Umfragen des Washingtoner Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center im Jahr 2024 zeigten: Das Christentum hat unter den Glaubensgemeinschaften weltweit mit die größten Verluste durch Religionswechsel zu verzeichnen. Definiert wird ein solcher, dass sich jemand im Erwachsenenalter zu einer anderen Religion bekennt als der, in der er oder sie als Kind erzogen wurde. Im Unterschied zu anderen großen Religionsgemeinschaften wie Islam und Hinduismus leben Christen meist in liberaleren und weniger traditionellen Gesellschaften, wo Abkehr oder Wechsel weniger sanktioniert werden.
In einer neueren Analyse der Daten von 2024 zeichnen die Forscher von Pew Research nun nach, wie die beiden größten christlichen Konfessionsgruppen - Katholiken und Protestanten - von Konversionen betroffen sind. Ihr Fazit: Der Katholizismus hat in fast allen untersuchten Ländern mehr Anhänger verloren als gewonnen. Der Protestantismus hingegen verzeichnete an fast ebenso vielen Orten einen Nettozuwachs durch Religionswechsel wie einen Nettoverlust. Wie vielfältig der untersuchte Protestantismus ist, zeigt sich am Länderspektrum.
Zahl der Katholiken
Das reicht von der einstigen lutherischen Staatskirche in Schweden, wo es die größten Abwanderungen gibt, bis hin zu den Freikirchen in Lateinamerika und Afrika. Dort erhielt der Protestantismus teils enorme Zuwächse - oft von Katholiken her. In 12 der 24 untersuchten Länder wuchs der Großteil der Bevölkerung katholisch auf. Die Anteile reichen von 59 Prozent der Erwachsenen in Ungarn bis zu 96 Prozent in Polen. Viele Erwachsene, die in diesen Ländern katholisch erzogen wurden, bekennen sich auch heute noch dazu. In 15 Ländern jedoch machen ehemalige Katholiken inzwischen zehn Prozent der Gesamtbevölkerung aus.
Ein krasses Beispiel ist Italien. Den Zahlen zufolge gaben dort 22 Prozent aller Erwachsenen an, sie seien zwar katholisch erzogen worden, bezeichneten sich aktuell aber nicht mehr als katholisch. Nur jeder ein Prozent gab an, nicht katholisch erzogen worden zu sein, habe sich aber inzwischen dieser Religion angeschlossen. Das ist ein Nettoverlust von 21 Prozentpunkten bei Italiens katholischer Bevölkerung.
Ehemalige Mitglieder
Insgesamt haben in 21 der 24 von Pew analysierten Länder mehr Menschen den Katholizismus verlassen als sich ihm angeschlossen. Nur in Ungarn sind mehr Menschen der katholischen Kirche beigetreten, als sie verlassen haben (5 % vs. 2 %). In den verbleibenden beiden Ländern - Kenia und Südkorea - sind ähnlich viele Menschen durch Konversion zum Katholizismus übergetreten oder aus ihm ausgetreten.
Menschen, die den Katholizismus verlassen, treten in der Regel zu einer protestantischen Kirche oder Gemeinschaft über oder sie lösen sich ganz von der Religion. Kirchenaustritte sind vor allem in Teilen Europas und Lateinamerikas verbreitet. In Chile etwa sind heute 19 Prozent aller Erwachsenen zwar katholisch aufgewachsen, bezeichnen sich heute aber als Atheisten, Agnostiker oder konfessionslos. In Kenia, Brasilien, Ghana, Nigeria und auf den Philippinen sind ehemalige Katholiken jedoch eher dem Protestantismus beigetreten, als dass sie konfessionslos wurden.
Die Zahlen im Protestantismus
Im Gegensatz zum Katholizismus gibt es jedoch mehrere Länder, in denen mehr Menschen zum Protestantismus übergetreten sind, als ihn verlassen haben. Die meisten Länder mit einem Nettozuwachs beim Protestantismus liegen in Lateinamerika. So sind mehr Brasilianer zu protestantischen Gemeinschaften übergetreten, nachdem sie außerhalb dieser Konfession aufgewachsen waren (15 %), als den Protestantismus verlassen haben (6 %). Da bedeutet ein Nettozuwachs. Die meisten dieser Konvertiten sind ehemalige Katholiken.
Hingegen gehören Schweden, das Vereinigte Königreich und Deutschland zu den Ländern mit den größten Nettoverlusten beim Protestantismus. Wer sich von einer protestantischen Kirche abwendet, wird in der Regel konfessionslos. Das trifft beispielsweise auf 15 Prozent der Australier zu. Nur wenige Ex-Protestanten sind heute Katholiken oder Angehörige anderer Religionen (jeweils 1 %).
In zwei Dritteln der untersuchten Länder machen Protestanten nicht mehr als etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung aus. In Deutschland etwa ein Fünftel. Zwei der von Pew 2024 untersuchten Länder weisen indes eine protestantische Bevölkerungsmehrheit auf: Ghana (62 %) und Kenia (55 %). In Afrika stieg auch die Zahl der Katholiken, wie die jüngste weltkirchliche Statistik des Vatikans zeigte. Inzwischen haben sie Europa überholt.