"Making of Leone": Journalist zeichnet Dynamik der Papstwahl nach

"Auch Kardinäle sind Plaudertaschen"

Seit einem Jahr ist Leo XIV. im Amt. Ein Journalist erlebte die Entstehung des Pontifikats aus nächster Nähe. Nach der Wahl rekonstruiert er, wie Gespräche hinter verschlossenen Türen und strategische Allianzen das Konklave prägten.

Autor/in:
Michael Feth
Kardinäle beim Konklave in Rom / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Kardinäle beim Konklave in Rom / © Cristian Gennari/Romano Siciliani ( KNA )

Die Tage bis zur Amtseinführung, 13. bis 17. Mai 2025

Nur 24 Stunden später gab eine andere wichtige Person, die unmittelbar an der Wahl von Robert Francis Prevost zum Pontifex beteiligt war, eine Pressekonferenz für die deutschsprachigen Vatikan-Journalisten. Reinhard Kardinal Marx, der Erzbischof von München und Freising, wurde vor Jahren von den italienischen Medien selbst einmal unter die "Papabili" gereiht.

Reinhard Kardinal Marx / © Daniel Löb (dpa)
Reinhard Kardinal Marx / © Daniel Löb ( dpa )

Diese Zeiten waren zwar vorbei – zu sehr hat die Skandalflut des sexualisierten Missbrauchs innerhalb der deutschen Kirche Marx zugesetzt, deren Spitzenrepräsentant er über Jahre hinweg war. Sein daraus resultierendes Rücktrittsgesuch hatte Papst Franziskus, als dessen enger Vertrauter Marx galt, abgelehnt. Und auch der erbitterte Streit über den deutschen "Synodalen (Sonder-) Weg" hatte ihm sichtbar zugesetzt und seine Gesundheit angegriffen.

Dennoch: Er ist bis dato eine äußerst einflussreiche Persönlichkeit im Weltepiskopat und innerhalb der vatikanischen Mauern sowie im Kardinalskollegium bestens vernetzt. Kein Wunder also, dass er im Konklave zu den Königsmachern, pardon "Papstmachern", gehörte. In der für ihn typisch direkten, spontanen und lautmalerischen Art gab er uns einige erhellende Einblicke in die Dramaturgie des Konklaves und die Dynamik, die zur Wahl Leos führte. 

Mancher Wink mit dem Zaunpfahl war haarscharf an der Verletzung des Wahlgeheimnisses, aber Marx war eben Marx. Die Gretchenfrage, die wir uns natürlich alle stellten, lautete: Wie genau kam es denn zu der überraschenden, relativ schnellen und lagerübergreifenden Einigung auf den "US-Peruaner" Prevost? Und wer hatte die Welle ausgelöst? 

Für mich war dabei eine Lehre besonders bemerkenswert: Mit welcher Akribie schon bei den vorangegangenen Generalkongregationen der Kardinäle eine Art Steckbrief von ihrem neuen Chef verfasst worden war. Was der alte Hase Marx referierte, klang fast nach dem Kriterienkatalog einer Headhunting-Agentur. Welche Merkmale sollte der neue Pontifex in sich vereinen? 

Er sollte vielsprachig sein und medial gewandt; Berufserfahrung auf mindestens zwei Kontinenten gesammelt haben; sowohl in Seelsorge als auch in der Verwaltung erfahren sein; zumindest einmal in Rom gelebt haben und mit den päpstlichen Traditionen nicht fremdeln und über Integrationskraft verfügen; eine hohe fundierte theologische Tiefe mitbringen; rhetorisch begabt sein; den unmittelbaren Kontakt mit Menschen mögen; einen vorbildlichen Umgang mit seinen Mitarbeitern und seiner Umgebung pflegen; kollegial gegenüber seinen bischöflichen Mitbrüdern sein; und möglichst über eine Prise Humor verfügen. 

Das alles klang zunächst wie die Suche nach der berühmten "eierlegenden Wollmilchsau". Es war jedoch die logische Konsequenz aus dem vorangegangenen Franziskus-Pontifikat. Seine Kür zum Oberhaupt der katholischen Kirche dreizehn Jahre zuvor war eine Spontanwahl aus der Situation heraus gewesen. 

