DOMRADIO.DE: Als Juror der Castingshow "DSDS" wurden Sie von Ihren Schützlingen liebevoll "Onkel Stein" genannt. Hören Sie das gerne?
Thomas M. Stein (Musikmanager und DSDS-Juror): Ab einem gewissen Alter spielt es keine Rolle, wie man genannt wird.
DOMRADIO.DE: Sie waren sehr lange der Chef der großen Plattenfirma "Bertelsmann Music Group", bekannt als "BMG". Wie war die Zeit bei Ihnen eigentlich vor der Managerkarriere?
Stein: Vorher war ich Geschäftsführer einer Schallplattenfirma in Hamburg. Die hieß damals "Teldec", was aus den Namen "Telefunken" und "Decca" zusammengesetzt wurde. Diese Firma hatte ich von 1982 bis 1988 geleitet. Davor war ich beim ZDF und habe dort Formate wie "Rockpop", "Rockpop in Concert" und "Disco" produziert. Einen weiteren Schritt davor war ich unter anderem Promoter bei der kleinen Firma "Crystal", die dann von "EMI" gekauft wurde. Und, was nur noch wenige Menschen wissen werden: Ich war auch mal Verkaufsleiter einer Ladenkette mit dem Namen "Montanus". Irgendwann bin ich dann – rückwärts gerechnet – auf diese Art und Weise letztendlich bei der Musikindustrie gelandet.
DOMRADIO.DE: Können Sie ein paar Künstler nennen, an die Sie immer geglaubt haben und die dann plötzlich berühmt wurden?
Stein: Ach, das hört sich hinterher immer so übertrieben an, dennoch habe ich natürlich mit Peter Maffay in der Anfangsphase gearbeitet, der hinlänglich bekannt ist. Ich habe mit vielen Künstlern zusammengearbeitet, die mittlerweile den Mantel des Vergessens darübergelegt haben, dass ich jemals dagewesen bin. Insofern ist es auch völlig unerheblich.
Wichtig ist, dass die Künstler in der damaligen Zeit erfolgreich wurden. Ich habe "Klaus und Klaus" mit "An der Nordseeküste" veröffentlicht, bis es endlich ein Hit war, weil keiner zuvor daran geglaubt hatte. Falco habe ich in England drei- oder viermal veröffentlicht, bis er Nummer eins wurde.
Also, man muss nicht nur mit Liebe zum Künstler, sondern auch mit dem Bewusstsein geprägt sein, dass es eine Qualität hat, die woanders ankommt und den Menschen gefallen könnte.
DOMRADIO.DE: Musik ist keine Mathematik, sodass man ein Hitpotenzial nicht berechnen kann. Wie wichtig ist diesbezüglich in Ihrem Business der Glaube an die Sache, der vielleicht mit dem Glauben in der Kirche vergleichbar ist?
Stein: Ich glaube, man darf den kirchlichen Glauben und den Glauben an Personen nur begrenzt miteinander verknüpfen. Aber unumstritten ist ja, dass du für etwas einstehst. Du musst letzten Endes dort deine Aktivitäten zeigen, wo du deine Aussagen tätigst. Viele Leute sind halt eben nicht in der Lage, das, was sie gesagt haben, auch umzusetzen, weil ihnen vielleicht das Selbstvertrauen fehlt.
Glaube ist auch Selbstvertrauen und hat viele Facetten, vor allem auch Selbstbewusstsein, gerade im Musikgeschäft. Und um bei der Kirche zu bleiben: Sie ist ja nach wie vor ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Ich glaube an Gott und ich finde, die Kirchen sind immer wieder wunderbare Orte der Begegnung. Ich war vor kurzem wieder im Ausland in einigen Kirchen und es hat mir sehr viel Spaß gemacht, sie mit meinen Töchtern zu besuchen.
DOMRADIO.DE: Haben Sie Ihre Tätigkeit als Musikmanager bei BMG als Stress oder Leidenschaft empfunden?
Stein: Wenn man so eine Aufgabe macht, dann muss man sie aus Leidenschaft machen. Natürlich ist auch Stress dabei. Aber eigentlich muss es einem Spaß machen. Aber was gibt es denn Besseres, als mit dem Thema, mit dem man sich gerne jahrzehntelang auch privat auseinandergesetzt hat, zu arbeiten und damit auch in meinem Fall Glück gehabt zu haben, erfolgreich gewesen zu sein.
