"Making of Leone": Journalist erlebt abwägende Gespräche vorm Konklave

Die Spekulationen gehen weiter

Papst Franziskus ist vor einem Jahr gestorben. Ein Journalist erlebte die Entstehung des neuen Pontifikats aus nächster Nähe. In seinem Tagebuch zeigt er, wie selbst erfahrene Beobachter die Entwicklungen falsch einschätzen.

Autor/in:
Michael Feth
Blick über die Dächer Roms mit dem Petersdom im Hintergrund / © Ivoha (shutterstock)
Blick über die Dächer Roms mit dem Petersdom im Hintergrund / © Ivoha ( shutterstock )

Die verbliebenen Tage bis zum 7. Mai 2025 

"Können wir getrost streichen. Ein Amerikaner ist derzeit nicht vermittelbar." "Ein Pontifex kann nicht aus dem mächtigsten Land der Welt kommen. Das schließt sich politisch von selbst aus." "Prevost? Wäre schon ein ernsthafter Kandidat, wenn er nicht ausgerechnet aus den USA käme." "Ein US-Staatsbürger? In Zeiten von Trump? Um Gottes Willen!" "Die aus der Dritten Welt wählen den nie! Da sind die anti-amerikanischen Reflexe einfach zu groß."

Papst Franziskus und Robert Francis Prevost 2017 im Vatikan. / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Papst Franziskus und Robert Francis Prevost 2017 im Vatikan. / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

Das sind nur einige der Stimmen von internationalen Kollegen, wenn es um einen gewissen Kardinal Prevost und dessen Chancen auf den Stuhl Petri ging. Nicht so, dass wir Vatikanisten ihn nicht auf der Liste gehabt hätten. Aber das Argument der US-Staatsbürgerschaft wog einfach zu schwer und überstieg unser aller Phantasie. 

Wir konzentrierten uns daher auf andere Namen. Einen Tag vor Beginn des Konklaves sahen die internen "Wettquoten" etwa so aus: Parolin und Pizzaballa vor Tagle und – Überraschung! – Filoni. Wer war jetzt gleich der Letztere? Noch nie gehört? Keine Schande, auch für uns kam die Wendung ziemlich überraschend.

In den Salons abseits des unmittelbaren vatikanischen Umfelds musste sich in den vergangenen Tagen etwas bewegt haben. Die Erzählung geht so: Die Konservativen standen bis wenige Tage vor dem Konklave ohne einen Kandidaten da, der als potentiell mehrheitsfähig angesehen wurde. Zudem waren sie längst nicht jener einheitliche Block, zu dem sie fälschlicherweise von vielen Medien stilisiert wurden. 

Raymond Burke  (KNA)
Raymond Burke / ( KNA )

Ihre bedeutendsten Exponenten waren ausgerechnet zwei echte Reizfiguren, die keine Chance haben würden: Der Ultra-Traditionalist Raymond Burke, seinerzeit nach langem Streit von Papst Franziskus seines Postens als Kardinalprotektor des Malteserordens enthoben; und der deutsche Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller, den Franziskus einst als obersten Glaubenshüter feuerte, nachdem ihm dieser in theologischen Fragen einmal zu oft widersprochen hatte. Seit jener Zeit mutierten beide zu inoffiziellen "Oppositionsführern" im Pontifikat des Argentiniers.

Den Papstwählern, die genau jene Frontstellungen zu befriedigen hofften, waren sie nicht vermittelbar. Andere gemäßigtere Figuren fielen aus unterschiedlichen Gründen aus. Der Budapester Kardinal Peter Erdò war vielen Liberalen wegen seiner vermeintlichen Nähe zu Möchtegerndiktator Viktor Orbán verdächtig; Der renommierte Wiener Kardinal Christoph Schönborn war gerade 80 Jahre alt und müde geworden; und der einflussreiche afrikanische Kardinal Fridolin Ambongo aus Kinshasa galt wegen seiner scharfen Aussagen zur Homosexualität für viele westliche Kardinäle als nicht wählbar. 

Also lautete die Strategie: Einen honorigen, grundsoliden und erfahrenen Kirchenmann finden, der aufgrund seines vorgerückten Alters als Platzhalter fungierte und währenddessen keine schlimmen Sachen anstellte. 

Kardinal Fernando Filoni / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Kardinal Fernando Filoni / © Cristian Gennari/Romano Siciliani ( KNA )

Danach konnte man die Karten neu mischen. In Fernando Filoni, einen vatikanischen Karrierediplomaten, der unter anderem während des zweiten Golfkriegs, der zum Sturz des Saddam-Regimes führte, als Nuntius im Irak gedient hatte. Anschließend wurde er von Benedikt XVI. zum Präfekten der Kongregation für die Evangelisierung ernannt, einem der wichtigsten Posten innerhalb der Kurie. Mit 79 Jahren würde er die Kriterien des konservativen Masterplans bestens erfüllen.

Viele von uns Beobachtern hielten diese neueste Volte für wenig zielführend. Eine Mehrheit der Kardinäle wünschte sich einen deutlich jüngeren Papst, der nicht schon wieder in ein paar Jahren im Rollstuhl saß oder ständig ins Krankenhaus musste. 

Ich fand, dass Filoni in den letzten Jahren stark gealtert war. Er wirkte auf mich greisenhaft und gebrechlich, vielleicht war es seiner langen Laufbahn auf schwierigen Positionen geschuldet. Rückblickend empfanden das wohl auch die meisten Purpurträger so. 

Einen Tag vor der Wahl resümierten wir Journalisten einen bemerkenswerten Fakt: Anstatt sich einzuengen und auf zwei, drei bestimmte Figuren zu fokussieren, hatte sich das Feld der Papabili erheblich erweitert. Alles erschien nun möglich, auch eine Überraschung.

Zum Autor:

Vatikan-Korrespondent Michael Feth (privat)
Vatikan-Korrespondent Michael Feth / ( privat )

Michael Feth (geb. 1966) berichtet seit dreizehn Jahren als freier Korrespondent für Italien und den Heiligen Stuhl aus der Ewigen Stadt für verschiedene deutschsprachige Publikationen. Zuvor arbeitete er unter anderem für das Bayerische Fernsehen und die Tageszeitung Münchner Merkur sowie als Pressesprecher der CSU in den 1990er-Jahren. 

Der gläubige Katholik engagierte sich bis zu seinem Wechsel nach Rom in verschiedenen Ehrenämtern und liturgischen Diensten in seiner Heimatpfarrei und Diözese.

Er hat uns seine Tagebucheintragungen zur freien Veröffentlichung gegeben.

Ablauf des Konklaves

Millionen Menschen in aller Welt verfolgen gespannt die Vorbereitungen für die Wahl eines Nachfolgers von Papst Franziskus. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) skizziert die Termine der nächsten Tage - mit den möglichen Wahlgängen und ungefähren Zeitangaben der Rauchzeichen bis einschließlich Sonntag.

Mittwoch, 7. Mai

10 Uhr: Messe "Pro eligendo Romano Pontifice" ("Für die Wahl des römischen Papstes") unter Leitung von Kardinaldekan Giovanni Battista Re im Petersdom

Vor dem Konklave (dpa)
Vor dem Konklave / ( dpa )
Quelle:
DR

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