Thomas Frings
Thomas Frings

15.04.2016 - 02:00

Der Priester Thomas Frings über seine Amtsniederlegung "Mein Leben war noch nie so spannend wie jetzt"

Bis vor wenigen Tagen war Thomas Frings Pfarrer der Heilig-Kreuz-Gemeinde in Münster. Jetzt nimmt er sich eine Auszeit. Zuvor war er Gast bei domradio.de und sprach über seine Beweggründe, Zweifel sowie die Glaubens- und Gotteskrise der Gesellschaft.

Pfarrer ist er seit dem 1. April nicht mehr, insofern möchte er mit "Herr Frings" angesprochen werden. Thomas Frings ist zu Besuch in der Redaktion von domradio.de direkt gegenüber der Kirche, in der seine Eltern vom Großonkel, der Erzbischof von Köln war, getraut worden sind. Vergangenen Sonntag wurde er in einem feierlichen Gottesdienst aus seiner Gemeinde Heilig Kreuz in Münster, wo er sechseinhalb Jahre als Pfarrer gewirkt hatte, verabschiedet. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte dieser Gottesdienst nicht stattgefunden, sagt Frings. Die Gemeinde sei aber toll und er sei gerne Pfarrer gewesen. Er habe auch gerne Liturgie gefeiert und vorne am Altar gestanden. Das Wort "Rampensau" nimmt der knapp 56-jährige selbst in den Mund. Aber selbst Thema zu sein, das liege ihm einfach nicht. Deshalb hat Thomas Frings vergangenen Sonntag auch über die Erstkommunionkinder gepredigt und nicht über sich selbst.

Als Frings im Februar seiner Gemeinde eröffnete, das Amt des Pfarrers abzugeben und sich eine Auszeit zu gönnen, war die Bestürzung groß. In den Boulevard-Medien ging ganz schnell die Schlagzeile um: "Helene Fischer treibt Pfarrer Frings ins Kloster". Doch mit Helene Fischer hatte die Entscheidung wenig zu tun. Das sei nur eine Episode aus einem Trauungsgottesdienst gewesen, der gezeigt hat, wie wenig Menschen manchmal über Sinn und Inhalt von Gottesdiensten nachzudenken bereit sind. Für Thomas Frings ist der Umgang der Kirche mit einer Krise, die seiner Ansicht nach eher eine Glaubens- und Gotteskrise ist, die wir sichtbar in der Krise der Kirche erleben, der eigentliche tiefgehende Grund, weshalb er sich erst einmal in ein Kloster in den Niederlanden zurückziehen will. "Solange wir an der Kirchenkrise arbeiten und versuchen, Kirche attraktiver zu machen, was auch nicht falsch ist, gehen wir am wesentlichen Problem vorbei. Wenn wir den Rohrbruch haben und immer nur versuchen, den Kran zuzudrehen, wird uns das Haus trotzdem unter Wasser laufen. Ich glaube, die Krise liegt tiefer." Wenn es Veranstaltungen wie der Köln-Marathon schaffen, an einem Sonntagmorgen Menschenmassen in die Kölner Innenstadt zu locken, die Kirchen aber weitgehend leer bleiben, dann geht es Frings jedoch nicht um attraktive Gottesdienste, sondern um eine Sinnfrage. "Und wenn jemand diese Sinnfrage nicht stellt, wird er mit unserer Antwort auch nicht klarkommen."

Zweifel an der Entscheidung bleiben

Dabei konnte sich der gebürtige Niederrheiner in seiner eigenen Gemeinde nicht beklagen. Überdurchschnittlicher Gottesdienstbesuch, viele junge Menschen und ein hohes Maß an Engagement zeichnen die Heilig Kreuz-Gemeinde in Münster aus. Doch was nütze es, wenn an einer Kasse schwarze Zahlen geschrieben werden, wenn der Gesamtumsatz des Kaufhauses einbricht, fragt Frings nachdenklich. Zweifel an seiner Entscheidung, das Amt des Pfarrers niederzulegen und sich eine Auszeit zu gönnen, hatte er von Anfang an und hat sie bis heute. "Wenn Sie Ihr Leben so umwerfen, und das mit knapp 56, aus den Sicherungssystemen aussteigen, dann tut man das nicht mit fliegenden Fahnen. Ich bin ja nicht weggelaufen und habe gesagt: 'endlich ist das vorbei!' Ich habe das sehr schweren Herzens getan. Deswegen bin ich auch mit Zweifeln auf dem Weg."

