Weihbischof Steinhäuser besucht mit Adveniat Kolumbien

Kirche genießt ein großes Grundvertrauen

Armut, Drogenkartelle und Flüchtlingskrise prägen inzwischen das Bild von Kolumbien. Mit einer Delegation von Adveniat hat der Kölner Weihbischof Rolf Steinhäuser das Land besucht. Ihn beeindruckt, wie die Kirche vor Ort hilft.

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Kinder spielen vor einem Laden im Viertel Getsemani in Cartagena, Kolumbien / © Danaan (shutterstock)
Kinder spielen vor einem Laden im Viertel Getsemani in Cartagena, Kolumbien / © Danaan ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Warum sind Sie denn nach Kolumbien gereist?

Weihbischof Rolf Steinhäuser (Kölner Weihbischof und Mitglied einer Adveniat-Delegation, die Kolumbien besucht hat): Ich bin Mitglied der bischöflichen Kommission von Adveniat, also des Hilfswerks der deutschen Katholiken für Lateinamerika und die Karibik. Ab und zu besuchen wir die Adveniat-Projekte vor Ort, damit wir diese nicht nur aus den Beschreibungen kennen, sondern auch mit Gesichtern und Szenen verbinden. So habe ich das besondere Glück oder die Freude, ungefähr einmal im Jahr eine Lateinamerika-Reise machen zu können, und dieses Jahr war dann Kolumbien dran.

Adveniat Delegation mit Weihbischof Rolf Steinhäuser in Kolumbien (Adveniat)
Adveniat Delegation mit Weihbischof Rolf Steinhäuser in Kolumbien / ( Adveniat )

DOMRADIO.DE: Welche Projekte haben Sie besucht? 

Steinhäuser: In Cartagena, einer großen Stadt an der Karibik, haben wir ein Projekt besucht, in dem versucht wird, missbrauchten Mädchen und jungen Frauen zu helfen. Die Frauen und Mädchen haben Traumatisches erlebt. Das Adveniat-Projekt versucht, ihnen eine Grundlage an die Hand zu geben, Arbeitsmöglichkeiten anzubieten und Berufe lernen zu können, um auf eigenen Füßen zu stehen und nicht durch korrupte Banden erpressbar zu sein, wie sie das bisher waren. 

DOMRADIO.DE: Wie haben Sie denn die Menschen in Kolumbien erlebt? 

Steinhäuser: Da war viel Herzlichkeit und viel Liebenswürdigkeit. Die Menschen sind sehr freundlich und entgegenkommend. Das ist besonders erstaunlich, wenn man sieht, in welch großer Armut die Menschen in Kolumbien leben. Das kann man sich bei uns kaum vorstellen, dass es da trotzdem so viel Freude und Gelassenheit gibt. 

DOMRADIO.DE: In welchem Ausmaß beherrschen und belasten denn die Drogenkartelle das Land? 

Steinhäuser: Ein Grundproblem ist, dass die Preise in der Landwirtschaft eingebrochen sind. Darum sind jetzt viele Bauern wieder von Gemüseanbau zu Opiumanbau umgestiegen. Das ist heftig. Wir wissen, dass Kolumbien das Land ist, das den Rauschgifthandel weltweit am meisten befeuert.

Dazu gibt es in Kolumbien ungeheure Unterschiede zwischen Arm und Reich. Man hat den Eindruck, dass die Leute, die reich sind, kein verstärktes Interesse daran haben, diese Situation zu ändern. Die beklagen dann zwar, dass es so viel Armut im Land gibt, aber sie zeigen keinen großen Willen, das zu ändern.

DOMRADIO.DE: Wie ist denn die Situation der katholischen Kirche in Kolumbien? Schließlich sind dort siebzig Prozent der Kolumbianer katholisch.

Rolf Steinhäuser

"Die katholische Kirche genießt ein ganz großes Grundvertrauen in der Bevölkerung."

