DOMRADIO.DE: Schauen wir auf diesen Ort, den Sie besucht haben: Das "Hexendorf" Gushegu im Norden Ghanas. Was ist das für ein Ort?
Elke Breuer-Schulte (Abteilungsleiterin Inland bei Missio Aachen): Das ist eine ländliche Gegend. Wir waren mit einer Missio-Delegation im März in Ghana und haben von Ghanas Hauptstadt Accra aus den Norden besucht. Wir sind von dort etwa eine Stunde nach Tamale geflogen, und vom Flughafen fährt man noch etwa zwei Stunden dorthin.
In diesem Dorf in Gushegu leben etwa 100 Frauen zusammen, die aus ihren Gemeinschaften ausgestoßen wurden. Es ist eine ländliche Gegend mit traditionellen Lehmhütten und es ist sehr heiß. Die Hütten sind rund um einen Brunnen in der Mitte errichtet, und auf diesem Platz versammeln sich die Bewohner. Dort haben sie uns begrüßt und wir konnten mit ihnen sprechen. Das ist der Ort, an dem die Frauen, die als Hexen bezeichnet wurden, zusammenleben und Schutz gefunden haben. Es gibt auch einen kleinen Gemüsegarten, und wenn es dunkel wird, sorgen Solar-Taschenlampen für das Licht.
DOMRADIO.DE: Ist es ein wichtiger Ort, um wieder auf die Beine zu kommen?
Breuer-Schulte: Genau. Und ehrlich gesagt auch ein Ort, an dem die Frauen überhaupt leben können. Denn diese Frauen sind aus ihrer Gemeinschaft verstoßen worden, weil sie als Hexen beschuldigt wurden. Oft ist etwas passiert – eine schlechte Ernte oder jemand wurde krank – und dafür wurde ein Sündenbock gesucht.
Diese Frauen werden dann auch von ihren Familien ausgestoßen, weil die Familien sie nicht schützen können. Dann brauchen die Frauen einen Ort, an den sie gehen können. Dieses Camp ist für diese Frauen – so absurd das klingt – eine Rettung und Zuflucht. Dort leben sie in Gemeinschaft, geben sich Halt und werden von Ordensschwestern begleitet.
DOMRADIO.DE: Es ist seltsam, dass wir 2026 darüber sprechen müssen.
Breuer-Schulte: Ja. In Europa denkt man bei Hexen an das Mittelalter. Gleichzeitig ist das Bild der Hexe aus der Popkultur eher ein positives, etwa durch Bibi Blocksberg. Aber für viele Frauen in vielen Ländern ist das Realität.
Missio Aachen beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. Zunächst ist es uns in Papua-Neuguinea aufgefallen. Dort haben wir eine Projektpartnerin unterstützt, die Frauen begleitet, die verfolgt, gefoltert oder getötet werden. Das Thema hat uns nicht losgelassen. Wir haben eine Weltkarte erstellt und mittlerweile in etwa 46 Ländern dokumentiert, dass es diese Menschenrechtsverletzungen gibt. Das ist vielen nicht bewusst. Das sind nur die dokumentierten Fälle. Es könnten mehr sein.
DOMRADIO.DE: Wie kommt es dazu, dass Frauen als Hexen beschuldigt werden?
Breuer-Schulte: Oft ist es ein Sündenbock-Motiv für einen Vorfall, weil zum Beispiel ein Kind stirbt. Der Glaube an Hexerei ist in diesen Ländern noch verbreitet. Manche nutzen den Vorwurf auch aus, etwa um an Land oder Geld zu kommen oder eine Frau loszuwerden, die unbequem geworden ist. Auch Männer oder Kinder werden beschuldigt, aber in der Regel sind es Frauen. Das zeigt, dass es dahinter um Machtstrukturen geht. Die Entscheidung, wer eine Hexe ist, trifft meist die stärkere Gruppe.
Die Rechtslage zu dem Thema ist von Land zu Land unterschiedlich. In Ghana ist es offiziell verboten. So sitzen zum Beispiel in Tamale zwei Täterinnen im Gefängnis. Aber oft werden Vorfälle nicht angezeigt, weil die Gemeinschaft zusammenhält.
DOMRADIO.DE: Welches Schicksal droht den Frauen?
Breuer-Schulte: Zunächst werden sie ausgestoßen. Es kann auch zu Gewalt kommen, zu Folter oder sogar zum Tod. Wir haben mit einer Frau gesprochen, die erst kurz im Camp war. Sie hatte ein kleines Kind dabei. Ihr Schwager hatte sie beschuldigt. Ihr Mann hat sie besucht als wir vor Ort waren. Seine Frau konnte nicht mehr bei ihm leben. Das hat mich sehr schockiert, weil sogar er sie als Ehemann nicht vor der urteilenden Gemeinschaft schützen konnte.
DOMRADIO.DE: Gibt es einen Weg zurück?
Breuer-Schulte: Das ist sehr schwer. Die Dorfgemeinschaften halten an ihrem Glauben fest. Es gab in Ghana Programme zur Rückkehr – teils auch von der Regierung, aber die haben nicht funktioniert.
DOMRADIO.DE: Ihr Projektpartner sind die "Missionary Sisters for the Poorest of the Poor“. Sie waren bei Schwester Monika vor Ort.
Breuer-Schulte: Ja, das ist ein nigerianischer Orden, der sich um die Ärmsten kümmert. Schwester Monika hat lange in Gushegu gelebt. Sie kennt die Frauen gut und hat uns durch das Camp geführt. Es war beeindruckend zu sehen, wie die Frauen auf sie reagiert haben. Sie hatte für jede ein Wort. Das hat den Frauen viel bedeutet. Neben praktischer Hilfe, etwa durch den Gemüsegarten, ist die spirituelle Begleitung entscheidend. Die Schwestern sind da, bleiben bei den Frauen und helfen im Alltag.
DOMRADIO.DE: Wie unterstützt Missio?
Breuer-Schulte: Wir haben den Internationalen Tag gegen Hexenwahn am 10. August ins Leben gerufen. Damit ehren wir zwei Frauen aus Papua-Neuguinea. Wir wollen Bewusstsein schaffen und Menschen sensibilisieren. Gleichzeitig fördern wir Projekte in verschiedenen Ländern, auch in Ghana. Wir werben um Unterstützung für unsere Partner vor Ort, damit sie ihre Arbeit fortsetzen können. Wir sind auch in Deutschland aktiv, etwa beim Katholikentag. Es ist eine große Menschenrechtsverletzung und eine Form von Diskriminierung.
Das Interview führte Marcus Poschlod.