Papst Franziskus steht mit Jugendlichen in der Kathedrale Saint Mary's in Rangun / © Osservatore Romano/Romano Siciliani (KNA)
Papst Franziskus steht mit Jugendlichen in der Kathedrale Saint Mary's in Rangun / © Osservatore Romano/Romano Siciliani ( KNA )

Die Lage war damals eine andere als heute: Der Schock über den ersten Rücktritt eines Papstes seit sechshundert Jahren steckte den Purpurträgern mächtig in den Knochen; für viele war gerade eine Welt zusammengebrochen. Dann der Scherbenhaufen der mannigfachen internen Skandale hinter den vatikanischen Mauern, die das Pontifikat Benedikts XVI. verdunkelt hatten: "Vatileaks" I und II, das schamlose Finanzgebaren der Vatikanbank IOR, Schwarzgelder, mafiöse Verstrickungen hoher Prälaten, die "schwarzen Raben", die mit fein orchestrierten Intrigen verhindern wollten, dass Papst Ratzinger den Lichtkegel auf sie richtete. 

Dazu diverse persönliche Illoyalitäten gegenüber dem "Papa Professore", wie ihn die Römer nannten. Dazu ein unfähiger Kardinalstaatssekretär in Person von Tarcisio Bertone, der weniger um den Erfolg seines Chefs als um den eigenen Glanz bemüht war. Und über allem schwebte stets das Megathema des sexualisierten Missbrauchs durch Geistliche, welches das Zeugnis der Kirche nachhaltig verdunkelte. 

Ein toxischer Mix, der dem 85-jährigen großen Kirchenmann und Gelehrten, der sich in seinem ganzen Leben im Dienst für den Herrgott aufgerieben hatte, die letzten Kräfte kosteten. Sein freiwilliger Amtsverzicht war ein Menetekel an der Wand: So konnte es nicht weitergehen. Das anschließende Konklave war daher nicht von einem rationalen Abwägungsprozess geleitet, sondern von tiefgreifenden Emotionen, Wut und Ängsten. 

Nur vor diesem Hintergrund war es meiner Einschätzung nach möglich, dass ein mit 76 Jahren bereits im Pensionsalter befindlicher Erzbischof von Buenos Aires, der gesundheitlich nicht mehr auf der Höhe war, der vielen seiner Kollegen gar kein Begriff war, über dessen Lebenslauf man eigentlich herzlich wenig wusste, der sein ganzes Leben in Argentinien verbracht hatte und (wichtig!) über keinerlei nennenswerte Rom-Erfahrung verfügte, plötzlich als Papst Franziskus aus dieser einzigartigen Wahl hervorging. 

Eine Brandrede, in der Kardinal Jorge Mario Bergoglio die Krankheiten der Kurie, die nurmehr ums sich selbst kreiste und den Kontakt zur realen Welt verloren habe, mit deftigen Worten charakterisierte und geißelte, soll damals seine Mitbrüder im wahrsten Sinne des Wortes vom Hocker gerissen haben. "Er bringt die Sache auf den Punkt, dann soll er's auch machen", so die Losung, die den Jesuiten mit aus Argentinien auf den Stuhl Petri spülte. 

Zumal die Italiener bei der großen Mehrheit der Kardinäle aus der Seelsorge rund um die Welt wegen der Skandale in der römischen Zentrale quasi unter Generalverdacht standen. Eine Krähe hackt der anderen bekanntlich kein Auge aus – also brauchte man jemanden von auswärts, der den Saustall ausmistete. Dreizehn Jahre später war die Ausgangslage wiederum eine völlig andere. 

