Klavier-Weltstar Olga Scheps betont den Wert ihrer Spiritualität

"Ich glaube, dass da jemand immer auf uns schaut"

Die Musikerin Olga Scheps gehört zu den Weltstars an ihrem Instrument, dem Klavier. In der DOMRADIO-Musiksendung „Meine Playlist” wünscht sie sich neben Klassik auch Popsongs und bekennt sich im Gespräch zu Gott.

Autor/in:
Bernd Knopp
Olga Scheps / © Uwe Arens (privat)
Olga Scheps / © Uwe Arens ( privat )

Programmhinweis: Die Sendung "Meine Playlist" läuft am Samstag ab 12 Uhr und am Sonntag ab 16 Uhr im DOMRADIO.

Sendung "Meine Playlist"


DOMRADIO.DE: Sie haben sich nicht nur klassische Musik, die Sie auf dem Klavier virtuos spielen, sondern in Ihrer Playlist auch "leichte" Popsongs gewünscht. Wundert es Sie, dass mich das überrascht?

Olga Scheps mit Bernd Knopp bei DOMRADIO.DE "Meine Playlist" (DR)
Olga Scheps mit Bernd Knopp bei DOMRADIO.DE "Meine Playlist" / ( DR )

Olga Scheps (Musikerin, Klaviervirtuosin): Also ich finde generell, dass Musik Erinnerungen speichert. Ich glaube, dass auch bestimmte Songs bestimmte Gefühle und bestimmte Erinnerungen hervorrufen. Und ich glaube, dass das generell so eine Eigenschaft ist, die Musik hat: dass wir eine bestimmte Musik gehört haben zu einer bestimmten Zeit. Und wenn wir diese Musik dann wieder hören, dann wird das Gefühl, das wir damals empfunden haben, reaktiviert. Ich denke, jeder von uns hat so ein paar bestimmte Songs, die uns in eine bestimmte Zeit zurückbeamen, die wir vielleicht vermissen, weil wir uns darüber freuen, dass wir dabei sein durften, sozusagen in einer bestimmten Zeit. 

Ich finde das, ehrlich gesagt, auch ganz normal, dass man, wenn man generell an Musik interessiert ist, dass man sich in verschiedenen Genres umschaut, weil sie Ausdruck von unseren Gefühlen ist. Und da muss man sich nicht nur auf eine Farbe festlegen. Wenn man ein Bild malt, benutzt man ja auch ganz viele verschiedene Farben.

Olga Scheps

"Es ist immer ein Trainieren, immer ein Streben und immer ein an sich Arbeiten und Verbessern"

DOMRADIO.DE: Ihre komplette Familie setzt sich aus Klavierprofis zusammen: Sie selbst, Ihr Vater, Ihre Mutter und Ihre Schwester. Wie viel üben Sie täglich?

Scheps: Ich habe schon im Babybauch Klavier gespielt. Aber ganz im Ernst: Ich glaube, man übt nie genug. Zumindest hatte ich jetzt zum Beispiel einen Reisetag hinter mir. Ich habe gar nicht geübt und da schleicht sich schon das schlechte Gewissen ein. Die Fingerfertigkeit, die ist da, aber man muss sie immer wieder trainieren. Das ist wie beim Sport: Wenn du Leistungssport machst, musst du regelmäßig trainieren, sonst hast du es nicht mehr drauf. 

So oft wie möglich und in der Woche vor einem Konzert fange ich an, die Stücke wirklich von Anfang bis Ende durchzuspielen und mich auch in eine Konzertstimmung zu versetzen. Das ist ein Prozess, den ich jeden Tag mache – dass ich neue Stücke lerne und dass ich die, die ich sozusagen schon draufhabe, immer wieder verbessere und auffrische. Es ist immer ein Trainieren, immer ein Streben und immer ein an sich Arbeiten und Verbessern.

DOMRADIO.DE: Sie spielen technisch auf dem Höchstlevel schwierigste Klavierwerke. Dabei vertreten Sie die Meinung, dass man auch mit wenigen Tönen einen Zauber schaffen kann. Kann man das so sagen?

Scheps: Ja, es ist interessant, dass man beim Klavierspielen annimmt, dass ein Stück, welches schnell und laut ist, unbedingt schwerer zu spielen sein soll als ein Stück, welches vielleicht etwas leiser ist und weniger Töne hat. Ich muss dieser Ansicht vehement widersprechen: Es ist eine ganz große Kunst, mit wenigen Tönen eine bestimmte Stimmung hervorzurufen, damit mir eine Träne beim Zuhören kommt. Ich glaube, es würde guttun, wenn man aufhörte, beim Klavierspielen über Schwierigkeitsgrade zu sprechen. Warum? Weil ich davon überzeugt bin, dass es vielmehr darum geht, was man ausdrückt, welche Emotion man mitteilt und welche Stimmung man erschafft. Es geht um die Gefühle und um den Stil, zum Beispiel die Musik des Komponisten Erik Satie. Sie hat was Meditatives und Spirituelles.

DOMRADIO.DE: Wie wichtig ist für Sie überhaupt Spiritualität und Religion, auch für Ihre Arbeit?

