Ausstellung zur jüdisch-russischen Einwanderung seit 1989

Ausgerechnet Deutschland!

Eine Ausstellung des Frankfurter Jüdischen Museums versucht nun eine erste historische Bestandsaufnahme jüdisch-russischer Einwanderung in die Bundesrepublik seit 1989 - keine 50 Jahre nach dem Holocaust.

Autor/in:
Peter de Groot
 (DR)

Sie sind in das ehemalige "Land der Mörder" gekommen - obwohl internationale jüdische Organisationen und Israel das als "inakzeptabel" kritisierten. Seit dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion wanderten von dort bis zum Jahr 2005 rund 220.000 Juden in die Bundesrepublik ein. Etwa 85.000 von ihnen gehören heute den hiesigen jüdischen Gemeinden an - bei insgesamt zirka 110.000 Mitgliedern.

Wie kam es zu dieser Einwanderung? Welche Erfahrungen haben die Einwanderer gemacht? Wie reagierten die jüdischen Gemeinden? Ist ein neues deutsches Judentum entstanden? Es sind Fragen wie diese, auf die das Museum eine Antwort geben will. "Ich wünsche mir, dass 'Ausgerechnet Deutschland!' wertvolle Anregungen für das Verständnis der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland gibt", sagt Museumsdirektor Raphael Gross.

Unterschiedliche Sichtweisen und Mentalitäten
Diese Gemeinschaft hat sich im Zuge der jüdisch-russischen Einwanderung grundlegend gewandelt, ist heute in ihrer Mehrheit russischsprachig. Für die jüdischen Gemeinden bedeutete die Einwanderungswelle einen fundamentalen Einschnitt. Eine Minderheit sah sich vor die Aufgabe gestellt, eine Mehrheit zu integrieren. Es prallten unterschiedliche Sichtweisen und Mentalitäten aufeinander.

Der Integrationsprozess dauert an. In dieser Phase will das Museum nach eigenem Bekunden einen Beitrag dazu leisten, dass sich Einwanderer und Alteingesessene ihrer Prägungen vergewissern, um eine neue, gemeinsame jüdische Kultur in Deutschland zu entwickeln.

Die Ausstellung wartet mit einer historisch-politischen Dokumentation der Ereignisse auf, sie bringt persönliche Erfahrungsberichte, lässt in filmisch dokumentierten Interviews politische Akteure wie Wolfgang Schäuble, den kürzlich 70 Jahre alt gewordenen ersten frei gewählten Regierungschef der DDR, Lothar de Maiziere, und den früheren israelischen Botschafter in Deutschland, Avi Primor, zu Wort kommen. Auch die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema fehlt nicht.

Gliederung in mehrere Komplexe
Die in deutscher und russischer Sprache betextete Schau gliedert sich in mehrere Komplexe. Nachgezeichnet werden etwa Situationen bei der Ausreise, in Übergangswohnheimen und in deutschen Ämtern. Ihm sei es vor allem darum gegangen, "Menschen unterwegs, in Bewegung" darzustellen und die "Geschichte der vielen Begegnungen und Nichtbegegnungen" zwischen Neubürgern und Alteingesessenen zu erzählen, sagt der Kurator der Ausstellung, Dimitrij Belkin. Er selbst - Sohn eines jüdischen Vaters - kam 1993 aus der Ukraine in die Bundesrepublik.

Zu der Frankfurter Schau ist ein 191 Seiten zählender Begleitband erschienen. Er enthält viele Bilder sowie Beiträge etwa von Rabbinern, von Schriftstellern wie Maxim Biller und Wladimir Kaminer, des Historikers Dan Diner und des Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann. Auch enthält der Band Grußworte der Wende-Protagonisten Michail Gorbatschow und Helmut Kohl. Die jüdischen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, schreibt Kohl, stünden für die Hoffnung, dass ein lebendiges und auch zahlenmäßig bedeutendes Nachkriegsjudentum in Deutschland möglich sei.