DOMRADIO.DE: Sie haben sich die Entspannung als Kontrapunkt zu Ihrem Beruf teilweise auch in den Kirchen gesucht. Und waren in sehr vielen Kirchen, wenn ich das richtig verstanden habe?
Stein: Na ja, ich kenne in New York sehr viele Kirchen. An der Madison Avenue gibt es beispielsweise ein riesengroßes Gotteshaus, das wunderschön ist. Sie müssen wissen: In Amerika ist Kirche ein bisschen anders als bei uns. Die größten Parkplätze gibt es nicht vor Einkaufszentren, sondern vor Kirchen. Ich bin in Brasilien in Kirchen gewesen, wo teilweise Garagen mit Plastiksesseln umgebaut worden sind. Dort sind die Menschen dann ihrem Glauben nachgegangen.
Ich war vor kurzem mit meiner Tochter in Venedig und ging mit ihr über den Markusplatz in die Markuskirche. Wenn du dann in den inneren Bereich kommst, dann merkst du diese Ruhe und die Gelassen- sowie Ausgeglichenheit, die einen übermannt. Insofern ist es egal, ob Paris, Barcelona, Wien, Lissabon oder wo auch immer: Es gibt kaum Städte, in denen ich nicht in irgendeiner Kirche war.
DOMRADIO.DE: Ich weiß von Ihnen, dass Sie sich, da Sie und Ihr Vater zerstritten waren, zwei Wochen vor seinem Tod wieder versöhnten. Was empfinden Sie als Privat- und Geschäftsmann, wenn es um eine Tugend und ein zudem christliches "Tool" wie Versöhnung geht?
Stein: Versöhnen ist immer die Kür einer Pflichtveranstaltung, des Zusammenseins. Ich denke, dass eine Versöhnung, wenn sie ernst gemeint ist, befreit und einen auf den Boden zurückbringt. Deswegen ist Versöhnung für mich wichtig. Es gibt nur leider so viele "Hornochsen", die nicht dazu bereit sind, an Versöhnung auch nur zu denken.
DOMRADIO.DE: Umso schöner finde ich es, dass Sie es tun und sich auch christlich in Ihrem Leben engagiert haben. Was genau haben Sie da gemacht?
Stein: Ich habe jetzt meinen Jungschar-Ausweis aus dem Jahre 1959 gefunden. Damals als aktives Mitglied habe ich sehr viel gemacht. Der damalige Vorgesetzte war ein körperlich beeinträchtigter Mensch, aber unglaublich engagiert. Er hat mich motiviert, da mitzumachen. Es war ein Teil dessen, was auch meine Mutter immer wieder zu mir gesagt hat: Man muss immer versuchen, im Frieden mit Leuten auseinanderzugehen.
DOMRADIO.DE: Ich weiß von Ihnen auch, dass Sie immer wieder zu Spendenaktionen aufgerufen haben.
Stein: Ja, das mache ich auch heute noch. Ich habe mich im letzten Jahr zum Beispiel wieder für "Kinderlachen", eine Organisation, die in Dortmund ihren Stammsitz hat, engagiert. Ich bin bei "Eagles", einer Vereinigung, die sportliche Aktivitäten ihr Eigen nennt und Turniere veranstaltet. Und darüber hinaus engagiere ich mich noch für ein paar andere Organisationen, die mir auch persönlich gefallen, weil die handelnden Personen dabei sind.
Vor allen Dingen ist für mich wesentlich, dass die Verwaltung nicht überdimensioniert ist, sondern die konsequente Weitergabe dessen, was gespendet wird, auch gewährleistet ist. Insofern bin ich da gern bereit, egal, wo auch immer, mitzuhelfen.
DOMRADIO.DE: Welchen Tipp hat Thomas M. Stein als Manager für die Kirche von heute?
Stein: Es steht mir nicht an, der Kirche Ratschläge zu geben, weil es da so viele kluge Menschen gibt, die das selbst wissen müssen. Aber ich weiß eines: dass ich das ein- oder andere Mal bei Gottesdiensten oder Andachten dabei war, in denen mir die Augen zugeklappt sind und das Erwachen dann nach 90 Minuten schwergefallen ist. Ich glaube, dass man in der Lage sein muss, auch Emotionen zu transportieren. Weitaus deutlicher geschieht das in Brasilien oder in den USA oder in England, wo viel mehr das Handwerk als Unterhaltung gesehen wird.
