Schon unken manche von einem Finanzskandal im Vatikan. Die Kirchenleitung ist eilig bemüht, Verdächtigungen zu zerstreuen. Das Staatssekretariat reagierte umgehend mit einer Stellungnahme, und Ettore Gotti Tedeschi, ins Visier der Staatsanwaltschaft geratener Chef der Vatikanbank IOR, versuchte in mehreren Interviews am Mittwoch eine Klärung der Sachlage. Nichts als ein "Verfahrensfehler" sei es gewesen, was die italienischen Behörden veranlasste, Transaktionen im Umfang von 23 Millionen Euro unter die Lupe zu nehmen.
Seinen Sitz hat die Vatikanbank IOR, das "Institut für religiöse Werke", im Festungsturm "Niccolo V." hinter den vatikanischen Mauern. Geschäftsberichte veröffentlicht das Institut nicht, Eckdaten wie Eigenkapital und Erträge sind unbekannt, und der IOR-Präsident hat ein gutes Verhältnis zum Opus Dei. Das macht das Institut zu einem willkommenen Objekt für düstere Spekulationen.
Sehr deutlich kommentierte Tedeschi deshalb die Ermittlungen gegen ihn und IOR-Generaldirektor Paolo Cipriani: Ein Formmangel werde als Vorwand benutzt, um die Bank, ihren Leiter und den Vatikan allgemein zu attackieren.
Vatikan: gewöhnliches Investmentgeschäft
Es geht um 20 Millionen Euro, die das IOR über die italienische Bank Credito Artigiano an die Frankfurter Filiale von J.P. Morgan überwies, zudem um einen Transfer von drei Millionen Euro an die italienische Banca del Fucino. Nach Auffassung der Behörden wurde dabei ein italienisches Gesetz von 2007 nicht beachtet, das die Anwendung der EU-Normen gegen Geldwäsche regelt. Der Vatikan sprach von einem gewöhnlichen Investmentgeschäft auf Rechnung des IOR; alle notwendigen Informationen seien der italienischen Zentralbank bekannt. "Die Operation ist sonnenklar, es gibt nicht Verborgenes und nichts zu verbergen", sagte Tedeschi.
Der Verdacht dubioser Finanzaktionen trifft ihn persönlich. Er empfinde "Verbitterung und Demütigung", sagte er der Tageszeitung "Il Giornale". Der 65-Jährige, lange Jahre Chef des italienischen Zweigs der spanischen Santander-Bank, ist neben seinem Posten im IOR Professor für Finanzethik an der Universita Cattolica in Mailand. Zudem berät er Italiens Finanzminister Giulio Tremonti über Ethik internationaler Finanzsysteme. Auf die Frage, ob er sich mehr dem Geld oder mehr Gott widme, sagte er: Hundert Prozent für beides.
Tedeschi als Saubermann angestellt
Als Tedeschi genau vor einem Jahr von Santander zum "Santo Padre" wechselte, tat er das mit dem Auftrag, für mehr Transparenz in der Vatikanbank zu sorgen. Sein Vorgänger im IOR, Angelo Caloia, wurde nach 20 Jahren vorzeitig aus dem aktuellen Vertrag entlassen. Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, seit 2008 Präsident des kontrollierenden Kardinalsgremiums, wechselte den Aufsichtsrat der Bank komplett aus.
Ein Hauptziel Tedeschis ist ausgerechnet, den Vatikan in die "White List" jener Staaten zu bringen, die strikt gegen Geldwäsche vorgehen. In dieser Sache verhandelte er nach eigenen Worten direkt mit Vertretern der OSZE und entsprechenden internationalen Gremien. Die Aufnahme in die White List soll angeblich im Dezember erfolgen. Mit der künftigen Überwachung der Kriterien sei bereits Kardinal Attilio Nicola beauftragt, einer der fünf Kardinäle des Kontrollrats.
Skandal von 1982
Im Bemühen um Transparenz wirkt noch der große Skandal von 1982 nach: Damals ging die Mailänder Bank Ambrosiano pleite; ihr Präsident Roberto Calvi wurde erhängt unter einer Londoner Brücke aufgefunden. Calvi war Geschäftspartner des IOR, das Bürgschaften für Ambrosiano übernommen hatte. Der Vatikan zahlte schließlich außergerichtlich 240 Millionen US-Dollar an Ambrosiano-Gläubiger. Eine andere Sache betrafen in den 1990er Jahren undurchsichtige Transfers von Geldern unbekannter Herkunft über das IOR. Seitdem ist man im Vatikan sensibler.
Angesichts der jetzigen Beschuldigungen äußerte sich das Staatssekretariat "verblüfft und erstaunt". Tedeschi wie Ciprinani besäßen "vollstes Vertrauen" durch den Vatikan. Nur ein Zufall war es, dass in der Vatikanzeitung "Osservatore Romano" am Mittwoch ein Geleitwort von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone zu einem neuen Buch Tedeschis erschien. Es trägt den Titel "Denaro e Paradiso" - "Geld und Paradies".
Vatikanbank-Chef weist Vorwürfe zurück
Hundert Prozent Gott und Geld
Der ins Visier der Staatsanwaltschaft geratene Chef der Vatikanbank IOR sieht hinter den Ermittlungen eine Kampagne gegen die Kirchenleitung. Man habe «einen Verfahrensfehler als Vorwand benutzt», um das Institut, seinen Präsidenten und den Vatikan im Allgemeinen zu attackieren, sagte Ettore Gotti Tedeschi.
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