Pfarrer Wißkirchen erinnert an Bedeutung der Eucharistie

"Gemeinsam zum Tisch des Herrn"

Der Hochschulpfarrer Stefan Wißkirchen ist einer der Speaker auf dem Kölner Glaubensfest "kommt & seht" Anfang Juni. Seinen Vortrag will er der Frage widmen, wie Zerbrochenes durch die Eucharistie wieder zusammenfinden kann.

Autor/in:
Jan Hendrik Stens
Symbolbild: Eucharistie / © Julia Steinbrecht (KNA)
Symbolbild: Eucharistie / © Julia Steinbrecht ( KNA )

DOMRADIO.DE: Was ist für Sie die zentrale Botschaft hinter der Eucharistie?

Pfarrer Stefan Wißkirchen (DR)
Pfarrer Stefan Wißkirchen / ( DR )

Stefan Wißkirchen (Hochschulpfarrer in Düsseldorf): Für mich ist ein ganz faszinierender Gedanke, dass ich als Priester in der Eucharistiefeier selber die Hostie, den Leib Christi, beim "Agnus Dei" zerbreche. 

Indem ich die gebrochene Hostie, den Leib Christi, den Menschen schenke, werden sie zu einer Gemeinschaft zusammengefügt. Das finde ich einen ganz faszinierenden Gedanken, der ganz wesentlich mit dem zu tun hat, was wir in der Kirche Sakrament nennen.

DOMRADIO.DE: Die Gemeinschaft des Brotbrechens wird schon in der Apostelgeschichte beschrieben. War das eine Art Prototyp für das, was wir heute machen?

Wißkirchen: Na klar, wir stehen in einer großen Tradition. Ich möchte es aber noch weiter öffnen: Für die Römer und Griechen war ein Sakrament ein Gegenstand, den sie zerbrochen und ausgetauscht haben, damit Freunde, Geschäftspartner, Liebende etc. wieder zusammenfinden. Wie eine Münze, die man zerbricht und tauscht und nach zwei Jahren, wenn man wieder zusammenkommt, zusammenfügt und merkt: Wir gehören zusammen. Das war für die Römer und Griechen ein Sacramentum. 

Diesen Begriff haben wir auch für die Feier der Eucharistie. Weil Jesus Christus sich brechen lässt, werden wir zusammengefügt – das finde ich sehr schön zu wissen. In seinem Leiden am Kreuz öffnet er diese Gemeinschaft. Die Christen haben das früh aufgegriffen, indem sie das Brot brechen und diese Gemeinschaft an Menschen, die manchmal weit zerstreut waren, in dem konkreten Ereignis der Eucharistiefeier, des Brotbrechens, begangen haben.

DOMRADIO.DE: Während der Eucharistiefeier spricht man von “Geheimnis des Glaubens”. Sie sprechen von der Eucharistie auch als “Geheimnis der Nähe”. Wie kann diese Nähe Gottes im Alltag erfahrbar werden?

Wißkirchen: In der Eucharistie ist das tatsächlich erst einmal etwas sehr Leibliches. Wir dürfen ja das Brot, das der Leib Christi ist, essen. Ich glaube, es ist Augustinus, der sagt: Der Christ ist, was er isst. Wir werden also ganz leiblich an Jesus Christus gebunden. In der Theologie sagen wir, dass die Kirche der Leib Christi und das ist, was wir feiern. 

"Quelle" und "Höhepunkt" wird die Eucharistiefeier vom Zweiten Vatikanischen Konzil genannt. Ich glaube, dass man sich dieser leiblichen Dimension des Glaubens immer wieder bewusst werden darf. Und das ist ja wirklich eine besondere Nähe. Wen lasse ich so nah an mich heran wie Jesus Christus, wenn ich ihn leiblich in mich aufnehme?

Stefan Wißkirchen

"Da gibt es kein mehr oder kein weniger. Wir alle treten gemeinsam hin zum Tisch des Herrn. Gott schenkt sich jedem auf Augenhöhe."

DOMRADIO.DE: Stichwort ‘zerbrochen’ – wir haben gerade über das zerbrochene Brot gesprochen. Viele Menschen erleben jedoch auch andere Brüche, zum Beispiel in Beziehungen, im eigenen Leben oder auch gesellschaftlich. Welche Rolle kann die Eucharistie dabei spielen, solche Brüche zu heilen oder zumindest neu damit umzugehen?

Wißkirchen: Die Eucharistie ist ein sehr katholisches Ereignis. Aber es macht uns als katholische Christen bewusst, dass jeder, der nach vorne geht und die Eucharistie empfängt, gleichwertig ist und die gleiche Würde hat. Da gibt es kein Mehr oder kein Weniger. 

Wir alle treten gemeinsam hin zum Tisch des Herrn. Gott schenkt sich jedem auf Augenhöhe. Er macht sich ganz klein in diesem leiblichen Zeichen. Das ist ja das Besondere daran: In diesem Moment gibt es kein "wichtiger", kein "größer", kein "schöner", kein "besser", kein "erfolgreicher". Alle bekommen genau dasselbe und alle können genau dasselbe aus dieser Erfahrung machen.

