06.07.2015

Nach 600 Jahren ist Jan Hus in Tschechien wieder präsent Ein Land entdeckt seinen Reformator

​Vor 600 Jahren starb Jan Hus auf dem Scheiterhaufen von Konstanz. In seiner Heimat spielte er lange nur eine Nebenrolle. Doch zum Jubiläum haben die Tschechen den Reformator wiederentdeckt und feiern ihn entsprechend.

Jan Hus zieht mit seinem stoischen Blick jeden Betrachter in seinen Bann. Die Skulptur zeigt ihn auf dem Scheiterhaufen; die Flammen flackern schon um den halben Körper. Doch die Pein scheint diesem Mann nichts anhaben zu können. Er bleibt regungslos, ignoriert das rettende Wasser des Flusses Otava (deutsch Wottawa), der keine drei Meter entfernt durch die südböhmische Stadt Pisek fließt. So ähnlich war es auch vor 600 Jahren, am 6. Juli 1415: Als das Leben des Vorreformators Jan Hus in Konstanz endete, lagen die Extreme Feuer und Wasser nicht weit auseinander. Der Hinrichtungsplatz am Hussenstein war nicht weit vom Grenzbach, vom Rhein und vom Bodensee entfernt.

600 Jahre nach seinem Tod wird Jan Hus heute als Sandskulptur dargestellt. Den ganzen Sommer über erinnert sie an den Theologen, den das Konstanzer Konzil einst zum Ketzer erklärte. Doch steht sie nicht am Bodensee, sondern eben in Pisek, unweit der Steinbrücke aus dem 12. Jahrhundert.

Ausstellungen, Feiern und Events

In vielen Regionen Tschechiens wird rund um die 600-Jahr-Feier eines der berühmtesten Tschechen der Frühen Neuzeit gedacht, mit Ausstellungen, Feiern und Events. In Husinec, wo er vermutlich 1371 geboren wurde, hat ein neues Hus-Zentrum mit einer Ausstellung im angeblichen Geburtshaus eröffnet. Und in der Hauptstadt Prag, gibt es eine Ausstellung im historischen Gebäude der Karls-Universität, wo er ab 1390 studierte und deren Rektor er später war.

Die Historikerin und Gästeführerin Gabriela Kalinova führt regelmäßig Besucher durch die Bethlehemskapelle in der Altstadt. Sie zeigt die Kanzel, von der Hus ab 1402 seine berühmten Volkspredigten hielt. Damals hörten jede Woche mehr als 2.000 Menschen dem charismatischen Theologen zu: auch weil er nicht auf Latein predigte, sondern auf Tschechisch, der Sprache des Volkes. Über eine Treppe geht es in das rekonstruierte frühere Wohnhaus; dort sind Urkunden, Grafiken und Bücher ausgestellt.

Eine Darstellung zeigt Hus zusammen mit dem deutschen Reformator Martin Luther. Auch Schriften des zum Ketzer erklärten britischen Gelehrten John Wyclif, der Hus maßgeblich prägte, sind zu sehen. Für Kalinova stehen die drei Reformatoren aus dem 14., 15. und 16. Jahrhundert in einer engen Verbindung. Sie zitiert einen alten Spruch, mit dem sie den Gang der Reformationsgeschichte verdeutlicht: "Wyclif bringt den ersten Funken, Hus zündet davon eine Kerze an, und Luther trägt schließlich die Fackel davon."

Pfarrerin Hana Tonzarova leitet die Kommission zum 600-Jahr-Jubiläum der Tschechoslowakisch-Hussitischen Kirche. 1920 als Abspaltung von der katholischen Kirche gegründet, beruft sich die Konfession auf die jahrhundertealte Tradition nach Hus. "Zumindest bei der Frage, was die Kirche ist, dass die Kirche dort ist, wo die Menschen sich in ihrer Mitte mit Christus treffen, waren sich Luther und Hus sehr nahe", so die Theologin.

Verzerrtes Geschichtsbild durch sozialistische Herrschaft

Ähnlich wie Deutschland im Zeichen von "Luther 2017" steht, hat sich auch die Tschechoslowakisch-Hussitische Kirche zusammen mit der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder auf "Hus 2015" vorbereitet. Es war nicht einfach, die Bedeutung des Reformators zu verdeutlichen. Denn die Jahrzehnte der sozialistischen Herrschaft hinterließen ein verzerrtes Geschichtsbild in der heute weitgehend atheistischen Bevölkerung.

Tonzarova muss schmunzeln, wenn sie an ihre ersten Kontakte zum Kultusministerium vor vier Jahren zurückdenkt. "Ich wollte mit ihnen über das bevorstehende Gedenkjahr sprechen, und die Reaktion der Verwaltung war: Was wollt ihr eigentlich? War das nicht ein Ketzer?" Tatsächlich erklärte das Konzil die Lehre des Theologen als ketzerisch. Hus kritisierte, ähnlich wie es 100 Jahre später Luther tat, die Missstände seiner Zeit: Korruption und schlechte Lebensführung vieler Geistlicher, Verfall der kurialen Autorität im Zeitalter der Gegenpäpste, den Verkauf von Ablassbriefen. Hus strebte eine Kirche ohne Makel an, blieb kompromisslos - und machte sich damit Feinde.

Von Johannes Paul II. rehabilitiert

Als Ketzer wird Hus heute nicht mehr gesehen - spätestens, seit Papst Johannes Paul II. 1999 sein "tiefes Bedauern für den grausamen Tod von Jan Hus" ausdrückte und ihn als "denkwürdige Persönlichkeit" bezeichnete. Auch wichtige Akteure in Staat, Gesellschaft und Kultur bringen sich in die Festlichkeiten ein. In vielen Städten gibt es Aktionen rund um den 6. Juli - von Konzerten über Führungen bis hin zu Kunstaktionen wie dem Piseker Skulpturenfestival.

Dass Hus selbst nie in Pisek gewesen ist, tut der Faszination keinen Abbruch. Auch das südböhmische Tabor hat der nationale Held nie betreten. Dennoch steht die Stadt ganz in seinem Zeichen, wurde sie doch fünf Jahre nach seiner Hinrichtung von den Hussiten gegründet.

Die reformatorische Strömung richtete ihre Hauptstadt auf einem (gut zu verteidigenden) Hügel ein und benannten ihn nach dem biblischen Berg Tabor. Am Taborer Marktplatz, von restaurierten Barockgebäuden umrahmt, erinnert ein Hussiten-Museum mit einer multimedialen Sonderausstellung an die Ereignisse von damals. Das ganze Jahr über gibt es Feierlichkeiten. Keine andere tschechische Stadt hält das Gedenken so lebhaft hoch - und bestätigt damit den früheren Staatspräsidenten Vaclav Havel. Er sagte einmal, Jan Hus, der mit seinem Leben für die Wahrheit eingetreten sei, sei dadurch "zu einer entscheidenden gesellschaftlichen und akzeptierten Größe" geworden.

Michael Merten
(KNA)

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