Wie ein Priester im georgischen Exil seine Gemeinde zusammenhält

Benny, der Arbeiter Gottes

Wegen des Iran-Kriegs sind auch etliche Christen auf der Flucht. Es ist nicht das erste Mal. Seit Jahrzehnten treibt es sie ins Exil. Benny Yadgar floh in den 1980ern. Heute ist er Chorbischof in Tbilissi. Ein Besuch bei ihm vor Ort.

Benny Beth Yadgar, Jahrgang 1963, wächst im Iran auf, im Nordwesten des Landes, nahe der Grenze zur Türkei – als Christ. / © Clemens Sarholz (DR)
Benny Beth Yadgar, Jahrgang 1963, wächst im Iran auf, im Nordwesten des Landes, nahe der Grenze zur Türkei – als Christ. / © Clemens Sarholz ( DR )

Gerade in Krisenzeiten geraten religiöse Minderheiten besonders unter Druck – sie gelten als fremd, verlieren Schutz, werden verdrängt. Ein Muster, das sich durch viele Konflikte im Nahen Osten zieht. Einer, der dieses Muster schon vor Jahrzehnten erlebt hat, ist Benny Beth Yadgar. 

Er floh in den 1980ern vor dem ersten Golfkrieg im Iran. Was viele heute erleben, kennt er aus eigener Erfahrung. DOMRADIO.DE hat ihn und seine Gemeinde besucht.

Festung aus "Lawrence von Arabien"

Tblissi, Georgien. Chaldäer kommen eigentlich nicht von hier. Ihre Wurzeln liegen im Irak, dem Iran, in Syrien. Doch sie haben ihre Sprache mitgebracht, ihre Lieder, ihre Welt. Das sieht man ihrer Kirche an. Ihre Zinnen und kantigen Türme wirken wie eine altorientalische Stadtmauer oder wie eine Festung aus Lawrence von Arabien. Sie steht, umgeben von Plattenbauten, Marktständen und Baustellen, wie ein Fremdkörper mitten im Kaukasus. Mesopotamien im Exil.

Benny Beth Yadgar, ein Arbeiter Gottes / © Clemens Sarholz (DR)
Benny Beth Yadgar, ein Arbeiter Gottes / © Clemens Sarholz ( DR )

Drinnen steht Benny Beth Yadgar am Altar und singt auf Aramäisch, der Sprache Jesu. Die Gemeinde antwortet im Chor. Hier singen alle. Auswendig. Weihrauch wabert durch die Luft. 

Zwei Messdiener stehen Spalier links und rechts vom Altar, halten Kerzen in den Händen und ansonsten bewegen sie sich synchron wie im Ballett. Der Gesang legt sich wie Filmmusik über die Liturgie. Benny steht mittendrin und hält sich eine Bibel vor die Stirn. 

Zwischen Frontlinien

Er ist Priester, Chorbischof, und hält die Gemeinde zusammen. Später wird er sagen: "Ich bin eigentlich kein spiritueller Mensch." Er wird dabei grinsen und sagen: "Ich bin ein Arbeiter." Und dann wird er von seiner Werkstatt erzählen, in der er die Kirchenbänke selbst gezimmert hat, von dem Krieg, vor dem er geflohen ist und von der Prostituierten, die einst seine Schusswunden versorgte. 

Aber von vorne: Benny Beth Yadgar, Jahrgang 1963, wächst im Iran auf, im Nordwesten des Landes, nahe der Grenze zur Türkei – als Christ. Er ist Anfang zwanzig, als der erste Golfkrieg beginnt. Sein Bruder wird eingezogen, kämpft für den Iran und kommt verwundet zurück. 

Christen, sagt der Chorbischof, wurden an die vorderste Frontlinie geschickt. Gingen sie nach vorne, wurden sie von den Irakern beschossen, wollten sie zurück, waren es die eigenen Leute, die die Waffen auf sie richteten. Ein Satz, der ihm in Erinnerung blieb: "Ein Christ weniger, ein Hund weniger."