Stefan Wißkirchen

"Gerade in unserer Zeit ermahnen uns diese Zeichen als Christen dazu, einen Weg der Versöhnung aus der Kraft der Eucharistie heraus zu finden."

DOMRADIO.DE: Welche Beispiele aus der Bibel oder Geschichten aus dem Alltag haben Sie persönlich besonders bewegt oder geprägt?

Wißkirchen: An der Geschichte von Emmaus kann man natürlich nicht vorbeigehen. Die Jünger erkennen den Herrn in dem Moment, in dem er das Brot bricht, und werden dadurch wieder neu mit ihm verbunden. Ich bin auch ganz beeindruckt von vielen Geschichten, die sich in Köln zugetragen haben. 

Es gab hier in Köln den berühmten Stadtdechanten Grosche, der dieses Amt während des Zweiten Weltkriegs inne hatte. Er hat auf abenteuerliche Weise geschafft, dass die Menschen trotz der Zerbrochenheit der Stadt – wenn ich mich an die Zahl richtig erinnere, waren 97 Prozent aller Gebäude in der Kölner Innenstadt zerstört – die eucharistische Anbetung aufrecht zu erhalten; in Bunkern, in den Krypten der Kirchen. Er sagte, es sei wichtig, die Einheit mit Jesus Christus zu finden, um auch in eine Haltung der Versöhnung zu kommen. Ihm war klar, die Menschen müssen sich versöhnen, wenn sie in eine neue Zukunft gehen wollen. Das sind Geschichten, die mich zutiefst berühren. 

Ein weiteres Beispiel ist der vietnamesische Kardinal Van Thuân. Er wurde 1975 von den Kommunisten in Südvietnam ins Gefängnis gesteckt – 13 Jahre in Haft, 9 Jahre davon in Einzelhaft. Ich weiß gar nicht, wie man da nicht verrückt werden kann. 

Er schaffte das, indem er Nacht für Nacht, heimlich und mit nur einem Tropfen Wein und einem Stückchen Brot in den Händen, ganz still und alleine für sich die Heilige Messe feierte. Dadurch hat er einen Ort der Vergebung und der Versöhnung mit den Menschen, die ihn da eingesperrt hatten, gefunden. 

Das sind einfach ganz beeindruckende, vielleicht nicht laute, sondern ganz stille und zurückhaltende Zeichen. Gerade in unserer Zeit, die oft so laut und von Zerbrochenheiten und von der Gegensätzlichkeit geprägt ist, ermahnen sie uns als Christen dazu, und ich sage bewusst das Wort "Ermahnen", einen Weg der Versöhnung aus der Kraft der Eucharistie zu finden.

Stefan Wißkirchen

"Ich glaube, dass es vielen Menschen helfen kann, die Liturgie zu verstehen."

DOMRADIO.DE: Was sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des “kommt & seht”-Glaubensfestes für ihr eigenes Leben und auch für ihre jeweiligen Gemeinden mitnehmen?

Wißkirchen: Dass man das, was man Sonntag für Sonntag in der Kirche feiert, immer ein bisschen bewusster feiert. Dass man auf die großen und kleinen Zeichen, die da geschehen, einfach achtet, hinhört, sein Herz öffnet. Wenn man Leute fragt, an welcher Stelle und warum der Priester da vorne den Leib Christi zerbricht und verteilt, werden viele einfach sagen: "Ja, passiert, ne?" Das ist ja erst einmal nichts Schlimmes. Aber ich glaube, dass es vielen Menschen helfen kann, die Liturgie zu verstehen. Zu verstehen, dass sie das auch in ihr Leben übertragen können. 

Sie merken dann vielleicht, dass es manchmal Zerbrochenheit in ihrem Leben gibt, die sie mit Gott teilen und demjenigen mitgeben können, der sich selbst brechen lässt. Jesus Christus. Im Gebet kann ich mich, so wie Jesus Christus es selbst getan hat, erst einmal innerlich zusammenfügen lassen. Und daraus kann ich dann auch ein Mensch der Versöhnung, des Friedens und des Neuanfangs werden.

Das Interview führte Jan Hendrik Stens.

Erzbistum Köln startet zu Fronleichnam viertägiges Glaubensfest

Das Erzbistum Köln veranstaltet an Fronleichnam und den drei Folgetagen ein Glaubensfest. Eingeladen sind Jung und Alt. Erwartet werden rund 700 Teilnehmende, wie die Erzdiözese auf Anfrage mitteilte. Die Veranstaltung wird am Donnerstag mit der traditionellen Fronleichnamsprozession am Kölner Dom eröffnet und mit Vorträgen und Workshops in der Kölner Eventlocation XPOST fortgesetzt. Das Motto der sogenannten Eucharistischen Konferenz lautet: "Kommt und seht - die Eucharistie als Quelle unserer Hoffnung".

Eucharistisches Glaubensfest in Köln (Erzbistum Köln)
Quelle:
DR

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