Warum eine junge Kirchengemeinde in Maastricht immer weiter wächst

"Wir öffnen unser Ohr und unser Herz"

Die katholische Matthiaskirche in Maastricht erlebt gerade etwas, das viele Gemeinden in Europa kaum noch kennen. Es gibt Gottesdienste mit vielen jungen Besuchern und eine spürbar wachsende Gemeinschaft. Woran liegt der Erfolg?

Autor/in:
Dagmar Peters
Blick von der Maas auf die Servatiusbasilika und die Liebfrauenbasilika in Maastricht / © Nika Art (shutterstock)
Blick von der Maas auf die Servatiusbasilika und die Liebfrauenbasilika in Maastricht / © Nika Art ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Seit Sie die Sonntagsmesse auf Englisch umgestellt haben, kommen deutlich mehr internationale Studierende und junge Erwachsene in die Kirche. Warum hat das so gut funktioniert? 

John Dautzenberg (Pastor der Matthiaskirche Maastricht): Im Durchschnitt machen wir eigentlich gar nicht viel anders, das wundert mich selbst auch. Wir feiern eine traditionelle Messe, oft auch mit Gregorianik und Weihrauch. Ich denke, der große Unterschied zu anderen Gottesdiensten ist, dass viele junge Leute kommen und sich gegenseitig treffen. Ich denke, dass sie sich einfach wohlfühlen. Wir feiern den Gottesdienst am Sonntagabend um 18 Uhr. Der Zeitpunkt ist auch gut, weil dann alle jungen Leute wieder da sind, wenn es am nächsten Morgen wieder mit dem Studium losgeht. 

Pastor John Dautzenberg mit Gottesdienstbesuchern nach der Messe / © Marianne Lubrecht (privat)
Pastor John Dautzenberg mit Gottesdienstbesuchern nach der Messe / © Marianne Lubrecht ( privat )

Englisch ist eine Sprache, die hier so gut wie jeder spricht. Hier können die jungen Leute ihren Glauben teilen. Sie müssen sich nicht schämen oder sich näher erklären, sie können einfach kommen. Das, was tief in einem lebt, kann hier rauskommen. Jeder kann kommen, wie er ist, und sich zu Hause fühlen. 

DOMRADIO.DE: Vor einiger Zeit war das noch nicht so, da saßen fünf bis zehn Leute in der Kirche und jetzt sind es plötzlich 200 oder 300. Welchen Anteil haben Sie persönlich daran? 

Die Matthiaskirche in Maastricht. (shutterstock)

Dautzenberg: Ich denke, als Priester ist es wichtig, dass man die Leute begrüßt und dass sie einen kennen. Wir sind immer da und auch während der Woche ansprechbar. Ich denke, dass die jungen Leute das ganz gut finden. Sie können "nach Hause" kommen. Sie spüren auch: Wir sind froh, dass sie hier sind. Wir interessieren uns für sie. Wir stehen zur Begrüßung und am Ende der Messe da und geben ihnen die Hand. Wer will, kann danach auch noch zum Kaffeetrinken bleiben. Es wird immer persönlicher. Wir öffnen unser Ohr und unser Herz und das fühlen sie.

DOMRADIO.DE: Haben Sie noch andere Elemente im Gottesdienst geändert? 

Dautzenberg: Zu Beginn der Messe gibt es einen kurzen Moment, bei dem sich alle den Leuten, die um sie herumsitzen, kurz vorstellen und die Hand geben. Das ist ein entspannter Augenblick während der Messe, ein bisschen wie zu Hause in der Familie. Das ist besonders wichtig für die internationalen Studierenden, deren Familien oft weit weg sind. Diese Aktion dauert nur etwa eine halbe Minute. Dann wird es wieder still und die Messe geht weiter.  