Seit 1995 ist Benny in Tblissi, obwohl er eigentlich nur für drei Monate hier sein sollte. / © Clemens Sarholz (DR)
Seit 1995 ist Benny in Tblissi, obwohl er eigentlich nur für drei Monate hier sein sollte. / © Clemens Sarholz ( DR )

Sätze wie dieser sind im Nahen Osten bis heute nicht verschwunden. Auch heute berichten Christen im Iran von Druck, Diskriminierung und Repression.

Flucht und Gefangenschaft

Dann kam das Militär noch mal zu seiner Familie. Er war gerade in der Ausbildung zum Physiotherapeuten, da steckten sie ihm ein Gewehr in die Hand. Er nimmt es. Und geht. Aber nicht an die Front, sondern in die Berge. Einen Monat lang ist er unterwegs, Richtung Türkei, die Waffe wirft er in den Van-See, wird dann von der türkischen Grenzpolizei gefasst und ins Gefängnis gebracht. 

Das Gefängnis, sagt er, ist ein Ort, wo es keinen Gott gibt. Und dann spricht er von der Gewalt. Er deutet immer nur an, was geschah. Vor allem mit den Mädchen, die mit ihren Verwandten vor dem Krieg geflohen sind. Das sind aber Dinge, die er nicht aussprechen will. 

Gerettet auf der Straße

Jedenfalls gelang es ihm zu fliehen. Zwei mal. Einmal wird er wieder gefasst und zurückgebracht. "Aber ich bin ein Sturkopf", sagt er. Beim zweiten Mal ändert er seine Strategie und versteckt sich vor den Hubschraubern im Fluss. Sie schießen auf ihn und treffen. Aber die Wunde sei am Anfang noch nicht schlimm gewesen, sagt er. Und so konnte er entkommen. Auf die Einschuss-Stelle strich er Erde, um die Blutung zu stillen.

Die meisten in der Gemeinde sind arm. Viele können sich den Bus zur Kirche nicht leisten. 6,20 Euro kostet es eine fünfköpfige Familie, sonntags zur Messe zu kommen. / © Clemens Sarholz (DR)
Die meisten in der Gemeinde sind arm. Viele können sich den Bus zur Kirche nicht leisten. 6,20 Euro kostet es eine fünfköpfige Familie, sonntags zur Messe zu kommen. / © Clemens Sarholz ( DR )

Nach vier Monaten Wanderung erreichte er Istanbul. Seine Kleidung hing nur noch an ihm. Er war dünn geworden. Er humpelte und selbst dafür sei er fast zu schwach gewesen, erinnert sich der Chorbischof. Er lebte auf der Straße und bettelte, bis eine Frau Mitleid mit ihm hatte. Sie rief ihn in ihr Haus und machte ihm etwas zu essen. Vier Monate pflegte sie ihn gesund, und nahm keine Lira dafür. Sie war Muslimin und Prostituierte. Ihren Namen nennt er nicht. Nur so viel: Bis heute betet er für sie.

Ein anderer Weg

Er sitzt auf einer beigen Couch, in einem kleinen Empfangsraum der Kirche, die einer Festung gleicht. Vor ihm Kaffee und ein paar Snacks. Von der Flucht ist heute nichts mehr zu sehen. Das hier ist jetzt sein Zuhause. Seit 1995 ist Benny in Tblissi, obwohl er eigentlich nur für drei Monate hier sein sollte. Die kleine chaldäische Gemeinde besuchen, einen Bericht erstellen. Aber er hält sich manchmal nicht an die Pläne, die er macht.

So wie damals, als er sich gegen seinen Beruf entschied. Er war aus der Türkei weitergezogen, nach Italien. Dort arbeitete er als Physiotherapeut, wollte eigentlich Arzt werden, mit den Händen arbeiten, auf diese Art Menschen helfen, so wie ihm geholfen wurde. Bis ihm dann überraschend klar wurde: "Halt, Stopp! Was ist, wenn jemand unter meinen Händen stirbt?" Die Verantwortung. Das Leben und der Tod. Das wollte er nicht. Dann eben Priester. Die gleiche Grundidee: Mit Menschen arbeiten, Menschen helfen, Menschen retten. Benny ist Pragmatiker.

