Vor 750 Jahren endete Herrschaft der Lateiner in Konstantinopel

Das Lumpen-Kaisertum

Die Episode der "Lateiner", die in und um Konstantinopel ein kurzlebiges "Kaiserreich" errichteten, schwächte das Christentum in Kleinasien nachhaltig und machte Byzanz letztlich sturmreif für die Türken. Am 25. Juli 1261, vor 750 Jahren, endete das Lateinische Kaiserreich.

 (DR)

Fragt man nach den Sündenfällen der Kirchengeschichte, dann stehen die Exzesse der Kreuzzugsbewegung meist an erster Stelle. Und unter diesen ganz oben die blutige Plünderung von Konstantinopel 1204, der Überfall der Kreuzfahrer auf die christlichen Glaubensbrüder von Byzanz. Die Machtkonstellation vor dem Vierten Kreuzzug war äußerst komplex - und ungünstig für Byzanz. Papst Innozenz III. (1198-1216) wünschte dringend die Befreiung des Heiligen Landes, aber ebenso dringend eine Kirchenunion, sprich die Wiedervereinigung mit der seit 1054 von Rom getrennten orthodoxen Kirche des byzantinischen Ritus. Zudem kam, dass das unterdimensionierte Kreuzfahrerheer aus Frankreich und Flandern wegen der vereinbarten Transportkosten schon früh in finanzielle Abhängigkeit der Venezianer geriet. Christliche Kreuzfahrer gegen Christen Die Kreuzfahrer ließen sich erpressen - und belagerten 1202 für Venedig das abtrünnige Zara (heute Zadar) an der Küste Dalmatiens. Christliche Kreuzfahrer gegen Christen: Das war der Sünden- und Präzedenzfall für den Sturm gegen Byzanz. Alexios Angelos, der Sohn des dort abgesetzten Kaisers Isaak II., spannte die Kreuzfahrer vor seinen Karren. Für den Fall seiner Krönung versprach er die Kirchenunion, neue venezianische Handelsprivilegien und auch die Zahlung hoher Geldsummen - über die er gar nicht verfügte. Die Stadt am Bosporus mit ihren Palästen und von Schätzen überquillenden Kirchen, Erbin des hellenistisch-antiken Erbes, eine riesige Märchenstadt in den Augen der fränkischen Kreuzfahrer, wurde im Juli 1203 genommen, vergleichsweise gewaltfrei. Doch der neue Herrscher Alexios Angelos dachte gar nicht daran, seine Versprechen einzuhalten; und er schaffte es auch nicht, seine Herrschaft unter den Byzantinern zu festigen. Kabale und Thronwirren führten im April 1204 zur Katastrophe: Das lateinische Heer holte sich auf barbarische Weise, was ihm vermeintlich zustand. Menschen wurden geschlachtet, Kulturschätze, seit der Antike bewahrt, verschwanden auf ewig, wurden zerschlagen, weggeschleppt oder von Ignoranten eingeschmolzen. "Kaiser" ohne jede Hausmacht Nach dem Sturz von Alexios Angelos wurde ein "Lateinisches Kaisertum" ausgerufen - von byzantinischer Prachtentfaltung zwar, aber zu keiner Zeit von dessen einstiger Machtfülle. Schon die Verfassung, die den "Kaiser" ohne jede Hausmacht beließ und das Territorium zwischen Venedig und den fränkisch-flandrischen Rittern zerstückelte, leistete einem baldigen Niedergang Vorschub. Einziges Ziel des neuen Reiches war es, mit Methode Pfründen zu verteilen und die Herrschaft Venedigs im östlichen Mittelmeerraum zu sichern. Die 57 Jahre des Reiches lassen sich rasch erzählen: Bedeutungslose Herrscher wechselten sich in rascher Folge ab; der außenpolitische Druck durch die Bulgaren, aber auch die Nachfolgestaaten von Byzanz wuchs stetig an. Vor allem das "Kaiserreich Nizäa", das sein Zentrum unmittelbar vor den Toren Konstantinopels hatte, umzingelte das ständig schwindende Herrschaftsgebiet. Trist bis peinlich ist die Geschichte des "letzten Kaisers": Balduin II. (1228-1261) tingelte über Jahre durch Europa, um aus Geldnot erst Kunstschätze und Reliquien aus Byzanz, später die europäischen Besitztümer seiner Familie zu verscheuern. Als er selbst die Bleidächer seines Palastes zu Geld gemacht hatte, verpfändete er für 400.000 Silbermark seinen eigenen Sohn Philipp. Und kurios das Ende: Ein General des Kaisers von Nizäa Michael VIII. Palaiologos, der eigentlich gegen Thrakien ziehen wollte, fand die Stadt beim Vorbeimarsch so sträflich unbewacht, dass er sie kurzerhand einnahm. Balduin II., der zerlumpte Kaiser, flüchtete nach Europa. Die Dynastie der Palaiologen-Kaiser regierte noch knapp 200 Jahre. Doch Byzanz war der einstigen Macht und Pracht entkleidet, waidwund und anfällig für neue, hungrige Großmächte. Immerhin brauchten die anstürmenden Osmanen mehrere Anläufe. 1453 aber zogen sie einen Schlussstrich unter mehr als ein Jahrtausend christlicher Herrschaft in Konstantinopel.

Autor/in:
Alexander Brüggemann