Gottesdienst in der Matthiaskirche in Maastricht / © Marianne Lubrecht (privat)
Gottesdienst in der Matthiaskirche in Maastricht / © Marianne Lubrecht ( privat )

Bei den Fürbitten wird es dann international. Ich lade alle ein, nach vorne zu kommen. Jeder kann kommen und seine Intention zuerst auf Englisch nennen und dann in seiner eigenen Sprache sprechen. Das variiert von Afrikanisch oder Französisch bis hin zu Deutsch. Es kommt ganz darauf an, wer da ist. Die anderen Gottesdienstbesucher können die Fürbitte vielleicht gar nicht verstehen, aber das muss auch nicht sein. Es ist trotzdem ein besonderer Moment, denn alle wissen ja, worüber sie beten, weil sie es vorher kurz auf Englisch gehört haben. Das ist immer ein bisschen wie Pfingsten.

Wir binden die jungen Leute auch in den Gottesdienst ein, für Lesung, Kollekte und als Messdiener. Inzwischen organisieren sie sich auch selbst und bringen ihre Ideen ein. Sie dürfen selbst Verantwortung übernehmen. 

DOMRADIO.DE: Ist Kirche für die jungen Leute ein sozialer Ort? Denken Sie, dass es einen Trend hin zu mehr Interesse am Glauben gibt? 

Dautzenberg: Ich denke schon, dass das ein sozialer Ort ist. Die Gemeindemitglieder haben erfahren, was da passiert. Sie sprechen auch in ihren Kontexten darüber und bringen beim nächsten Mal Freunde mit. Wir machen unsere Tür auf und machen unser Angebot bekannt, aber wir können schwer direkt einladen. Aber die jungen Leute bringen sich gegenseitig mit und das ist natürlich ein gutes Zeichen. 

DOMRADIO.DE: Sie sind auch auf den sozialen Medien vertreten. Spricht sich Ihr Gottesdienst dadurch rum? 

Dautzenberg: Ja. Auch weil es so ein Erfolg ist, geht es immer weiter. Bei ein paar Gottesdiensten waren richtig viele Leute da. Mindestens 150 kommen jedes Mal, manchmal sogar nochmal so viele. Das hat sich herumgesprochen und danach haben einige gesagt: Da möchte ich mitmachen, wenn so viele kommen. Das ist wie ein Schneeball, er wird immer größer. Aber wir machen keine explizite Werbung auf Social Media. Die jungen Leute teilen das von sich aus. 

Gottesdienst in der Matthiaskirche in Maastricht / © Marianne Lubrecht (privat)
Gottesdienst in der Matthiaskirche in Maastricht / © Marianne Lubrecht ( privat )

DOMRADIO.DE: Gemeinden wachsen oft auch wegen bestimmter Persönlichkeiten. Wie wichtig schätzen Sie denn Ihre persönliche Rolle ein?

Dautzenberg: Das weiß ich nicht. Ich spreche ganz persönlich, mit Worten, die ich auch zu meinen Kindern sagen würde. Ich spreche über Gottes Liebe und nicht darüber, wie sie sich benehmen müssen. 

John Dautzenberg

"Es geht nicht darum, dass wir so viele sind, sondern dass die jungen Leute verstehen: Ich werde in dieser großen Gruppe dennoch ganz persönlich angesprochen."

DOMRADIO.DE: Was müsste passieren, damit die Entwicklung auch langfristig trägt und so etwas auch in anderen Gemeinden gelingt? 

Dautzenberg: Das, was wir machen, muss real sein. Es geht nicht darum, dass wir so viele sind, sondern dass die jungen Leute verstehen: Ich werde in dieser großen Gruppe dennoch ganz persönlich angesprochen. Es ist auch wichtig, sie persönlich zu begleiten, wenn sie Fragen haben oder etwas hochkommt, über das sie sprechen möchten. Deswegen sind wir Priester auch während der Woche da.

Ja, wie kann das auch anderswo gelingen? Ich denke, man muss einfach mit einer kleinen Gruppe anfangen und dann wird es sich herumsprechen, dass es etwas Gutes ist. Dann kommen die anderen auch mit – so, wie es auch zu Beginn in der Kirche angefangen hat. 

Das Interview führte Dagmar Peters.

Quelle:
DR

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