Graffito mit Papst Franziskus, der gebeugt auf seinen Schultern wie ein Kreuz das lateinische Wort "Pax" (dt. Frieden) trägt. Der Papst trägt eine Tasche mit der Aufschrift "valores" (dt. Werte), aus der ein rot-blau-gestreifter Schal hängt, den Farben des Fußballteams Club Atletico San Lorenzo de Almagro aus Buenos Aires (Argentinien), dessen Fan der Papst ist. Das Kunstwerk stammt vom Streetart-Künstler Mauro Pallotta (Künstlername "MauPal") / © Julia Steinbrecht (KNA)
Graffito mit Papst Franziskus, der gebeugt auf seinen Schultern wie ein Kreuz das lateinische Wort "Pax" (dt. Frieden) trägt. Der Papst trägt eine Tasche mit der Aufschrift "valores" (dt. Werte), aus der ein rot-blau-gestreifter Schal hängt, den Farben des Fußballteams Club Atletico San Lorenzo de Almagro aus Buenos Aires (Argentinien), dessen Fan der Papst ist. Das Kunstwerk stammt vom Streetart-Künstler Mauro Pallotta (Künstlername "MauPal") / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Das disruptive Pontifikat von Papa Francesco hatte tiefe, teils unüberbrückbare Gräben in der Kirche rund um den Globus hinterlassen. Seine Reformversprechen innerhalb der Kurie hatte er zwar eingelöst (die Kurienreform war ein Jahr vor seinem Tod in Kraft getreten), doch viele andere Baustellen waren noch offen; Spaltungen drohten sowohl aus der Richtung der Konservativen wie der Progressiven. 

Eine klare Linie fehlte, womit sich eine gewisse Plan- und Orientierungslosigkeit im Episkopat breitmachte. Mit seiner Personalauswahl für die vatikanischen Spitzen-Ämter hatte Franziskus nicht immer eine glückliche Hand bewiesen. Und die Kritik, dass Büchsenspanner des Jesuitenordens (wie etwa Antonio Spadaro, Chefredakteur einer jesuitischen Monatsschrift) intern immer mehr die Führung übernahmen und den Papst instrumentalisierten, um ihre eigene Agenda durchzudrücken, mehrte sich. 

Die bewusste Missachtung der päpstlichen Traditionen durch Franziskus und der damit einhergehende Bruch mit seinen Vorgängern nahmen ihm nicht nur Konservative übel. Denn ein Pontifex steht nolens volens immer in der Kontinuität seiner Vorgänger bis hin zurück zu Petrus. Sich eine "Sonderrolle" in dieser langen Reihe schnitzen zu wollen, sahen auch manche als eher "liberal" verortete Kardinäle als vermessen an.

Dies war grob umrissen der Spannungsbogen der Papstwahl 2025. Angesichts des fortschreitenden gesundheitlichen Verfalls von Franziskus konnten sich die Wahlberechtigten diesmal – anders als nach dem "Bombeneinschlag" 2013 – länger und besser auf den "Moment X" vorbereiten und ihre Schlüsse ziehen. 

Kardinal Pierbattista Pizzaballa, Lateinischer Patriarch von Jerusalem, bei der Messe in der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Kardinal Pierbattista Pizzaballa, Lateinischer Patriarch von Jerusalem, bei der Messe in der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom / © Cristian Gennari/Romano Siciliani ( KNA )

Zurück zur Stellenausschreibung "Oberhirte der Weltkirche gesucht". Die Schablone entfaltete ihre Wirkung. Nach der Auswahl der Suchkriterien schränkte sich das Feld der Papabili offenbar drastisch ein. Wer blieb übrig? Da war der Patriarch von Jerusalem, Pierbattista Pizzaballa: Ein Leben auf zwei Kontinenten (Italien und Naher Osten), Rom-Erfahrung, internationaler Horizont, vielsprachig (darunter Hebräisch und Arabisch); profunde Bildung; diplomatisch, weltoffen und politisch versiert; gemäßigter Konservativer, der fähig ist, die Hand auszustrecken; Sinn für päpstliche Tradition und Geschichte. Er weiß aus erster Hand, was Krieg, Terror, Flucht und Vertreibung bedeuten. Sein Schwerpunkt-Thema: Schutz der vielerorts bedrängten Christen. Könnte also klappen. 

