Benedikt XVI. forderte beim Antrittsbesuch des türkischen Botschafters eine zivilrechtliche Anerkennung der katholischen Kirche in der Türkei. Dies fehle zu einer "vollen Religionsfreiheit", wie sie von der Verfassung vorgesehen sei, erklärte der Papst beim Empfang des diplomatischen Vertreters Kenan Gürsoy am Donnerstag im Vatikan. Zugleich äußerte er die Hoffnung auf eine Vertiefung der "herzlichen Beziehungen" und auf eine wachsende Zusammenarbeit.
Die Christen als alteingesessene Gemeinschaft in der Türkei seien stolz auf ihre Rolle in der säkularen Republik, sagte der Papst. Die Katholiken schätzten auch die verfassungsrechtlich verbriefte Kultfreiheit. Eine formelle Anerkennung würde der Kirche jedoch helfen, "sich voller Religionsfreiheit zu erfreuen und einen noch größeren Beitrag für die Gesellschaft zu leisten".
Dank und Angebot
Im Blick auf das zurückliegende Paulus-Gedenkjahr dankte der Papst der Türkei für ihre Schritte, um Pilgerbesuche und Gottesdienste an historischen Stätten des Apostels zu erleichtern. Auf Konflikte wie jenen um die Pauluskirche in Tarsus ging er nicht ein.
Benedikt XVI. bot zugleich die Vermittlung des Heiligen Stuhls bei innenpolitischen Konflikten der Türkei an. Ohne den Völkermord an den Armeniern beim Namen zu nennen, betonte er, Gebietsstreitigkeiten und ethnische Rivalitäten könnten nur dann eine Lösung finden, wenn die legitimen Ansprüche jeder Partei berücksichtigt sowie "vergangene Ungerechtigkeiten anerkannt und, wenn möglich, wieder gutgemacht" würden.
Gürsoy war bis 2009 Philosophieprofessor an der Galatasaray-Universität in Istanbul. Unter anderem arbeitete der heute 59-Jährige, der im französischen Rennes und an der Pariser Sorbonne studierte, auf dem Gebiet des interreligiösen und interkulturellen Dialogs.
Westerwelle trifft Patriarchen
Am Freitag trifft Bundesaußenminister Guido Westerwelle heute den griechisch-orthodoxen Patriarchen Bartholomaios I. zusammen. Westerwelle besucht dazu das Patriarchat in der Altstadt von Istanbul.
Bartholomaios I., das Ehrenoberhaupt der orthodoxen Christen weltweit, beklagt seit langem die Schwierigkeiten für Christen in der Türkei. Im Dezember zog er die Kritik der türkischen Regierung auf sich, als er in einem Interview mit Blick auf die schwierige Lage der christlichen Minderheit formulierte, er fühle sich manchmal "wie gekreuzigt" und als Bürger zweiter Klasse.
In dem Gespräch des Patriarchen mit dem deutschen Außenminister dürfte es unter anderem um das orthodoxe Priesterseminar Chalki bei Istanbul gehen, das seit 1971 geschlossen ist. Ohne den Priesternachwuchs aus dieser Ausbildungsstätte ist die orthodoxe Kirche des Landes vom Aussterben bedroht. Die EU fordert von der Türkei seit langem eine Wiedereröffnung des Seminars. Ankara macht dies von Verbesserungen der Lage für die türkische Minderheit in Griechenland abhängig.
Bundesaußenminister und Papst rufen nach Religionsfreiheit in der Türkei
Ein gemeinsames Anliegen
Zu weiteren Reformen hat Bundesaußenminister Guido Westerwelle bei seinem Türkei-Besuch aufgerufen - unter anderem auf dem Gebiet der Religionsfreiheit. Im 2.000 Kilometer entfernten Rom ist der Papst noch weiter ins Detail gegangen.
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