DOMRADIO.DE: In Ihrer Playlist haben Sie sich auch Songs aus der ehemaligen Ostrock-Szene gewünscht. Wurde die Musik dieser Künstler der ehemaligen DDR unterschätzt?
Stein: Die Ostrock-Szene wurde immer unterschätzt. Das ist das Problem. Ich habe damals bei "Bertelsmann" auch den Popkatalog von der ganzen DDR gekauft, weil ich gesagt habe, dass darin viel Material steckt. Meine Kaufleute dachten damals, dass sich das niemals rentiert, aber nach zweieinhalb Jahren hatten wir unser Geld zurück, weil man einfach wissen muss, was man kauft.
Übrigens waren die Musiker im Osten weitaus besser ausgebildet als die westdeutschen Musiker, weil sie nämlich verschiedene Kriterien erfüllen mussten, um überhaupt eine Live-Auftrittsgenehmigung zu erhalten. Sie mussten kompatibel mit dem System sein, obwohl sie es natürlich innerlich nicht waren. Aber sie haben sich mit sehr intelligenten Texten und Aussagen gewehrt. Sehr häufig wurden die Titel umbenannt, weil sie vom Politbüro verboten wurden. Aber sie sind trotzdem als Platte erschienen – nur mit anderen Titeln.
DOMRADIO.DE: Sie haben bei Ihrer Songauswahl auch auf andere Plattenfirmen zurückgegriffen, oder nur auf "BMG"-Titel?
Stein: Nein, ich habe einfach das, was mir persönlich gefällt, gewünscht, unabhängig von der Zugehörigkeit.
DOMRADIO.DE: Sie saßen mit Dieter Bohlen zusammen in der Jury von "DSDS" ("Deutschland sucht den Superstar"). Da gab es einige sogenannte One-Hit-Wonder, die nach wenigen Veröffentlichungen wieder von der Bildfläche verschwanden. Verheizt die Musikindustrie die Künstlerinnen und Künstler, sodass diese dann depressiv werden?
Stein: Ich versuche, es mal vereinfacht darzustellen: Alexander Klaws, der Gewinner aus der ersten "DSDS"-Staffel, ist heute noch sehr erfolgreich und aktiv im Musikgeschäft. Warum? Weil er gearbeitet hat. Weil er sich sprichwörtlich den A… aufgerissen hat, um beim Musical mitzumachen. Dieses Zutrauen zu sich selbst muss der Künstler natürlich auch haben.
Die herausragendste Stimme war meiner Ansicht nach damals die Sängerin Elli (Anmerkung der Redaktion: Gewinnerin der zweiten "DSDS"-Staffel), aber sie hatte eben auch ihre eigenen Vorstellungen. Und wenn die dann nicht praktikabel und umsetzbar sind, dann wird die berufliche Zukunft schwierig. Zwei Jahre später war sie zu Kompromissen bereit, da war es dann allerdings schon zu spät.
Was ich damit sagen will: Es ist ja eine Frage der aktuellen Situation und des aktuellen Momentums. Aber leider gibt es halt viele Leute, die nicht glauben, dass mit Musik auch Arbeit verbunden ist. Gucken Sie sich die "No Angels" an. Die wären nie erfolgreich gewesen, wenn sie nicht jeden Morgen um sechs Uhr im Flugzeug gesessen hätten. Da hatte ich sie meistens getroffen. Und wenn sie nicht erst abends um zehn Uhr nach ihren Tätigkeiten wieder nach Hause geflogen wären, dann wären sie auch nie erfolgreich gewesen. Auch da hatte ich sie auch oft getroffen. Das heißt, die Damen haben wirklich ihre Zeit auf diese Musikkarriere ausgerichtet.
DOMRADIO.DE: Was macht der Musikmanager Thomas M. Stein heute?
Stein: Im Moment versuche ich, einen altersgerechten Zustand herzustellen, indem ich nichts mache. Ich bekomme immer noch viel Musik zugeschickt und muss dann Menschen erklären, dass es vielleicht erfolgreich oder nicht erfolgreich sein wird. Ich versuche, dem einen oder anderen zu helfen. Mal gelingt es, mal gelingt es nicht.
Aber ich habe ja nicht mehr die Notwendigkeit, eine Firma zu leiten, in der Tausende von Mitarbeitenden davon abhängig sind, dass Entscheidungen richtig getroffen werden. Musik hat mich immer mein ganzes Leben lang begleitet und das wird auch so bleiben.
Das Interview führte Bernd Knopp.