"Die jungen Menschen sind wütend", sagt Ana Djergović, Mitarbeiterin bei der Caritas in Belgrad, im DOMRADIO.DE-Podcast "Ostblick". Ihre Worte bringen die Stimmung vieler junger Menschen auf den Punkt. Die Wut richtet sich gegen ein System, das viele als korrupt und ungerecht empfinden. Seit November 2024 gibt es landesweit Proteste gegen die Regierung. Auslöser war ein eingestürztes Bahnhofsvordach in Novi Sad, bei dem 16 Menschen starben.
Aus der Sicht der Demonstrierenden regiert Präsident Aleksandar Vučić autokratisch. Bei der letzten Parlamentswahl gab es Manipulationsvorwürfe. Pressefreiheit wird in Serbien kleingeschrieben, kritische Stimmen aus der Zivilgesellschaft werden unter Druck gesetzt. Das Land bewegt sich zwischen verschiedenen geopolitischen Einflüssen – zwischen einer Annäherung an die EU und den engen Beziehungen zu Russland, dem orthodoxen Bruder im Norden. Gleichzeitig erleben viele junge Menschen Unsicherheit und Zukunftsängste – nicht nur politisch, sondern auch ganz konkret in ihrem Alltag.
Ein gespaltenes Land
"Die Menschen wünschen sich vor allem Berechenbarkeit und Freiheit", sagt Thomas Schwartz, Geschäftsführer des katholischen Hilfswerks für Menschen in Mittel- und Osteuropa. Stattdessen erleben viele eine Gesellschaft, in der Misstrauen wächst: Gespräche über Politik werden vermieden, berufliche Chancen hängen zum Teil davon ab, ob man das richtige Parteibuch besitzt.
Christiana Hägele, Länderreferentin bei Renovabis, beobachtet einen weiteren Effekt: "Was diese Protestbewegung bewirkt hat, ist auf jeden Fall, dass sich bei der jungen Generation ein politisches Bewusstsein gebildet hat". Gleichzeitig befürchtet sie, dass der Frust über die nicht eintretende Veränderung so groß wird, dass noch mehr Menschen das Land verlassen.
Perspektivlosigkeit als Treiber der Abwanderung
Die wirtschaftliche Lage verschärft die Situation zusätzlich. Im Durchschnitt verdienen Menschen in Serbien rund 900 Euro im Monat. Gleichzeitig liegt die Jugendarbeitslosigkeit deutlich über dem EU-Durchschnitt. Jeder fünfte Mensch zwischen 15 und 24 Jahren hat keine Anstellung. Die Qualität der schulischen Ausbildung ist oft unzureichend. In ländlichen Regionen ist ein Leben in Armut quasi vorprogrammiert. Auswanderung erscheint vielen als einziger Ausweg. Laut offiziellen Angaben wanderten von 2013 bis 2024 fast 500.000 serbische Staatsbürger in die EU ein. Ganz oben auf der Wunschliste stehen Deutschland, Kroatien, Slowenien und Ungarn.
Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, unterstützt das Osteuropa-Hilfswerk Renovabis das Projekt "Your Job". Es richtet sich an junge Erwachsene in Albanien, Bosnien und Herzegowina, im Kosovo und in Serbien und soll ihnen bessere Voraussetzungen für einen erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben vor Ort ermöglichen. Karriere-Coaches bieten individuelle Berufsberatung, Bewerbungstrainings und Unterstützung beim Einstieg ins Berufsleben an. "Von 370 jungen Menschen, die wir vor Ort begleiten haben, haben es rund 80 geschafft einen Job zu finden", erklärt Ana Djergović von Caritas Serbia, die das Projekt "Your Job" koordiniert.
Abwanderung hat spürbare Folgen
Fachkräfte fehlen, besonders im IT-Sektor, im Baugewerbe und im Gesundheitswesen. Der Arbeitsmarkt ist zunehmend von einer Verknappung geprägt, da viele Arbeitskräfte ins Ausland abwandern. Gleichzeitig steigen die Mieten und Lebenshaltungskosten, vor allem in Großstädten wie Belgrad oder Novi Sad. "Ohne zwei Einkommen ist ein Leben in der Stadt kaum möglich", berichtet Länderreferentin Christiana Hägele im Ostblick-Podcast.
Trotz aller Probleme: Viele junge Menschen lieben ihr Land. Sie schätzen die Kultur, die Gemeinschaft und die oft beschriebene Gastfreundschaft. "Die Serben sind sehr warmherzig", erzählt Hägele. Doch diese Verbundenheit steht im Spannungsfeld mit fehlenden Perspektiven. Für viele wird die Entscheidung zur Auswanderung zur rationalen Konsequenz – auch wenn sie emotional schwerfällt.