Nachteil: Politisch durch seine Kritik an der israelischen Regierung und seine Parteinahme für die berechtigten palästinensischen Anliegen sehr exponiert; seine klare Haltung könnte die Rolle des Heiligen Stuhls als Vermittler und die Beziehungen zum Judentum (ungewollt) erschweren; persönlich etwas unnahbar. Der erste Franziskaner auf dem Stuhl Petri? Ein Wagnis. Mit 60 Jahren ziemlich jung, das würde auf ein Langzeitpontifikat hindeuten. Vielen wohl zu lang. Fazit: Eine Wahl mit Risiko. 

Der sinkende Stern von Luis Antonio Tagle strahlte unmittelbar vor Beginn des Konklaves wieder auf. Passte das Raster nicht ideal auf den philippinischen Kardinal, den Seelsorger, der sowohl in Asien als auch in Rom zu Hause war? Als Leiter des wichtigen, von Franziskus aufgewerteten Dikasteriums für die Mission viel auf Reisen und über die Ortskirchen in den katholischen Wachstumsregionen bestens im Bilde? In seinem Auftreten zumeist fröhlich, optimistisch und positiv?

Kardinal Luis Antonio Tagle / © Paolo Galosi/Romano Siciliani (KNA)
Kardinal Luis Antonio Tagle / © Paolo Galosi/Romano Siciliani ( KNA )

Bereits lange genug Kardinal, um bestens vernetzt zu sein? Mit starker sozialer Ausrichtung? Theoretisch ja. Doch einige dieser für ihn sprechenden Argumente ließen sich auch gegen ihn wenden. So wohltemperiert freundlich, wie er sich stets nach außen zeigte, war er nach innen offenbar nicht. Bei der Führung seines wichtigen Ministeriums in der Kurie wurde ihm vor Jahren administratives Versagen vorgeworfen. 

Das Personal des eigenen Hauses hatte sich gegen ihn gewandt, sogar von Mobbing war die Rede. Tagle galt als überfordert; Papst Franziskus stellte ihm schließlich in Person des erfahrenen Erzbischofs Rino Fisichella einen Ko-Präfekten zur Seite. Das wussten natürlich auch die Papstwähler. Freundlich, sympathisch, aber führungsschwach, so das Verdikt.

Die Wahl des ersten Asiaten zum Pontifex wäre zwar ein hübsches Signal der Weltoffenheit gewesen, doch hier wurde kein neuer UNO-Generalsekretär gesucht, bei dem sich die Kontinente abwechselten. Am Ende senkte sich über Tagle der Daumen. 

Pietro Parolin / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Pietro Parolin / © Cristian Gennari/Romano Siciliani ( KNA )

Pietro Kardinal Parolin, seines Zeichens Chef des vatikanischen Staatssekretariates hätte unbestreitbar die meisten Kriterien objektiv erfüllt. Ein weltgewandter Diplomat, der sein Leben in den Diensten des Heiligen Stuhls verbracht hatte, vielsprachig, intellektuell, erfahren im Umgang mit der Kurie, mit 70 Jahren gerade noch so im gewünschten Altersradius. Doch die Widerstände waren beträchtlich. 

Das Hauptargument war seine fehlende pastorale Erfahrung: Niemals hatte die bisherige rechte Hand von Franziskus ein Bistum geleitet. Zudem wurde er mit zweifelhaften Entscheidungen in Verbindung gebracht. Der umstrittene Geheim-Akkord mit China etwa, der endlich die Spaltung der dortigen Katholiken in eine staatstreue "Patriotische Kirche" und eine romtreue Untergrundkirche beenden sollte. 

Stattdessen konnte das kommunistische Xi-Regime, so sahen es viele unter den Kardinälen, seinen Würgegriff gegen die katholischen Gläubigen verstärken und dies noch mit vatikanischem Gütesiegel. Für diese Situation machten sie Parolin verantwortlich. 

Ähnlich kritisch sah es der wichtige osteuropäische Episkopat: Der Schmusekurs (pardon, anders kann man es nicht bezeichnen) des Heiligen Stuhls gegenüber dem Putin-Regime angesichts des brutalen russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, die verdrucksten Statements, die allesamt vermieden, Russland deutlich als Aggressor zu benennen – all das lastete schwer auf dem vatikanischen Chefdiplomaten. 

