"Sonderschauen Dienstleistungen" steht auf dem Schild über dem Eingang zur Halle 27. Der Deutsche Bundestag ist hier ebenso zu finden wie die Arbeiterwohlfahrt, eine Kutschensammlung, ein Tisch mit einer Modelleisenbahnlandschaft, die Deutsche Rentenversicherung – und die katholische und die evangelische Kirche.
Wie in den vergangenen Jahren haben die beiden christlichen Kirchen wieder gemeinsam einen Tisch auf dem Mannheimer Maimarkt gedeckt. Sie laden Besucherinnen und Besucher von Deutschlands größter Regionalmesse ein, innezuhalten, ein Glas Wasser oder Zitronenlimo zu trinken oder am Glücksrad auf den Hauptgewinn zu hoffen, der täglich am Nachmittag ausgelost wird.
"Holy Aperoly" auf Kirchturm
Maimarktbesucher können aber auch einen "Holy Aperoly" auf dem Turm der CityKirche Konkordien in Mannheim trinken, ein Erinnerungsfoto in der Foto-Box schießen, in der Lebenslieder-Disco Songs zu Glaube, Liebe, Hoffnung anhören und eigene Lieblingslieder der Playlist hinzufügen, die per QR-Code direkt heruntergeladen werden kann. Kirchenmitarbeiter und Freiwillige laden zu persönlichen Gesprächen ein.
"Kirche muss auf die Menschen zugehen, der Maimarkt bietet dazu eine Gelegenheit", sagt Stefan Kraus von der katholischen Kirche in Mannheim. So stehe es auch in der Bibel: "Geht in alle Welt und verkündet die Frohe Botschaft."
Ein "Erlebnisstand" der Kirchen
Doch was, wenn das keiner mehr hören will? Wenn die Kirche, der klassische Ort der Verkündung, am Sonntagmorgen leer bleibt? Eine Frage, die sich katholische und evangelische Kirche schon lange stellen, und die mit dem Erlebnisstand auf dem Maimarkt eine Antwort erhalten soll.
Dass Kirche, wenn sie wahrgenommen werden will, auf wichtigen Veranstaltungen Flagge zeigen muss, ist offensichtlich. Gleichzeitig hält sich Kirche selbst nach wie vor für gesellschaftlich relevant.
So beantwortet die Pressestelle der katholischen Kirchengemeinde Mannheim die Frage, was sie denn hier mache, mit einer Gegenfrage: "Warum nicht? Kirche ist Teil der Stadtgesellschaft – mitten im Leben. Wir sind als Kirche Arbeitgeber, Partner der Kommune, Wegbegleiter für viele Menschen und engagieren uns in ganz unterschiedlichen Bereichen, von sozialen Projekten bis hin zu konkreter Hilfe im Alltag." Genau deshalb gehöre es dazu, an einem Ort wie dem Maimarkt präsent zu sein.
"Kein Kommerz, kein Geldausgeben"
Einer, der die Präsenz schätzt, ist Thomas, Organist aus dem Main-Tauber-Kreis. Ein Besuch des Maimarktes ist im Kalender des 64-Jährigen fest eingeplant. Mit der Kirche fühle er sich eng verbunden, er sei dort sozialisiert worden. "Ich hatte aber auch meine Zweifel", sagt er. Doch nicht die Institution Kirche und ihre Fehler stünden für ihn im Mittelpunkt. "Zentral sind Glaube und Hoffnung."
Margit kommt aus dem rheinland-pfälzischen Waldsee. Sie ist mit ihren zwei Freundinnen unterwegs. Die drei Frauen sind um die 70 und freuen sich über das Bild, das in der Foto-Box von ihnen entstanden ist: "Wie schön!" Mit der Kirche habe sie nicht so viel zu tun, sagt Margit. Aber sie genieße es, dass sie hier in Halle 27 nichts kaufen müsse. "Kein Kommerz, kein Geldausgeben."
Glauben als Trotzkraft in Krisen
"Das Leben feiern" lautet das Motto, das auf der Stellwand hinter dem mit Blumensträußen und Platzdeckchen geschmückten Tisch steht. In Zeiten wie diesen, inmitten von Kriegen und einer unsicheren Weltlage, klingt das fast wie ein Ding der Unmöglichkeit. Die Kirche will dem das Hoffnungsprinzip des Evangeliums entgegensetzen, den Glauben als Trotzkraft in Krisen vorstellen.
Ob die Besucher, die Halle 27 betreten, zu den ohnehin positiv Denkenden gehören, weiß Valentina Ingmanns nicht. Sie stellt aber
fest: "Die Menschen sind fröhlich." Ingmanns gehört zum "Studio Herrlichkeit", einem Innovationsprojekt der evangelischen Kirche in Mannheim, das den Stand von evangelischer Seite betreut.
Spirituelles wird gesucht
Ulrike und Joachim haben sich auf einem der bunten Stühle an der Tafel niedergelassen. Auch sie seien jedes Jahr auf dem Maimarkt, den Stand von katholischer und evangelischer Kirche hätten sie gezielt angesteuert. "Es ist gut, dass es auf einer eigentlich kommerziellen Messe auch ein spirituelles Angebot gibt", sagt Joachim (65). Die Menschen suchten danach, ist seine Frau überzeugt. "Jeder will mal abschalten, Ruhe haben", sagt die 62-Jährige.
Dass mit der Ruhe ist in einer großen Halle wie dieser allerdings nicht so einfach. Nebenan positionieren sich die Rheinauer Seebären, ein Shantychor. Zwei Dutzend Männer beginnen begleitet von Gitarre und Ziehharmonika zu singen. Auf der anderen Seite saust die Modelleisenbahn über die Schienen. Die Kirche, mittendrin.