In einem Kasseler Altenheim bietet eine Pfarrerin Gottesdienste für Demente an

Lieder aus der Kindheit

 (DR)

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Von Christian Prüfer (epd) =

Kassel (epd). Still, fast teilnahmslos sitzen etwa 25 Senioren in einer Runde im Altenheim Lindenberg in Kassel. Am Eingang des Raumes prangt das Schild «Kirche». Tatsächlich erinnern eine an der Wand angebrachte Liedertafel, ein improvisierter Altar sowie eine Orgel an ein Gotteshaus. Von einem tragbaren Kassettengerät ertönt Glockengeläut. Nachdem der Organist ein Stück gespielt hat, erhebt sich Pfarrerin Birgit Innerle, begrüßt die alten Menschen mit lauter Stimme und geht reihum, um jedem die Hand zu reichen.

   «Sie haben sich aber schön gemacht», würdigt die Seelsorgerin eine alte Dame. «Schön, dass sie wach sind» sagt sie zu einer anderen. Die persönliche Ansprache ist notwendig, um die Senioren zu erreichen, denn alle Versammelten sind demenzkrank. Ihr Anliegen sei es, den Menschen einmal im Monat mit dem halbstündigen Gottesdienst ein schönes Erlebnis zu vermitteln, betont Innerle.

   Bei Demenzkranken seien die Erinnerungen an ihre Jugendzeit oft noch recht stark. «Wenn man mit diesen Menschen über ihre Vergangenheit spricht, ist es oft so, als hätten sie das erst gestern erlebt», weiß die Pfarrerin. Und so sind im Gottesdienst die Demenzkranken durchaus in der Lage, die alten, in der Kindheit oder im jungen Erwachsenenalter erlernten Kirchenlieder mitzusingen und Psalmen oder Gebete auswendig mitzusprechen.

   Oft sind es auch Symbole wie Blumen, ein Stein oder Früchte, die dazu beitragen, bei den alten Menschen Erinnerungen zu wecken.
Innerle reicht sie herum, lässt die Menschen fühlen, riechen und schmecken. «Damit werden die Leute auf ihrer Gefühlsebene angesprochen», erläutert sie die einfache, aber wirkungsvolle Vorgehensweise.

   Seit dem Start des «Andacht für die Sinne» genannten Projekts im Februar 2009 seien die Teilnehmerzahlen kontinuierlich gestiegen, berichtet Einrichtungsleiterin Heide Tepper. «Die Leute sagen von sich aus, dass sie da gerne hin wollen.» Bis zu 30 Bewohner des nicht-konfessionellen Heimes kämen hier einmal im Monat zusammen.
Insgesamt gebe es 105 Plätze.

   «Bis zu 75 Prozent unserer Bewohner sind mehr oder weniger dement», erläutert Tepper. Besonders hilfreich sei es, dass die Menschen in dem Gottesdienst mit den kleinen Gesten «abgeholt» und in ein Gespräch eingebunden würden. «Ein wichtiger Teil ihres Lebens wird hier angesprochen», bestätigt sie. Etwas, wofür in der täglichen Pflegearbeit oft die Zeit fehle.