Dazu kamen viele andere Dinge, die im Staatssekretariat nicht gut gelaufen waren, bis hin zur unklaren Rolle Parolins in der "Causa Becciu". Kurzum: Sein Name war eigentlich schon vor dem ersten Wahlgang verbrannt. Um es kurz zu machen: Sowohl Tagle als auch Parolin schleppten zu viele Altlasten aus dem Franziskus-Pontifikat mit sich herum. 

Robert Francis Prevost (Papst Leo XIV.) im Gespräch mit Gemeindemitgliedern von Chiclayo  / © Jürgen Huber (KNA)
Robert Francis Prevost (Papst Leo XIV.) im Gespräch mit Gemeindemitgliedern von Chiclayo / © Jürgen Huber ( KNA )

Der Ersatz-Joker Filoni, wir sprachen darüber, zog nicht. Ein Name blieb schließlich übrig. Kardinal Robert Francis Prevost schien in den Augen seiner Fürsprecher alles ideal in sich zu vereinen: Er hatte auf zwei Kontinenten gelebt und gedient – eigentlich sogar auf drei, trennt man Nord- und Südamerika in unterschiedliche Kulturräume. 

Er beherrscht fünf Sprachen fließend. Neben seiner englischen Muttersprache war ihm Spanisch zur Zweitsprache geworden, daneben Portugiesisch, Französisch und natürlich Latein. Seine 69 Jahre waren ihm nicht anzusehen, mit seiner sportlichen und energiegeladenen Erscheinung wirkte er zehn Jahre jünger; gröbere gesundheitliche Einschränkungen waren also zumindest für die kommenden Jahre aller Voraussicht nach nicht zu erwarten. 

Er kannte sich aus in der Welt. Er wusste aus erster Hand, was "Mission" und der "Geruch der Schafe" (um in der Metapher von Franziskus zu sprechen) bedeutete. Prevost hatte Erfahrung in Führung und Verwaltung. Als Generaloberer der Augustiner zwölf Jahre lang einen der ganz großen katholischen Orden erfolgreich zu leiten, ist kein Pappenstiel. 

Als studierter Mathematiker sollte er zudem etwas von Finanzen und Wirtschaft verstehen. Das ist der einzige Punkt, der ihn in meinen Augen verdächtig machte, denn ich hasste Mathe in der Schule wie die Pest und hegte immer persönliches Misstrauen gegen jene Genies, die an der Tafel scheinbar spielerisch jene schrecklichen Algebra-Formeln vorrechnen konnten.

Zudem galt er als absolut integer und transparent, ohne wunde Punkte in der Vergangenheit. Sein Amt als Präfekt der Bischofskongregation hatte er bislang geräuschlos und strikt neutral ausgeführt. Einer bestimmten Richtung war er nicht zuzurechnen. Persönlich zudem von allen, die je näher mit ihm zu tun gehabt hatten, als sympathisch, zugänglich und grundgütig beschrieben. Ein guter Kumpel und treuer Freund, ein aufmerksamer Zuhörer. 

Einer, der versöhnen und integrieren, der bestehende Wunden heilen könne, der besonnen handelte und keine einsamen Entscheidungen traf. Ein Teamplayer. Geschmeidig, mediengewandt und authentisch. Einer, der eine besondere Lebensgeschichte einzubringen hatte. Ein lächelnder Sympathieträger, der die Gläubigen für sich einzunehmen versprach. Klang nach der idealen Mischung aus Johannes-Paul I. (dem lächelnden 33-Tage-Papst), Papa Wojtyla und Mutter Teresa. 

So jedenfalls ging, grob umrissen, die Erzählung, mit welcher seine Förderer zu Beginn des Konklaves auf Stimmenfang gingen und die Kardinäle zu überzeugen suchten. Die Regie für den erhofften Kassenknüller führten dabei drei unterschiedliche Persönlichkeiten, die in der Vergangenheit selten am gleichen Strang gezogen hatten. Kardinal Timothy Dolan, der streitbare, erzkonservative Erzbischof von New York; Kardinal Claude Hollerich, ultraliberaler Erzbischof von Luxemburg und Vorsitzender der Bischofskonferenz der EU-Staaten; sowie eben Kardinal Marx. Eine hochinteressante Allianz. 

