18.01.2013

Die Weltgebetswoche blickt auf die Christen in Indien Zwischen Tradition und Mission

Die internationale Gebetswoche für die Einheit der Christen nimmt ab heute die Lage der christlichen Inder in den Blick. Die jährliche Ökumene-Initiative hat ein schwieriges Feld ausgewählt.

Es waren Bilder des Schreckens, die Indien wochenlang beherrschten: Im Spätsommer 2008 tobte ein aufgepeitschter Mob im nordostindischen Bundesstaat Orissa gegen die christliche Minderheit, prügelte Menschen durch die Straßen, verwüstete Kirchen. Angeblich hatten Christen zuvor einen nationalistischen Hindu-Führer erschossen. Ein falscher Verdacht, wie bald klar wurde. Doch die Behörden wollten oder konnten ihnen nicht beistehen.

Am Ende waren bei den schwersten religiösen Unruhen seit der Unabhängigkeit des Landes fast 100 Christen getötet, Tausende verletzt, mehr als 50.000 vertrieben worden. An den Folgen leiden sie in Orissa bis heute.

Da ist zum einen die Frage nach den eigenen Wurzeln, über die sich die Vertreter der mehr als 24 Millionen Christen des Subkontinents noch nicht einig sind. Denn hier steht eine uralte christliche Tradition neben der westlichen Missionsgeschichte aus Kolonialzeiten. So führen sich die im Südwesten Indiens lebenden Thomaschristen auf den gleichnamigen Apostel zurück, der Indien im Jahr 54 erreicht und Gemeinden gegründet haben soll.

Zwei Drittel der Christen sind katholisch

Die Syro-Malankarische und Syro-Malabarische Kirche, die dem west- und dem ostsyrischen Ritus folgen und inzwischen rund vier Millionen Mitglieder zählen, sind mit Rom uniert - dessen abendländische Verkünder freilich erst im 15. Jahrhundert mit Ankunft der Portugiesen zahlreicher und später recht erfolgreich wurden: Heute bekennen sich laut Indischer Bischofskonferenz zwei Drittel der Christen im Land zum katholischen Glauben.

Die protestantische Kolonialmacht Großbritannien, zuweilen flankiert von US-amerikanischen Missionaren, hinterließ zwar weniger kirchliche Spuren. Neben Anglikanern sind seit dem 19. Jahrhundert aber nahezu alle evangelischen Strömungen mit kleineren Gemeinschaften in Indien vertreten.

Den seit den 1980er Jahren stärker gewordenen Hindu-Fundamentalisten ist es immer wieder gelungen, Christen vor dem Hintergrund von Armut und sozialen Spannungen als unliebsames Erbe weißer Fremdherrschaft zu brandmarken. Wut erzeugen besonders die anhaltenden Erfolge christlicher Bekehrung, die in mehreren Bundesstaaten verboten ist und der Parole "Eine Nation, eine Religion" zuwiderläuft.

Dass das Christentum in Indien wächst, liegt vor allem an Konvertiten aus den Reihen der Dalit, der "Unberührbaren".

Inzwischen stammen rund 80 Prozent der Christen aus der Gruppe der indischen Ureinwohner, die bis heute unter den Diskriminierungen des indo-arischen Kastenwesens leiden. Obwohl fast ein Viertel der indischen Gesellschaft, leben die Dalit auf der untersten sozialen Stufe - auch das derzeit so heiß diskutierte Problem massenhafter Vergewaltigungen betrifft überdurchschnittlich oft "unberührbare" Frauen.

Bedrohung durch fundamentalistische Kräfte

Hilfe für die Dalit kommt dagegen von den karitativen Einrichtungen der Kirchen. Gerade für Dalit ist deshalb die egalitäre christliche Botschaft der Nächstenliebe ein Hoffnungsträger - und gerade deshalb gilt sie fundamentalistischen Kräften als Bedrohung ihres archaischen Gesellschaftsmodells, das trotz aller Maßnahmen der Zentralregierung weiter zu den ungelösten Problemen der "größten Demokratie der Welt" gehört.

Doch jenseits extremistischer Gruppen berichten Kirchenführer auch von einem anderen, toleranten Indien, in dem die allgegenwärtige Spiritualität der Menschen mit dem Respekt vor dem Glauben anderer einhergeht. Die Leistungen der christlichen Mission im Gesundheits- und Bildungswesen, die sich an jeden richten, würden über alle Religionsgrenzen hinweg geschätzt.

Die landesweite Verehrung für Mutter Teresa von Kalkutta, die auch viele Hindus und Muslime als Heilige sehen, ist dafür nur das prominenteste Beispiel. Umgekehrt gilt der Hindu Gandhi auch den Christen als Nationalheld. Der hatte bei seinen häufigen Gefängnisaufenthalten bekanntlich stets eine Bibel im Gepäck.

 

Christoph Schmidt
(KNA)

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