Bauern sehen "Diktatur" beim Milchpreis

Weiter Streit um die Milch

Unmittelbar vor dem Milchgipfel bei Bundesagrarminister Horst Seehofer am Donnerstag beklagen die Bauern eine "Milchdiktatur". Der Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM), Romuald Schaber, sagte: "Was wir jetzt erleben, hat mit sozialer Marktwirtschaft nichts mehr zu tun. Der Handel diktiert, die Molkereien geben die Preise weiter und wir Bauern sind die Dummen." Die Milchwirtschaft in Deutschland stehe an einem Scheideweg.

 (DR)

Sein Stellvertreter Walter Peters forderte im «ZDF»-Morgenmagazin, dass sich die Rahmenbedingungen ändern müssten, damit Milchviehhalter in Zukunft die Milchmenge dem Bedarf anpassen könnten und nicht der Übermacht des Handels ausgesetzt seien.

Sollten die heutigen Gespräche jedoch keine Ergebnisse bringen, seien die Bauern erneut zu einem Boykott gezwungen, kündigte Schaber im Deutschlandradio Kultur an. «Deshalb streben wir in den Gesprächen an, dass wirklich die Marktsituation bereinigt wird, damit langfristig Perspektiven für eine Preiserholung da sind», betonte der BDM-Vorsitzende.

Schaber räumte unterdessen auch ein, dass der nach dem zweiwöchigen Lieferstopp mit dem Handel erzielte Kompromiss über eine Preissteigerung von zehn Cent pro Liter Milch verwässert sei. »Die Discounter sind zurückgerudert«, kritisierte er. »Es ist längst nicht klar, ob die zehn Cent tatsächlich bei den Bauern ankommen.« Zudem habe der Handel Butter, Käse, Quark und Joghurt vom Preisaufschlag ausgenommen, obwohl diese Produkte einen größeren Marktanteil hätten als Milch. Es sei damals eindeutig «zu früh zum Feiern» gewesen, betonte sein Vize Peters im «ZDF»-Morgenmagazin bezüglich der zunächst euphorisch begrüßten Einigung.

Derweil wehrte sich das Bundeskartellamt gegen Vorwürfe Seehofers. Dieser hatte laut «Neuer Osnabrücker Zeitung» kritisiert, dass zwar die Bauern kartellrechtlich geprüft würden, der konzentrierten Marktmacht der Handelsketten und deren Preispolitik aber keine Beachtung geschenkt werde. »Ein gleichförmiges Verhalten von Anbietern ist für sich genommen noch nicht wettbewerbswidrig«, sagte der Sprecher des Bundeskartellamts, Markus Zeise, dem Blatt.

Wichtig sei, dass nicht nur die Bauern im Zuge des Boykotts unter die Lupe genommen würden, sondern auch die Molkereien und der Handel, sagte Schaber im Deutschlandradio Kultur. Diese Untersuchungen seien notwendig, weil damit endlich mal Licht ins Dunkel der Milchwirtschaft gebracht werde.

Die «Süddeutsche Zeitung» (Donnerstagausgabe) berichtete, einige betroffene Bauern planten, die Führung in genossenschaftlich organisierten Molkereien zu übernehmen. Der BDM betone in einem internen Schreiben an seine Mitglieder, dass Molkereivertreter, die den Boykott der Milchbauern bekämpft hätten, nicht länger tragbar seien. Ein Sprecher habe bestätigt, dass versucht werde, neue Vorstände und Aufsichtsräte zu installieren.

Seehofer trifft sich am frühen Donnerstagnachmittag in Berlin mit Milchbauern zu einem Milchgipfel. In den Gesprächen mit dem Deutschen Bauernverband (DBV) und dem Bundesverband der Milchviehhalter (BDM) gehe es um die künftige langfristige Struktur der Milchindustrie, nicht um Preise für Milchprodukte, erläuterte eine Ministeriumssprecherin vorab. In den kommenden Tagen folgten getrennte Gespräche mit Molkereien und Vertretern des Handels.