Thomas Frings ist ein Mensch, dem im theologischen und kirchlichen Diskurs Ideologien nicht liegen. Er ist bereit, über alles zu reden und scheut weder den Kontakt zu Fernstehenden noch zur sogenannten Tradiszene. Mit einem Piusbruder, der in seinem Stadtteil lebt, war er ebenso gut befreundet wie mit einem Ehepaar, das aus der Kirche ausgetreten war, dies aber erst im Gespräch mit dem ehemaligen Heilig Kreuz-Pfarrer für sich wirklich registriert hatte. "Die waren Jahre verheiratet. Die wussten nicht mal, ob sie zu einer Religion gehörten oder ob sie ausgetreten waren oder nicht. So fern kann man von Kirche sein." – Thomas Frings sieht sich selbst als wertekonservativ, passt aber nicht in die üblichen Schubladen hinein. Wenn es um den Kern des Glaubens geht, dann bleibt er hart. Gefirmt werden bei ihm nur Jugendliche, die auch zu den Gottesdiensten kommen. Bei äußeren Formen hingegen kann Frings auch mal radikale Schnitte vornehmen. So hat er beispielsweise in Heilig Kreuz die traditionelle Fronleichnamsprozession abgeschafft, weil die innere Teilnahme der Gemeinde ausblieb. Mit dieser entwickelte der Pfarrer dann aber eine neue Form.

Kein Patentrezept

Ein Patentrezept kennt Thomas Frings allerdings auch nicht, um die gegenwärtige Entwicklung aufzuhalten. Der Einfluss der Kirche darauf sei auch marginal. Zwar werde durch Pastoralpläne immer wieder versucht, dem entgegenzusteuern und Hoffnung auf bessere Zeiten zu machen. "Da wird ein permanentes Erfolgsmodell beschrieben. Aber den Eindruck habe ich nicht, dass es ein reines Erfolgsmodell ist." Und wenn dann so Sätze bei rauskommen wie "Wir wollen offene Gemeinde sein", dann fasst sich Thomas Frings an den Kopf. "Was heißt das denn? Nennt mal ein paar konkrete Beispiele! Könnte bei uns jemand Pfarrgemeinderatsvorsitzender werden, der offen schwul lebt? Was heißt denn ‚offene Gemeinde‘? Der Begriff ist so schillernd. Da können Sie gar nichts mit anfangen."

Offenheit sieht Frings aber deutlich geboten, wenn es zum Beispiel um Flüchtlinge geht, die sich taufen lassen wollen, um leichter an einen Asylantrag zu gelangen. Während manche Kirchenleute vor einem Missbrauch des Asylrechts warnen, kann der ehemalige Heilig Kreuz-Pfarrer der Forderung, Flüchtlinge müssten erst ein Katechumenat durchlaufen, nicht viel abgewinnen. Übertragen auf Eltern ohne Glaubenspraxis, die ihre Kinder taufen lassen wollen, um einen Platz im katholischen Kindergarten zu bekommen und das als Kirchensteuerzahler auch verlangen können, sieht Thomas Frings hier eine große Ungleichzeitigkeit. "Ich finde, eine höhere Wahrscheinlichkeit auf Asyl ist ein besseres Argument sich taufen zu lassen als ein Kindergartenplatz."

Für ein Entscheidungschristentum

Die Zukunft sieht der ehemalige Pfarrer in einem Entscheidungschristentum. Die Vorstellung "Wir müssen alle mitnehmen" ist für ihn 19. Jahrhundert und ein maßloses Überstrapazieren des Bildes vom Guten Hirten. "Wir müssen für alle offen sein. Selbstverständlich! Mit offenen Armen an den Türen stehen und von mir aus auch durch die Welt gehen." Doch wer sich abwende, den müsse man auch ziehen lassen, ist für Frings die Konsequenz des Evangeliums.

Der Münsteraner Bischof Felix Genn hat nun Thomas Frings auch ziehen lassen. Die Tür bleibt jedoch geöffnet und jederzeit kann der ehemalige Heilig Kreuz-Pfarrer in den Dienst als Diözesanpriester zurückkehren. Doch eine traditionelle Gemeinde möchte der Großneffe des bekannten Kölner Erzbischofs Joseph Kardinal Frings nicht zurück. Vielleicht bleibt er auch in dem Kloster, in das er sich nun zurückziehen wird. "Ich gehe erstmal für immer dahin. Mal gucken, was dann passiert. Unser Spiritual in Münster, Johannes Bours, hatte die schöne Formulierung: Gott setzt am liebsten im Leeren an, denn dann ist alles sein Werk. Ich habe mich von ganz vielem getrennt, nicht nur von Hab und Gut, sondern auch von Dingen, die mir sehr lieb geworden sind, nämlich das Pfarrersein. Vielleicht bin ich in einem Jahr oder in fünf Jahren ganz woanders. Mein Leben war noch nie so spannend wie jetzt."

Hinweis: Hören Sie hier das Interview von Jan-Hendrik Stens mit Thomas Frings in Gänze.

Moderation: Jan Hendrik Stens