Thanksgiving soll alle Religionen vereinen

Toleranz und Truthahnbraten

Der Thanksgiving Day ist ein Fest der Familie, ein Abend, den man im Kreise seiner Lieben und bei Truthahnbraten verbringt. Es ist beinahe der einzige wirklich ruhige, besinnliche Abend des Jahres in dem geschäftigen und mancherorts auch sehr hektischen Land. Und es werden mehr und mehr Andachten gehalten, zu denen Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen zusammenkommen.

 © DOMRADIO (DR)
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Die Menschen, die in der Memorial Chapel von Rockford im Bundesstaat Illinois zusammengekommen waren, hörten Choräle aus verschiedenen Kulturen, bevor Gebete gesprochen wurden:  Zunächst sprach ein katholischer Geistlicher, anschließend ein Pastor der Unitaner. Darauf folgte ein Hindugebet, Lesungen aus dem Glauben der amerikanischen Ureinwohner und des Islam. Am Ende sang die Gemeinde ein Lied, mit dessen Inhalt sich alle identifizieren konnten: Louis Armstrongs "What a Wonderful World". Ein Lied das der Stimmung entspricht, die in diesen Tagen - ungeachtet aller öffentlichen Debatten über Wirtschaft, Politik und die Sicherheitsvorkehrungen an den Flughäfen - viele Amerikaner erfasst. Seit dem vergangenen Wochenende werden in Kirchen und Gemeindehäusern Thanksgiving-Gottesdienste abgehalten, in Vorbereitung auf den großen amerikanischen Feiertag am Donnernstag. Bemerkenswert ist dabei eine in weiten Teilen des Landes zu beobachtende Tendenz: Es gibt immer mehr "Thanksgiving interfaith services"; Andachten, zu denen Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen zusammenkommen. Sie sind stets ein Aufruf zu Toleranz und zum friedvollen Miteinander - und geben den Besuchern Einblicke in den kulturellen und religiösen Hintergrund von Nachbarn in einer Nation, die sich stets aus Einwandern aus der ganzen Welt zusammensetzte. Rockford ist dabei kein Einzelfall. In Westport, Connecticut, erlebten die Gläubigen - und die sich aus diesem Anlass in die Kirche begebenden Neugierigen - den Auftritt eines als Engel verkleideten Chors der "Christ and Holy Trinity Church". Später begann eine Gruppe Geistlicher den glaubensübergreifenden Gottesdienst: sechs protestantische und ein katholischer Pfarrer leiteten zunächst die Veranstaltung. Dann sprach der Rabbi vom örtlichen Tempel "Israel" ein Gebet, bevor Ali Tariq und Jehangir Hafiz vor den Altar traten. Tariq las aus der 55. Sure des Korans, Hafiz übersetzte; eine Stelle, in der Allah gedankt wird. Solche Gesten des Miteinanders verleihen dem Thanksgiving Day gerade in Zeiten der Krise eine besondere Bedeutung - und werden seiner Tradition gerecht. Das erste Erntedankfest, das die Siedler auf der "Mayflower" 1620 in die Neue Welt brachten und der Legende nach in Dankbarkeit zusammen mit den Indianern feierten - diese hatte den Neuankömmlingen beim Überleben in der Fremde geholfen - wurde in Amerikas größter Krise zu einem nationalen Feiertag. Präsident Abraham Lincoln bestimmte im Oktober 1863, mitten im Amerikanischen Bürgerkrieg, dass von nun an der letzte Donnerstag im November dem Dank an "unseren liebenden Vater, der da wohnt im Himmel" gewidmet sein solle. Über allen Religionen stehend und mit einer weltlich-patriotischen Note versehen wird der Thanksgiving Day in Plymouth, Massachusetts, gefeiert. Dort gingen die Pilgerväter und -mütter 1620 an Land. Zu den Klängen einer Dudelsackkapelle wird um halb zwölf mittags die amerikanische Fahne im Zentrum des kleinen, historischen Ortes gehisst. Dann werden Führungen, auch unter klingendem Spiel, zu den Stätten angeboten, an denen die Siedler heimisch wurden und die Grundlagen für den ersten Thanksgiving Day auf amerikanischem Boden legten. Doch auch an diesem Ort wird es mit Einbruch der Dunkelheit sehr, sehr ruhig.
Autor/in:
Ronald Gerste