Steinhäuser: Zu den siebzig Prozent Katholiken kommen etwa zwanzig Prozent aus Freikirchen, also Pfingstkirchen, und etwa zehn Prozent Menschen, die sagen: Ja, wir glauben an Gott, aber wir gehören keiner Kirche an. 

Die katholische Kirche genießt ein ganz großes Grundvertrauen in der Bevölkerung. Das ist für uns in Deutschland natürlich nicht selbstverständlich. Dieses Grundvertrauen merkt man auch daran, dass Vertreter der Kirche immer wieder gebeten werden, sich an wichtigen politischen Prozessen zu beteiligen. Der Präsident des Landes hat den Kardinal von Bogotá und den Provinzial der Jesuiten sehr dringend darum gebeten, bei dem Friedensprozess im Land mitzuwirken. Der Provinzial der Jesuiten hat den Hauptgeschäftsführer von Adveniat eingeladen, ihn dabei zu unterstützen. 

Damit ist dann auch die Verbindung da, weshalb ich als Mitglied der bischöflichen Kommission Adveniat in Kolumbien war und eine Menge von den Bemühungen um einen Friedensprozess erlebt und mitbekommen habe.

DOMRADIO.DE: Die katholische Kirche hat auch eine große Rolle im Friedensprozess mit der Terrororganisation FARC gespielt. Dieser Konflikt ist weitestgehend befriedet, oder?

Steinhäuser: Das stimmt, aber es gibt eine ganze Reihe von kleineren Guerilla-Gruppen, die ihre Waffe nicht abgegeben haben und die den alten Konflikt immer wieder anheizen. Und es gibt größere Gebiete des Landes, die nicht der staatlichen Kontrolle unterstehen. Es ist nicht so, wie es für uns selbstverständlich ist, dass das Gewaltmonopol beim Staat liegt. Vielmehr gibt es viele, die auch Gewalt ausüben und ganze Landstriche beherrschen.

DOMRADIO.DE: Wie ist denn in dieser schwierigen Situation die Lage der indigenen Bevölkerung?

Steinhäuser: Die gibt es fast gar nicht. Kolumbien hat etwa 3,7 Prozent indigene Bevölkerung. Wenn sie das mit Mexiko oder Peru vergleichen, dann ist es dort ganz anders, da ist teilweise die Mehrheit der Bevölkerung indigen. 

In Kolumbien gibt es eine große afrokolumbianische Bevölkerungsgruppe. Das sind ehemalige Sklaven, deren Vorfahren aus Afrika entführt wurden, um auf den großen Landgütern zu arbeiten. In Städten wie Cartagena gibt es so viele Menschen mit afrikanischen Vorfahren, dass Sie sich von der Hautfarbe der Bewohner auch vorstellen können, Sie wären irgendwo mitten in Afrika.

DOMRADIO.DE: Sicher spielt auch die Flüchtlingskrise eine große Rolle.

Steinhäuser: In Kolumbien gibt es über eine Million Flüchtlinge aus Venezuela. Dazu gibt es in Kolumbien selber neun Millionen Binnenflüchtlinge, also Kolumbianer, die innerhalb Kolumbiens ihre Heimat verlassen haben, weil sie keine guten Lebensbedingungen haben – und weil es in ihren Heimatorten immer mehr Gewalt gibt. 

DOMRADIO.DE: Das macht die besondere geografische Lage des Landes auch aus. Es ist das einzige Land mit einer Landbrücke zu Mittelamerika. Es grenzt unmittelbar an Panama und auch an Venezuela.

Steinhäuser: Die Grenzen sind nicht dicht, sondern sind durchlässig. Es gibt viel Wechsel herüber und hinüber und die großen Flüchtlingsströme aus Venezuela spielen eine große Rolle.

Rolf Steinhäuser

"Das sind natürlich die berühmten Tropfen auf dem heißen Stein."