Blick auf den Petersdom aus einem Fenster in der Vatikanstadt / © Aldo91 (shutterstock)
Blick auf den Petersdom aus einem Fenster in der Vatikanstadt / © Aldo91 ( shutterstock )

Sie verabredeten sich mit wechselnden Gruppen von Mitbrüdern an Orten außerhalb der vatikanischen Mauern, wo Treffen von Gruppen, die gerade über drei, vier Teilnehmer hinausgingen, schlecht zu verbergen waren. Schauplätze dieser Geheimgespräche waren etwa die Villa Maria im auf einem Hügel gelegenen Stadtteil Balduina, das Studienhaus der Erzdiözese München und Freising, das sich mit seinen gepflegten, terrassierten Gärten, von kleinen Wasserläufen durchzogen, an die Abhänge des Monte Mario schmiegt. 

Oder das Päpstliche Nordamerikanische Kolleg, ein weitläufiger Komplex mit jeglichem Komfort, der oben auf den Höhen des grünen Gianicolo thront. Das Kalkül des Trios sollte aufgehen. Bei der Pressebegegnung plauderte Marx aus dem Nähkästchen: "Mir war im Vorkonklave schon klar, dass unser neuer Papst unterschiedliche Kulturen kennengelernt hat und somit einen denkbar breiten Horizont hat. In den USA geboren, dann 30 Jahre als Missionar und Bischof in Peru. Außerdem General seines Augustinerordens in Rom und das wiedergewählt, insgesamt zwölf Jahre lang." Diese Vielfalt an menschlicher und geistlicher Erfahrung, auch in leitenden Positionen, habe ihn überzeugt: "Das könnte doch der Richtige sein!" 

Dann habe er festgestellt, dass andere in die gleiche Richtung dachten. Er selbst, so erzählte uns der Münchner Erzbischof, kenne Papst Leo erst seit etwa einem Jahr, aber: "In unserem ersten Gespräch hatte ich sofort einen sehr guten Eindruck. Er kann gut zuhören, ein argumentatives Gespräch führen, verstehen, was meine Probleme sind oder wo Fragen entstehen." 

Zudem brachte Marx einen ganz anderen Aspekt ins Spiel: Die prekäre Finanzsituation des Heiligen Stuhls habe bei manchen ebenso eine Rolle bei der Unterstützung für Prevost gespielt. Als Chef des vatikanischen Wirtschaftsrates hatte Marx im Vorkonklave mehrfach mit Redebeiträgen interveniert, um "seinen Mitbrüdern mal gründlich die Augen zu öffnen", wie er es ausdrückte. Die desaströse finanzielle Situation sei "ohne zusätzliche Hilfe aus den USA kaum zu bewältigen." 

Kardinal Jean-Claude Hollerich, Erzbischof von Luxemburg, spricht beim Symposium "Synodalität und Praedicate Evangelium" am 19. März 2026 in Bonn. / © Julia Steinbrecht (KNA)
Kardinal Jean-Claude Hollerich, Erzbischof von Luxemburg, spricht beim Symposium "Synodalität und Praedicate Evangelium" am 19. März 2026 in Bonn. / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Diese durchaus gewagte Offenheit beeindruckte mich, stellte er doch damit die Diskussion über die amerikanische Staatsbürgerschaft Leos in einen ganz anderen Kontext. Aber warum sollte es illegitim sein, "zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen"? Auch ein anderer Papstmacher, der Jesuit Jean-Claude Kardinal Hollerich, hielt mit seiner Einschätzung zur Freude von uns Journalisten nicht hinterm Berg. 

