Die Tage vom 29. April bis zum 3. Mai 2025
"Affe tot, Klappe zu, der Nächste bitte!" Der flapsige Satz einer meiner geschätzten Kollegen norddeutscher Herkunft, den ich heute zum Mittagessen traf, war nicht abwertend gemeint. Er ist praktizierender Katholik. Es ist die Art, wie wir Journalisten untereinander sprechen, etwa so wie die berüchtigten Witze der Ärzte am Operationstisch.
Und es kennzeichnete, was uns nun erwartete: Wer würde als Nächster in der ununterbrochenen Reihenfolge seit 2000 Jahren den Thron Petri besteigen? Welche Kriterien waren bei der Auswahl anzulegen? Wie könnte die Programmatik eines künftigen Pontifikates aussehen? Und schließlich: Auf welchen Kreis von Persönlichkeiten könnte es sich verdichten? Darum kreisten im Kern die Gespräche unter uns Kollegen.
Inzwischen waren die wahlberechtigten Kardinäle (also die unter 80-Jährigen) fast vollständig in Rom eingetroffen; sie regierten nun vorübergehend die Kirche. Zumeist zweimal am Tag trafen sie sich bei den sogenannten "General-Kongregationen" in der Synodenaula des Vatikans. Dabei ging es um die Vorbereitung des Konklaves, aber auch ganz banal um organisatorische und finanzielle Fragen und Entscheidungen.
Der Beratungsbedarf war immens, denn das Pontifikat von Franziskus hatte nicht wenige offene Baustellen jeglicher Art hinterlassen. Allein zweimal berichtete der Münchner Kardinal Reinhard Marx, Präsident des Päpstlichen Wirtschaftsrates (eine Art Aufsichtsgremium, das die gesamten wirtschaftlichen und finanziellen Aktivitäten des Heutigen Stuhls kontrolliert) über die prekäre Finanzlage und die Schieflage bei den Pensionsrückstellungen.
Den Kardinälen aus aller Welt haben wohl die Ohren geklungen. Einige erzählten uns im Hintergrund offen, dass die Lage viel dramatischer sei, als sie angenommen hätten.
Wie kommt man nun an derartige Informationen? Wir Journalisten haben dafür unsere eigenen Codes. "Lungern und Lauern" lautet einer davon. Und tatsächlich: Wenn man Örtlichkeiten und Termine kennt, muss man sich in unmittelbarer Nähe aufhalten und warten, bis sich irgendeine Gelegenheit ergibt – Herumlungern und Auflauern also.
Dass wir den Terminplan für die Sitzungen der Kardinalsversammlungen durch das vatikanische Presseamt kannten, machte es uns natürlich einfacher. Verzwickter waren die geheimen Treffen bestimmter Gruppen von Purpurträgern, bei denen es zur Sache ging. Davon später mehr.
Die internationale Medienmeute machte inzwischen rund um den Petersplatz und die Tore zum Vatikan, linksseitig die Porta di Sant'Uffizio, rechtsseitig die Porta Sant'Anna, Jagd auf alles, was ein rotes Scheitelkäppchen oder ein purpurnes Birett auf dem Kopf trug.
"Rotkäppchen-Jagd" tauften wir diese Anflüge kollektiver Hysterie, wenn sich unvermittelt ein Pulk von Kameras und Mikrofonen in merkwürdigen Zickzack-Bewegungen über den Platz, unter den Kolonnaden und zu einem der Tore bewegte, wo sich irgendein Kardinal aus einem fernen Land schnell in die Arme der Schweizergarde rettete.
Was sollten die Armen uns denn zu diesem Zeitpunkt berichten? Aus den Sitzungen durften sie nicht plaudern – jedenfalls nicht offiziell; und Namen von Papabili in der Öffentlichkeit zu nennen, verbot sich absolut. Diese Jagdszenen waren also komplett sinnlos. Die Rotkäppchen lernten im Übrigen dazu.
Schon nach ein paar Tagen ließ sich kaum noch ein Kardinal außerhalb der vatikanischen Mauern im rot geränderten Talar mit seidener Bauchschärpe und purpurnem Kopfschmuck sehen; sie wählten nun normale Priesterkleidung: dunkler Anzug, Collarhemd, je nach Wetterlage eine schwarze Jacke und schwarze Kappe; sogar das Brustkreuz, das sie vielleicht vor Insidern verraten könnte, verbargen einige.
Die italienische Polizei sorgte indes für weitere Absperrungen. Irgendwann wurde die Meute müde. Viel interessanter war, wen man mit wem beim Mittagessen oder beim Kaffee zusammensitzen sah. Dafür lohnte es sich, besonders mittags oder am frühen Nachmittag die Gassen rund um die vatikanischen Mauern zu durchstreifen.
Im Borgo etwa oder rund um die Via delle Fornaci auf der anderen Seite. Nicht, dass man diese Treffen belauschte. Es genügte ein Blick auf die Paarungen zu zweit, zu dritt oder gar mehreren, um bestimmten Gerüchten, die kursierten, eine gewisse Glaubwürdigkeit zu verleihen, oder auch nicht. Die wirklich wichtigen Gespräche fanden ohnehin nicht unter den Augen der Öffentlichkeit statt, sondern in kleinen, zumeist abendlichen Zirkeln, fernab der medialen Dauerbeobachtung.
Zum Autor:
Michael Feth (geb. 1966) berichtet seit dreizehn Jahren als freier Korrespondent für Italien und den Heiligen Stuhl aus der Ewigen Stadt für verschiedene deutschsprachige Publikationen. Zuvor arbeitete er unter anderem für das Bayerische Fernsehen und die Tageszeitung Münchner Merkur sowie als Pressesprecher der CSU in den 1990er-Jahren.
Der gläubige Katholik engagierte sich bis zu seinem Wechsel nach Rom in verschiedenen Ehrenämtern und liturgischen Diensten in seiner Heimatpfarrei und Diözese.
Er hat uns seine Tagebucheintragungen zur freien Veröffentlichung gegeben.