Pfarrer Oskar Brüsewitz mit seiner Tochter (undatiert)
Pfarrer Oskar Brüsewitz mit seiner Tochter (undatiert)
Gedenksäule erinnert vor der Michaeliskirche in Zeitz an den Pfarrer Oskar Brüsewitz
Gedenksäule erinnert vor der Michaeliskirche in Zeitz an den Pfarrer Oskar Brüsewitz

18.08.2016

Vor 40 Jahren verbrannte sich Pfarrer Oskar Brüsewitz "Einer der größten konterrevolutionären Akte"

Am 18. August 1976 protestierte ein evangelischer Geistlicher mit seiner Selbstverbrennung gegen das DDR-Regime: Pfarrer Oskar Brüsewitz. Die Aktion erwies sich als ein Wendepunkt in der Geschichte des sozialistischen Staates.

Für die SED-Machthaber und die von ihr gelenkte Presse war er ein Geisteskranker. Die evangelische Kirche distanzierte sich von seiner Tat, wandte sich aber zugleich gegen eine Verurteilung des "Bruders". Konservative im Westen sahen in ihm einen Kronzeugen gegen die DDR und die Entspannungspolitik. An Pfarrer Oskar Brüsewitz, der sich vor 40 Jahren vor der Michaelskirche in Zeitz selbst verbrannte, erinnern sich heute nur noch wenige.

Selbstverbrennung

Das sogenannte Fanal von Zeitz spielte sich vor bis zu 300 Zeugen ab: Am Morgen des 18. August 1976 fuhr Brüsewitz, Pfarrer im sächsischen Droßdorf-Rippicha, in die Kreisstadt und stellte zwei handgeschriebene Plakate auf das Dach seines Autos: "Funkspruch an alle ... Die Kirche in der D.D.R. klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen". Danach goss er Benzin über seinen Talar und zündete sich an. Brüsewitz wurde mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus gebracht. Dort starb er vier Tage später, seine Frau durfte ihn nicht mehr besuchen.

Die Selbstverbrennung stand am Ende eines ungewöhnlichen Lebenswegs. Der 1929 im Memelgebiet geborene Brüsewitz kam nach dem Krieg mit seiner Familie zunächst nach Westfalen und wurde Schuhmacher. 1954 siedelte Brüsewitz in die DDR über, wo er in Kontakt mit der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde kam. Nach einer Ausbildung an der Erfurter Predigerschule wurde er 1969 Pfarrer in Rippicha.

Protest-Aktionen gegen das Regime

Durch Protest-Aktionen erlangte Brüsewitz bald Bekanntheit und zog den Zorn des Regimes auf sich. So installierte er auf seinem Kirchturm ein drei Meter hohes Kreuz aus Neonröhren, das bei Dunkelheit von weitem zu sehen war. Auch mit Plakaten forderte er die Staatsmacht heraus: Als diese an der Dorfschule "25 Jahre DDR" bejubelte, konterte er gegenüber auf dem Kirchengelände mit der Aufschrift "2000 Jahre Kirche Jesu Christi". Auf die Parole "Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein" antwortete er mit der Losung "Ohne Regen, ohne Gott, geht die ganze Welt bankrott", die er auf einem Pferdefuhrwerk durch Zeitz fuhr. Doch Brüsewitz war nicht nur ein politischer Provokateur. Freunde und Kollegen erinnern sich auch an einen "begnadeten Seelsorger" und "zutiefst frommen Menschen", an einen lebensfrohen Mann.

Allerdings fühlte er sich nicht genügend unterstützt von der Kirchenleitung. Diese wurde von den Staatsorganen heftig zur Abberufung des unbequemen Pfarrers gedrängt. Sie gab der Forderung zwar nicht nach, legte Brüsewitz jedoch nahe, in einem unbelasteten Umfeld neu zu beginnen. Dies war offenbar der letzte Anstoß zur Selbstverbrennung, die er aber schon länger plante, wie er auch in seinem Abschiedsbrief schrieb. Zuvor hatte er sich intensiv mit dem Buch "Priester unter Hitlers Tribunalen" und besonders mit der Biografie Dietrich Bonhoeffers beschäftigt.

Versuch der Geheimhaltung

Die SED bemühte sich zunächst unter starkem Druck auf die Kirche, den Vorfall geheim zu halten. Als das misslang, verleumdete sie den 47-Jährigen als geisteskrank. Dies wies die Kirchenleitung öffentlich zurück. "Er war getrieben von der Sorge, dass unsere Kirche in ihrem Zeugnis zu unentschlossen sei", hieß es in einem Wort an die Gemeinden und zugleich: "In der Nachfolge Jesu Christi sollen wir bereit sein, Opfer zu bringen, aber nicht so, dass wir vorsätzlich unser Leben beenden." Die Beerdigung am 26. August war ein Politikum.

Trotz staatlicher Einschüchterungsmaßnahmen kamen mehrere hundert Trauergäste, darunter 80 Pfarrerinnen und Pfarrer im Talar sowie drei katholische Geistliche in Amtskleidung.

Wendepunkt in DDR-Geschichte

Im Rückblick stellt sich die Aktion von Brüsewitz als ein Wendepunkt in der Geschichte der DDR dar. Erich Honecker urteilte, zutreffender, als er es damals wissen konnte, es handele sich um "einen der größten konterrevolutionären Akte gegen die DDR". In der evangelischen Kirche löste die Tat heftige Diskussionen über den richtigen Weg aus.

Brüsewitz kann als ein früher Vorläufer der oppositionellen Gruppen gesehen werden, die in den 80er Jahren zunächst unter dem Dach der Kirche zusammenfanden und 1989 die Protestbewegung anführten.

Norbert Zonker
(KNA)

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