"Leo XIV. ist ein sanfter Mann, aber seine Sanftmütigkeit sollte keinesfalls mit Schwäche verwechselt werden. Sein Vorgänger war etwas temperamentvoller. Aber hinter Leos Sanftheit steckt ein starker Charakter, der weiß genau, was er will." Der neue Papst, so Hollerich, werde auf die Bischöfe und auf die Kardinäle hören. Er kenne die kulturellen Unterschiede und werde sich nicht auf römische Uniformität beschränken. 

"Unter Michelangelos Jüngstem Gericht wählen wir denjenigen, der uns am geeignetsten erscheint, Nachfolger des Heiligen Petrus, Bischof von Rom, zu werden." Dabei gehe es nicht um Weichenstellungen oder politische Gefälligkeiten, räumte Hollerich die vereinzelten Zweifel an der Wahl ausgerechnet eines US-Amerikaners in Zeiten von Trump ab.

"Leo XIV. ist zwar der erste US-Staatsbürger, der diese Rolle übernimmt. Aber: Er wurde nicht aus einer bestimmten politischen Sichtweise heraus gewählt, um quasi ein Gegengewicht zu Donald Trump zu bilden." So laufe das nicht. In diversen Plaudereien mit weiteren Purpurträgern schälte sich somit für uns Medienschaffende allmählich ein Bild heraus, das einiges über das Zustandekommen der "Prevost Welle" erklärte.

Als am Mittwoch das Konklave begann, sei Kardinal Parolin dennoch zunächst mit 40 Stimmen als Spitzenreiter aus der ersten Wahlrunde hervorgegangen. Das Feld hinter ihm sei zersplittert gewesen. Auch am Donnerstagmorgen habe er noch vorn gelegen. Doch seine Stimmzahl verharrte in beiden Wahlgängen offenbar im 40er-Bereich. Die notwendige Zweidrittelmehrheit lag in weiter Ferne.

Besonders die Kardinäle aus Asien, Nordamerika und Afrika verweigerten sich dem langjährigen Franziskus-Vertrauten, so schilderten Insider. Derweil habe Prevost begonnen, kräftig an Unterstützung aufzuholen. 

Ich bezeichne es gern als "Pranzo-Diplomatie". Ich habe in meiner frühen Vergangenheit als Pressesprecher selbst öfter davon Gebrauch gemacht. So manche Kuh wurde schon vom Eis geholt, wenn der Bauch gut gefüllt war, und ein Glas Wein das Übrige tut. Eine alte Weisheit aus Politik und Management. Während der Mittagspause soll es bei Pasta, Steak und Espresso hoch hergegangen sein, wie Quellen übereinstimmend skizzierten. 

Es kam zu einer dramatischen Szene: Hochrangige Kardinäle nahmen Parolin beiseite, redeten auf ihn ein und rangen ihm schließlich den Verzicht auf eine weitere Kandidatur ab. Der brave und loyale Diener dreier Päpste lenkte ein und verkündete beim Dessert, ab sofort nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Ein Paukenschlag, der die verfahrene Lage jedoch nachhaltig verändern sollte. Die Italiener hatten keinen mehrheitsfähigen Ersatzkandidaten zu präsentieren. 

 © Bob Roller (KNA)
© Bob Roller ( KNA )

Pizzaballa, Zuppi und Filoni polarisierten jeder auf eigene Art und blockierten sich gegenseitig. Es schlug die große Stunde des zurückhaltenden Augustinermönchs und Missionspriesters aus der Vorstadt von Chicago: Prevost fand sich unvermittelt in der Favoritenrolle wieder. "Bei jenem Mittagessen wurden die Dinge geklärt", bestätigte hinterher auch US-Kardinal Blase Cupich, Erzbischof von Leos Heimatstadt Chicago. 

Vor allem befürchteten die Kardinäle, dass es zu einer endlosen Hängepartie kommen würde, die die Außenwelt als Zeichen der Zerstrittenheit wahrnahm. "Ein Szenario mit einem Konklave, das sich noch tagelang dahinzieht, wäre ein verheerendes Signal gewesen. Das haben Gott sei Dank die meisten Mitbrüder ähnlichgesehen", äußerte auch Kardinal Marx vor uns Journalisten. 

