05.12.2015 - 09:50

Reisig ist nützlich "Frische Ruthen, fromme Kinder"

"Reis" ist ein altes Wort für Zweige oder kleine Äste und war in früheren Jahrhunderten sehr geläufig. Karriere aber machte das Reis vor allem, um damit Kinder zu züchtigen: als Material für die Rute.

"Hast denn die Rute auch bei dir?"
Ich sprach: „die Rute, die ist hier;
Doch für die Kinder nur, die schlechten,
Die trifft sie auf den Teil, den rechten."

Da fragt das Christkind im Gedicht von Theodor Storm besorgt den Knecht Ruprecht, ob der denn auch seine Rute dabei habe. 1862 schrieb Storm das Gedicht. Das übliche Brauchtum war damals etwas durcheinander geraten, denn längst war das Christkind der Geschenkebringer zum Weihnachtsfest und hatte den Heiligen Nikolaus regional verdrängt. Ursprünglich war der Ruprecht der böse und strafende Begleiter des gütigen Nikolaus.

Züchtigung schon in der Antike

Die Rute als Züchtigungsmittel gehört wie die Körperstrafe überhaupt von jeher zur Kulturgeschichte der Menschen. Schon in der frühen Antike wurden Schüler gezüchtigt und das Christentum übernahm diese pädagogische Methode ins Abendland. Das nahm oft drastische Ausmaße an, und erst im 19. Jahrhundert wurden Forderungen laut, die Prügelstrafe in der Schule abzuschaffen. 1973 folgte dann das entsprechende Gesetz.

Die Strafe mit der Rute wurde durchaus mit Bibel und Glaube gerechtfertigt. "Steckt Torheit im Herzen des Knaben, die Rute der Zucht vertreibt sie daraus", heißt es im Buch der Sprüche (22,15). Im Hebräerbrief ist zu lesen: "Der Herr schlägt mit der Rute jeden Sohn, den er gern hat" (12,6). Und Luther war der Meinung, dass die Rute fromme Kinder mache – "frische Rute, fromme Kinder" hieß es damals. Jedenfalls steckte die Rute ganz selbstverständlich im Gepäck des Ruprechts, den Kindern war sie wohl bekannt.

Die Rute wird aus den kleinen Ästen der Birke gebunden, dem Birkenreis oder –reisig. Denn die blattlosen Zweige der Birke sind geschmeidig. Es war auch üblich – und das wird sogar dem Nikolaus in den Mund gelegt – die Rute zu salzen, wodurch die Strafe dann "ordentlich gesalzen" war. Später wurde die Rute durch den importierten Rohrstock aus biegsamem Rattan abgelöst, der hatte den Vorteil, dass er durch die Kleidung hindurch deutlich zu spüren war. Das Gesäß brauchte fortan nicht mehr entblößt werden.

Nutzen und Symbol des Reisigs

Das Reis oder Reisig hat zwar als Material für die Rute ausgedient, aber er ist für vieles andere nützlich geblieben. Besen aus Birkenreisig tun nach wie vor ihren Dienst, Böschungen werden mit Reisig befestigt, die Dünen der Nordseeinseln bekommen durch Reisig halt. Als Brennmaterial hat Reisig eher geringen Nutzen, kann aber doch zu festen Bündeln gebunden, einen Kachelofen anheizen. Reis aus Wacholderzweigen ist ideal zum Räuchern von Speck.

Dann sind da noch die Reisigstecken, die lockend neben den Türen zu den Schänken verkünden, dass es frisches Bier oder neuen Wein gibt. Und in Buchen im Odenwald werden in der letzten der Raunächte Birkenreiser geschnitten, die dann zu Ruten gebunden und mit Luftschlangen umwickelt von den Huddelbätze geschwungen werden – muntere Figuren der Fastnacht, die den Frühling symbolisieren.

Womit das Reis wie schon im alten Kirchenlied für Aufbruch und Neuanfang steht. Aus dem Reis geht eine Knospe hervor, das neugeborene Jesuskind. (St.Q.)