reise und an dieser Delegation und habe diesen Moment auch mitbekommen. Es war aus meiner Sicht wirklich so, dass man hier aus Respekt heraus das Kreuz abgelegt hat. Das bedeutet aber keinesfalls, dass man hier das Bekenntnis gescheut hat.

domradio.de: Der Tempelberg ist ja gerade ohnehin wieder in den Schlagzeilen - wegen des umstrittenen Votums der UNESCO. Ist das vielleicht auch ein Grund, warum die Reaktionen jetzt so heftig ausfallen?

Doll: Es wird wohl auch so sein, dass genau diese Sache dem Thema noch mal Auftrieb gegeben hat. Aber hier ist die Position der Bischöfe, die da oben waren, eigentlich auch ganz klar gewesen. Es ist unbestritten, dass diese Stelle ein jüdisches Heiligtum war, dass das die Stätte des ehemaligen salomonischen Tempels ist. Diese historische Verbindung wird nicht in Abrede gestellt, aber es ist eben eine andere Frage, wie man im konkreten Verhalten damit umgeht.

domradio.de: Keine Unterwürfigkeit dem Islam gegenüber?

Doll: Das habe ich absolut nicht so gesehen. Ich meine, wir sollten uns mal die Frage stellen, wie es umgekehrt wäre. Wenn ein Vertreter des Islams in eine christliche Kirche zu uns hineinkommt. Wir würden es auch nicht gerne sehen, wenn er sie mit der Fahne Mohammeds betreten würde. Oder ein Israeli, ein Jude, mit einer israelischen Flagge mit Davidstern. Das würden wir auch als zumindest sehr befremdlich empfinden. Wenn wir es denn überhaupt dulden würden. Vielleicht wird diese Sache klarer, wenn man es mal spiegelt und es andersherum betrachtet.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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