Glaube unter Druck

Seine Gemeinde ist klein. 400 Gläubige. Verstreut in und um Tbilissi. In ganz Georgien sind es etwa 3.000. Die meisten von ihnen sind arm. So arm, dass sie sich den Bus zur Kirche nicht einmal leisten können. 6,20 Euro kostet es eine fünfköpfige Familie sonntags zur Messe zu kommen. Zu viel für viele. Also kommt ein Bus, den Benny organisiert hat. Raus aus den Dörfern, hinein in die Kirche. Und danach bleiben sie noch, essen zusammen, trinken Wein, teilen, was da ist. 

Für viele gehe es hier nicht so sehr um den Glauben, hat Benny erkannt. Es gehe um die Sprache und die Kultur. "Das Christentum ist unsere Kultur", sagt er. "Wir haben keine andere." 

Die Gemeinde von Benny Beth Yadgar ist klein. 400 Gläubige leben in und um Tbilissi verstreut.  / © Clemens Sarholz (DR)
Die Gemeinde von Benny Beth Yadgar ist klein. 400 Gläubige leben in und um Tbilissi verstreut. / © Clemens Sarholz ( DR )

Mit Geld aus Deutschland, von Renovabis zum Beispiel, oder mit Spenden aus der amerikanischen Diaspora organisiert Benny Lebensmittel für mehr als 500 Menschen. Monat für Monat. Und trotzdem reicht es oft nicht. Denn außerhalb dieser Mauern sieht die Wirklichkeit anders aus. 

Für Benny heißt das: Es fehlt an allem. Eine katholische Kirche in einem orthodox geprägten Land. Viele aus der Gemeinde, sagt Benny, verstecken ihren Glauben. Oder schämten sich für ihn. Wer eine orthodoxe Christin heiraten möchte, müsse sich noch einmal taufen lassen. Orthodox. Vom Staat gebe es auch kaum Unterstützung. Die chaldäische Kirche hat es schwer hier.

Beharren im Exil

Wie schwer, zeigte sich am 17. Oktober 2009, als die chaldäische Kirche -diese assyrische Trutzburg- eingeweiht wurde, konsekriert wurde, wie man im Kirchenjargon sagt. Es war ein warmer Herbsttag. Vor der Kirche demonstrierten mehr als 200 georgisch-orthodoxe Gläubige und Priester, erinnert sich Benny. "Ihr seid Ketzer, geht weg!", sollen sie gerufen haben. Dann verriegelten sie die Kirche mit Ketten. Nicht einmal der chaldäische Patriarch Mar Emmanuel III Delly kam herein. Er kam extra aus Bagdad. Erst die Polizei habe das Tor geöffnet.

Heute ist es ruhiger geworden. Aber einfach ist es nicht. In der direkten Nachbarschaft soll ein 35-stöckiger Wolkenkratzer entstehen. Die Gemeinde steht unter Druck. Und trotzdem kommen die Menschen. Jeden Sonntag. Sie steigen in den Bus und fahren aus den Dörfern in die Stadt, setzen sich auf die Bänke, die Benny gebaut hat und singen miteinander auf Aramäisch. Mitten im Kaukasus.

Wer sind die Chaldäer?

Die chaldäische Kirche ist eine mit Rom verbundene katholische Ostkirche mit Wurzeln im alten Mesopotamien (heute Irak, Iran, Syrien). Das heißt, sie gehört zur katholischen Weltkirche, bewahrt aber eigene Riten und Traditionen. Ihre Gläubigen gehören zur Tradition der sogenannten ostsyrischen Kirche.

Die Liturgie wird bis heute teilweise auf Aramäisch gefeiert – der Sprache, die auch Jesus gesprochen hat.

Die chaldäische Kirche ist eine mit Rom verbundene katholische Ostkirche mit Wurzeln im alten Mesopotamien (heute Irak, Iran, Syrien). Das heißt, sie gehört zur katholischen Weltkirche, bewahrt aber eigene Riten und Traditionen. / © Clemens Sarholz (DR)
Die chaldäische Kirche ist eine mit Rom verbundene katholische Ostkirche mit Wurzeln im alten Mesopotamien (heute Irak, Iran, Syrien). Das heißt, sie gehört zur katholischen Weltkirche, bewahrt aber eigene Riten und Traditionen. / © Clemens Sarholz ( DR )
Quelle:
DR

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