Danach brauchte es nur noch einen weiteren Wahlgang, um das Konklave 2025 klarzumachen. Das Endergebnis: 100 von 133 Stimmen für Robert Francis Prevost. Das ist eine bemerkenswert große Mehrheit. Ein "echtes Mandat", würde man in der Politik sagen. 

Noch ein Omen: Als er an jenem Spätnachmittag des 8. Mai zum neuen Pontifex gewählt wurde, habe Prevost zufällig auf dem gleichen Platz gesessen, auf dem auch Kardinal Jorge Mario Bergoglio während des Konklaves 2013 saß, das ihn zum Papst wählte. Dies erzählte später der New Yorker Kardinal Timothy Dolan, der an beiden Papstwahlen teilgenommen hatte. 

Ironie der Geschichte: Als ranghöchster Kardinal im Saal war es ausgerechnet am ursprünglichen Papstfavoriten Pietro Parolin, seinem US-amerikanischen Kollegen die entscheidende Frage zu stellen. Wie es der Ritus erforderte, fragte er ihn auf Latein, ob er die Wahl zum Pontifex akzeptiere. "Ich akzeptiere", erwiderte Augustiner Prevost, der seinen Kopf in den Händen vergraben hatte, schnörkellos und demütig, als er aufblickte. 

Die Frage nach seinem Namen beantwortete er ohne langes Zögern; er hatte sich gut vorbereitet. Das zeigte auch seine erste Rede auf dem Balkon. Parolin sei außerdem der Erste gewesen, der den Fischerring des neu gewählten Papstes Leo XIV. küsste. "Parolin ist ein Gentleman", beschrieb Kardinal William Goh aus Singapur die Szene. 

Wieso ich mir denn sicher sei, dass meine Beschreibung dieser Schlüsselmomente und meine Story auch der Wahrheit entsprächen? Eine gute Frage. Nun, ein Journalist zapft bei seinen Recherchen immer verschiedene Quellen an, spricht mit unterschiedlichen Protagonisten. Manche Beobachtungen bestätigen auch Kollegen (man spricht schließlich miteinander), manches bestätigt sich durch übereinstimmende Meldungen wichtiger Medien, deren Arbeit man vertrauen kann. 

Und was ist mit dem Geheimnis des Konklaves, auf das die Kardinäle zu Beginn schwören? Woher nehme ich die Sicherheit, etwa beim Stimmverhalten Zahlen zu nennen? Nun, das Wahlgeheimnis hat sicher schon bessere Zeiten gesehen. Auch Kardinäle sind Plaudertaschen.

Zum Autor:

Vatikan-Korrespondent Michael Feth (privat)
Vatikan-Korrespondent Michael Feth / ( privat )

Michael Feth (geb. 1966) berichtet seit dreizehn Jahren als freier Korrespondent für Italien und den Heiligen Stuhl aus der Ewigen Stadt für verschiedene deutschsprachige Publikationen. Zuvor arbeitete er unter anderem für das Bayerische Fernsehen und die Tageszeitung Münchner Merkur sowie als Pressesprecher der CSU in den 1990er-Jahren. 

Der gläubige Katholik engagierte sich bis zu seinem Wechsel nach Rom in verschiedenen Ehrenämtern und liturgischen Diensten in seiner Heimatpfarrei und Diözese.

Er hat uns seine Tagebucheintragungen zur freien Veröffentlichung gegeben.

Was ist ein Kardinal?

Ein Kardinal ist der höchste katholische Würdenträger nach dem Papst. Das Wort "Kardinal" leitet sich vom lateinischen Wort "cardo" (Türangel) ab. Das Kardinalskollegium ist das wichtigste Beratergremium des Papstes. Zudem hat es die Aufgabe, für die Papstwahl zu sorgen. Der Papst bestimmt die Kardinäle frei. 

Der rote Pileolus ist das Erkennungszeichen eines Kardinals / © Stefano Dal Pozzolo/Romano Siciliani (KNA)
Der rote Pileolus ist das Erkennungszeichen eines Kardinals / © Stefano Dal Pozzolo/Romano Siciliani ( KNA )
Quelle:
DR

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