07.02.2021 - 08:00

Wort des Bischofs Warten fällt schwer

Die Aufklärung von Fällen sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln sorgt seit Monaten für Schlagzeilen. Heute stellt sich Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki den Vorwürfen und bittet um Geduld.

In den letzten Wochen ist mir immer wieder die Frage begegnet, warum ich die Untersuchung, die ich 2018 zum Umgang mit Meldungen sexualisierter Gewalt in unserem Kölner Erzbistum in Auftrag gegeben habe, nicht einfach veröffentliche. Warum auf eine zweite Untersuchung warten, wo es doch bereits eine erste gibt? Glauben Sie mir: mir allen voran fällt das Warten darauf schwer. Der Weg zu der von mir zugesagten Aufklärung war und ist ein schwerer. Ich habe mich zu lange auf Gutachter verlassen, die Zusagen gemacht haben, die nicht eingehalten wurden. Ich verstehe, dass es bei unserer Aufarbeitung um mehr geht als um juristische Standpunkte. Es ist uns aber nicht möglich, in klarer Kenntnis von Rechtsverletzung das erste in Auftrag gegebene Gutachten zu veröffentlichen. Ich kenne diese erste Untersuchung weiterhin nicht, aber ich vertraue bis heute dem Urteil der Experten, die sagten, dass unser Ziel einer transparenten und einer möglichst umfassenden Aufklärung und Aufarbeitung mit der ersten Untersuchung nicht zu erreichen sei und es eine neue Untersuchung braucht. Ich verstehe, dass das kritisiert wird. Aber es ist nach meiner Meinung der richtige Weg.

Ich bin mir bewusst, dass Sie daran Zweifel haben mögen. Aber für Sie mag es so aussehen, als müssten Sie in dieser Hinsicht allein auf mein Urteil und auf meine Entscheidung vertrauen. Und dieses Vertrauen ist besonders getrübt, da ich im Fall eines befreundeten Priesters selbst vertuscht zu haben scheine. Ich kann Ihnen versichern: aus meiner Sicht ist das nicht der Fall. Ich kann Ihr Misstrauen aber verstehen. Auch wenn ich es gerne hätte, dass Sie mich für eine vertrauenswürdige Person halten. Angesichts der vielen Verbrechen von Amtsträgern an Kindern ist es nur verständlich. In meinem Fall und im Fall der Untersuchung sind wir in der Lage, dass Sie gar nicht auf Vertrauen in mich angewiesen sind. Wir brauchen tatsächlich eben nur warten. Etwas mehr als fünf Wochen – bis zum 18. März. Dann wird die zweite Untersuchung vorgestellt, und danach bekommen auch alle Interessierten Einblick in die erste Untersuchung. Dann werden alle Fakten auf dem Tisch liegen. Jeder kann sich ein Urteil bilden. Lassen Sie sich von Fakten überzeugen, und bilden Sie sich dann Ihr Urteil. Vor allem: Ich – ich werde bei meinem Versprechen, das ich den Betroffenen selbst gegeben habe, bleiben: Ein veröffentlichungsfähiges Werk vorzulegen, in dem strukturelles, institutionelles und auch persönliches Versagen – also auch Namen – benannt werden. Ohne Wenn und Aber. Nur noch gut fünf Wochen trennen uns davon. Ich wünsche mir, dass wir es alle bis dahin aushalten können.

Ihr
Rainer Woelki
Erzbischof von Köln

(DR)