Scheps: Mir persönlich ist das sehr wichtig. Ich bin gläubig. Ich glaube, dass da jemand immer auf uns schaut. Und ich finde, dass mir das auch sehr im Leben hilft. Ich bin freischaffende Künstlerin, das heißt, ich bin selbst zu 100 % verantwortlich für das, was ich mache. Dabei auch diszipliniert zu bleiben, bedeutet, dass ich weiß, dass mich immer jemand beobachtet, so dass ich nie wirklich allein bin. Ich glaube, dass das Resultat auf der Bühne und überhaupt das Resultat von dem, was ich mache, sehr stark davon abhängt, was ich so mache, wenn ich allein bin. Ob ich da jetzt sitze und scrolle und mich selbst belüge und dabei so tue, als hätte ich geübt, oder ob ich wirklich dasitze und mich in meine Arbeit vertiefe: Das fällt mir leichter mit dem Wissen, dass jemand zusieht.

Olga Scheps

"Ich finde, es ist sehr wichtig zu beten, um sich zu bedanken. Das ist auch etwas, was ich meinen Kindern beibringe"

DOMRADIO.DE: Beten Sie vor einem Konzert und wünschen sich, dass alles gut geht?

Scheps: Ja, aber ich bete ja nicht, um zu wünschen, obwohl das manche schon machen. Ich finde, es ist sehr wichtig zu beten, um sich zu bedanken. Das ist auch etwas, was ich meinen Kindern beibringe: dass man lernt, dankbar zu sein für das, was da ist und ohnehin lernt, dankbar zu sein, auch für die Herausforderungen, die im Leben auf uns zukommen. Das hat schon alles seinen Sinn.

DOMRADIO.DE: Bei allen Herausforderungen für Sie: Genießen Sie bei Ihrem Job, der sich immer um Musik dreht, auch zwischendurch die Stille?

Scheps: Ja klar, Kirchen sind da doch faszinierend, oder? Und sie haben ganz oft eine richtig gute Akustik. Deswegen finden auch unsere Klassikkonzerte, die ja zum größten Teil rein akustisch sind, oft in Kirchen statt. Ich habe neulich auch per Zufall eine Kirche in Frankfurt entdeckt, in der ich üben durfte. Und ich war so fasziniert einfach von dieser Stimmung in diesem Gotteshaus, von dieser Stille und der Akustik, wie der Ton getragen wird. Mein allererstes Album zum Beispiel habe ich in der Jesus Christus-Kirche in Berlin aufgenommen.

DOMRADIO.DE: Ihre Playlist bietet ja einen bunten Mix. Deshalb die Frage: Was hören Sie sich lieber an? Die von Ihnen gespielte klassische Musik aus sämtlichen Epochen vom Barock bis in die Moderne, die der Volksmund als "Klassik" bezeichnet oder eher Popsongs?

Scheps: Ich habe eine sehr gemischte Playlist gemacht. Ich mag viel von Bach bis Tschaikowsky, aus allen möglichen Epochen, die sogenannte klassische Musik. Und ich mag sehr viele Popsongs, auch Hip-Hop, also alles wild durcheinander. Die Musik muss mich einfach ansprechen. Sie muss eine großartige Energie haben und irgendwas mit mir machen, dann interessiert sie mich.

DOMRADIO.DE: Sie sind als Frédéric Chopin-Interpretin bekannt. Was reizt Sie an ihm?

Scheps: Er war ein besonderer Komponist, aus vielen Gründen. Einer der Gründe ist, dass er fast nur für das Klavier komponiert hat. Das Klavier war die Erweiterung seiner Seele, wie man so schön sagt. Und ich empfinde so, dass das stimmt. Das ist eine sehr persönliche Musik, in der er aus der Seele heraus ganz ehrlich darüber erzählt, was er fühlt. Wenn ich auf der Bühne Chopin spiele, erzähle ich, was ich fühle. Und ich fühle mich damit bei ihm besonders zu Hause. Ich habe oft das Gefühl, dass ich mich durch die Musik von Chopin besonders mit dem Publikum verbunden fühle.

DOMRADIO.DE: Wo spielen Sie lieber – im Konzertsaal oder im Studio, wenn Sie ein Album aufnehmen?

Scheps: Auf der Bühne bin ich in dem Moment sozusagen im Jetzt. Ich habe dann nur diese eine Chance und diese eine Variante, die ich an dem Abend produziere. Und da geht es um diesen einen Moment, der, so wie er ist, für immer bleibt. Und im Studio: Dahin gehe ich mit einer bestimmten Idee, wie ich ein Stück gerne kreieren möchte. Und wenn es mir dort nicht so gelungen ist, das Stück zu spielen, wie ich mir das vorgestellt habe, spiele ich es noch mal. Man hat damit jedoch nicht unbegrenzt Zeit. Für ein Album bin ich drei Tage im Studio. Das klingt viel, ist es aber überhaupt nicht. Im Konzert vor meinem Publikum ist allerdings der Adrenalinpegel viel höher. Ich bin dann einfach sehr konzentriert und spiele die Stücke, bin energisch und bin auch voll drin in der Musik.

Das Interview führte Bernd Knopp.

Quelle:
DR

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