DOMRADIO.DE: Was kann Adveniat dort tun? Wie hilft Adveniat in Kolumbien?

Steinhäuser: Das sind natürlich die berühmten Tropfen auf dem heißen Stein. Mich hat das Adveniat-Projekt in der Stadt Cartagena sehr beeindruckt. Cartagena ist eine wunderbare alte spanische Kolonialstadt. Es gibt dort herrliche alte Bauten. 

Cartagena ist auch deshalb ein Ziel für viele Touristen, weil es direkt an der Karibik liegt. Zahllose große Kreuzfahrtschiffe machen dort Halt. Die spucken dann ihre Besatzung aus. Da gibt es dann viele Männer, die ein kurzfristiges sexuelles Abenteuer wollen oder Sex mit Kindern wollen. Die nutzen die Gelegenheit, die sich ihnen da bietet. Das ist sehr heftig.

Da versuchen die Kirchen natürlich gegenzuhalten und die Kinder ein Stück weit zu immunisieren. Dabei geht es auch darum, die Eltern zu unterstützen, die ihre Kinder in der Not regelrecht verkaufen, um selber am Leben zu bleiben. Das ist ein funktionierendes, mafiöses System, was denen die Opfer in die Hände spielt.

DOMRADIO.DE: Dabei könnte Kolumbien ein reiches, befriedetes Land sein. Es hat eine wunderbare Natur, es verfügt über viele Bodenschätze. 

Steinhäuser: Ja, Kolumbien ist reich an Bodenschätzen. Es gibt viel Gold dort zu schürfen, es ist ein sehr reiches Land, aber der Reichtum ist ungerecht verteilt. 

DOMRADIO.DE: Was nehmen Sie denn jetzt aus Kolumbien mit, wenn Sie zurück in Köln sind?

Steinhäuser: Die Kirche von Kolumbien bittet sehr um unsere Unterstützung und Hilfe. Damit sind nicht nur finanzielle Hilfen gemeint, sondern Solidarität, Öffentlichkeit, Austausch und Kontakt. Das ist für die Menschen in Kolumbien sehr, sehr wichtig. Und es besteht eine große Dankbarkeit gegenüber Adveniat.

Ich möchte Ihnen noch von einem Beispiel für ein Adveniat-Projekt erzählen. Wir haben ein Projekt besucht, das sich "Hausbau" nennt. Da sind wir in eine Art Dorf gekommen, das wir für einen Slum halten würden. Da hat Adveniat den Menschen geholfen, selber Hand anzulegen. In vielen Häusern musste erst einmal Estrich gelegt werden. Vorher gab es da nur festgestampfte Erde, und wenn es regnet – und es regnet in Kolumbien kräftig –, dann wird das alles zu Matsch. Da kann man sich dann nicht mehr aufhalten. 

Aber jetzt haben die Menschen einen festen Zementboden. Andere Häuser bekamen zum ersten Mal eine Toilette. Wir waren in vielen Häusern, in denen uns die Menschen das ganz stolz gezeigt haben. Es sind fast ausschließlich die Frauen, die das in die Hand nehmen, die stemmen das. Männer waren meistens abwesend, vielleicht irgendwo in Kneipen. Frauen und Kinder tragen das in einem starken Maße. Das war toll zu sehen, wie die Menschen von Adveniat Hilfe zur Selbsthilfe bekommen haben und selbst etwas daraus gemacht haben.

Das Interview führte Johannes Schröer.

Adveniat

Adveniat ist das Hilfswerk der deutschen Katholiken für die Kirche Lateinamerikas. Der Name leitet sich ab von der lateinischen Vaterunser-Bitte "Adveniat regnum tuum" ("Dein Reich komme"). 

Bischöfliche Aktion Adveniat e. V. (Adveniat)
Bischöfliche Aktion Adveniat e. V. / ( Adveniat )
Quelle:
DR

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