Donald Trump hatte mit einer Sache recht, aber wahrscheinlich anders, als er es selbst gedacht hätte. "Wenn ich nicht im Weißen Haus wäre, wäre Leo nicht im Vatikan", postete der amerikanische Präsident vor wenigen Wochen auf seiner Online-Plattform truth.social. Da ist in der Tat etwas Wahres dran, denn bis 2025 war es eine Binsenweisheit, dass ein Amerikaner niemals Papst werden könne. Zu mächtig und einflussreich sei die letzte Supermacht der Welt, als dass einer ihrer Staatsbürger auch noch die größte Religionsgemeinschaft der Welt anführen könnte.
Was viele Beobachter – und auch wir – damals nicht im Blick hatten: Die Rolle der USA auf der Weltbühne hat sich seit der Wiederwahl von Donald Trump im November 2024 fundamental geändert. Amerika gilt nicht mehr als Stabilitätsfaktor in der Welt, sondern für viele eher als Auslöser von Besorgnis und Risiko. In dieser Gemengelage einen amerikanischen Papst im Vatikan zu haben, wird garantiert eine Rolle gespielt haben, als sich die 133 Papstwähler vor einem Jahr in die Sixtinische Kapelle zurückzogen, um unter ihnen den nächsten Nachfolger Petri zu küren. Es wird wahrscheinlich nicht das ausschlaggebende Argument gewesen sein, aber komplett verleugnen kann man den Trump-Faktor bei der Papstwahl garantiert nicht.
Papst Leo und Donald Trump
Dreht man die Zeit nun zwölf Monate weiter, sieht man, dass diese Argumentation voll aufgeht. Papst Leo, der sich in den ersten Monaten eher zögerlich und vorsichtig auf dem Parkett der Weltpolitik bewegt hat, scheint auf einmal voll in seinem Element zu sein, wenn er für christliche Werte eintritt – auch im Konflikt mit der aktuellen US-Regierung. Sprach Präsident Trump in seiner ersten Amtszeit beim Thema Flucht und Migration noch davon, dass Leos Vorgänger Franziskus mit seiner Kritik ("Lasst uns Brücken statt Mauern bauen!") überhaupt nicht verstehe, wie die USA und amerikanische Politik funktionieren, beweist Leo nun das Gegenteil, wenn er die US-Bürger auffordert, ihre Kongressabgeordneten zu kontaktieren, falls sie mit der Regierungspolitik unzufrieden sind.
Ein Papst, der gegenüber Donald Trump in seiner Muttersprache eloquent und inhaltssicher christliche Werte gegen Populismus und Vereinnahmung verteidigt, hat einen Effekt, wie wir an der Reaktion von Trump auf den Papst merken. "Leo sollte sich als Papst zusammenreißen, seinen gesunden Menschenverstand einsetzen und sich darauf konzentrieren, ein großer Papst zu sein, kein Politiker."
Der richtige Tonfall
Dabei musste sich Leo erst einmal in die Rolle hineinfinden, in die er von heute auf morgen als Staatsoberhaupt des Vatikans geworfen wurde. Äußerte er sich in den ersten Monaten auch im Blick auf die US-Politik noch vage und vorsichtig, scheint er gerade jetzt seinen passenden Tonfall gefunden zu haben. Die sogenannten "fliegenden Pressekonferenzen" auf den Reisen des Papstes sind schon unter seinem Vorgänger Franziskus zur Tradition geworden – Momente, in denen ein Papst auch einmal spontan und ungeskriptet reagiert.
So waren es die Fragen der Journalisten auf seiner Reise durch Afrika im April, die ungewohnt deutliche Reaktionen des Papstes hervorriefen. Dabei hilft es dem in Chicago geborenen Pontifex nicht nur, dass er die Politik seines Heimatlandes kennt, sondern auch, dass er sich schon vor seinem neuen Amt auf dem diplomatischen Parkett bewegen musste. Als Ordensoberer der Augustiner und Präfekt des vatikanischen Bischofsdikasteriums musste Robert Prevost bereits zuvor auf das Gewicht seiner Worte achten – nun genauso, nur mit einer weitaus größeren internationalen Aufmerksamkeit.
Konflikte innen wie außen
Diplomatisch im Ton, klar in der Sache. Dass diese Strategie für Leo aufgeht, sehen wir auch im innerkirchlichen Kontext. Hinter den Mauern des Vatikans scheint die kirchliche Welt manchmal fast genauso polarisiert wie die Weltpolitik. Fragen nach Reformen, Frauenbeteiligung, Segensfeiern oder Missbrauchsaufarbeitung bewegen auch die Weltkirche. Leo geht auch hier klare wie diplomatische Wege, wie wir zuletzt auf seiner Pressekonferenz auf dem Rückweg aus Afrika hörten.
Wie steht der Papst dazu, dass im Erzbistum München und Freising nun Segensfeiern für homosexuelle Paare gefeiert werden sollen? Die Kirche sei offen für "alle, alle, alle" ("todos, todos, todos"), zitierte Leo seinen Vorgänger Franziskus. Die Frage nach rituellen Segensfeiern sei mit Deutschland allerdings bereits geklärt. Wichtig seien für ihn andere Themen: Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit von Frauen und Männern sowie Religionsfreiheit – das seien die drängenderen Themen, mit denen sich die Kirche befassen sollte.
Klare, diplomatische, aber auch deutliche Worte – das scheint der Kurs zu sein, den Papst Leo XIV. nach zwölf Monaten für sich gefunden hat. Es bleibt abzuwarten, was er damit in den nächsten Jahren noch bewegen kann, in einer tief polarisierten Welt – innerhalb und außerhalb der Mauern des Vatikans.