Autor Rietzschel beschreibt seine Glaubenssuche nach der Wende

Gebetsversuche auf dem Weg zu Gott

Im Roman "Sanditz" erzählt Autor Lukas Rietzschel vom Leben in Ostdeutschland vor und nach der Wende. Er zeigt, wie Menschen den Bezug zu Kirche und Gott verlieren und nach Glauben suchen. Die Geschichte folgt dieser Suche ins Heute.

Autor/in:
Johannes Schröer
Lukas Rietzschel / © Johannes Schröer (DR)
Lukas Rietzschel / © Johannes Schröer ( DR )

Roland ist auf der Suche. Vor der Wende im Osten Deutschlands war er häufig in der Kirchengemeinde und hat die Kirche als einen Ort der Freiheit erlebt – weniger als einen Ort des Glaubens. Im Roman "Sanditz" von Lukas Rietzschel schmuggelt die Kirchengemeinde verbotene Weltliteratur ins Dorf. Um möglichst vielen Menschen die Bücher zugänglich zu machen, vervielfältigen sie die Texte handschriftlich. Angefangen hat das mit den Abschriften der Herrnhuter Losungen. Hier steht ein theologischer Text am Anfang, um Weltliteratur kennenzulernen. "Die machen das nicht, weil sie denken, wir stürzen ein System, sondern wir geben dem Menschen Raum". 

Nach 1989 sind die Kirchen im Osten leerer geworden. Autor Lukas Rietzschel begleitet seinen Helden Roland im Roman "Sanditz" durch diese Zeiten. Der Roman ist ein großes, präzises Gesellschaftspanorama von den 70er Jahren bis in die Corona-Zeit, in dem der Glaube und die Suche nach Gott eine wichtige Rolle spielen. "Der Glaube gibt gerade der älteren Generation einen Halt," sagt der Autor im DOMRADIO.DE-Interview.

Bei den Jüngeren ist das verloren gegangen. Sie versuchen, diese Lücke zu füllen. "Wir leben in einer Zeit, in der die Säkularisation erfolglos durchgespielt worden ist." Der Sozialismus sei auch ein Sinnversprechen gewesen, das den Menschen versprochen habe, er habe sein Schicksal selbst in der Hand, in der Nachwendezeit habe der Kapitalismus da gut andocken können. "Da war dann nicht so viel Platz für Gott", so beschreibt Rietzschel diese Entwicklung. "Jetzt haben wir einmal die Säkularisation durchgespielt, vielleicht ist es nur logisch, dass wir hier zurzeit eine Suche der Menschen nach Glaubensinhalten erleben", sagt der Autor.

Roland hat den Bezug zu Kirche und Gott verloren. Ihm fehlt etwas. Er versucht zu beten, doch er weiß nicht, wie das geht. "Er kam sich wie ein Kind vor, wenn er mit diesem Gott redete", heißt es im Roman. An einer anderen Stelle sucht er nach einer Anrede für Gott: "Er sagte: 'Hallo', als würde er telefonieren. 'Hallo, Gott.' Oder sollte er besser 'Jesus' sagen? Zu wem sprach er da eigentlich? Und wie ging es weiter? 'Hallo Gott. Ich … '. Er räusperte sich". Schließlich gelingt ihm für den Anfang ein passables Gebet, wie er findet. Roland formuliert seine Ängste und Nöte, seine Sorgen um den von ihm geliebten Achim. "Aber dann fiel ihm ein, dass noch etwas fehlte. 'Amen'. Wahrscheinlich war das kein gutes Gebet. Er hatte zu oft ich gesagt und zu wenig an andere gedacht".

Von Ideologien und Versprechungen enttäuscht

"Es gibt im Roman immer so kleine Gebetsversuche von ihm, so ein Innerlichwerden dadurch. Ich finde es schön, ihn dabei zu beobachten", sagt Rietzschel über seinen Helden Roland. 

Von den sozialistischen und kapitalistischen Ideologien und Versprechungen sind die Helden im Roman "Sanditz" enttäuscht. Sie hatten einen anderen, einen größeren Traum. Der Traum von Freiheit führte zu einem autonomen Ich und die Frage, wie dieses Ich mit der Welt und dem Kosmos und allem, was dazugehört, verbunden ist. "Es wäre so ein kleiner Schritt noch weiter gewesen, Roland dann vom Ich in den Glauben zu führen, aber da ist er noch nicht", sagt der Autor über Roland.

Das zentralste Motiv in seinem Roman sei die Suche gewesen, sagt der Autor. "Würdest du mit mir beten", bittet ihn der sterbenskranke Freund Achim, gemeinsam zu beten. Roland findet im Gebet Worte der Trauer, die er vielleicht anders gar nicht gefunden hätte, vermutet Rietzschel. "Und dafür steht dann auch dieses Gebet. Es gelingt ihm so, sich mit der Welt und mit sich selbst zu versöhnen. Da steckt für ihn viel Heilung drin."

Diskriminierung von Christen in der DDR

Seit 1. Januar 2020 widmet sich ein interdisziplinäres Forschungsteam von vier Wissenschaftlichen MitarbeiterInnen unter der Leitung von Prof. Dr. Christopher Spehr am Lehrstuhl für Kirchengeschichte der wissenschaftlichen Aufarbeitung von verfolgten Christinnen und Christen in der DDR. Ziel ist es, die Unterdrückungsmechanismen und Repressionsmaßnahmen in den 1960er-Jahren am Beispiel der Bausoldaten, Totalverweigerer und Jugendlichen im Widerstand gegen die Wehrerziehung mit Schwerpunkt Thüringer Raum zu erkunden.

Männerwallfahrt zum Kläschen Hagis im Kreise Worbis (DDR) mit dem Erfurter Bischof Hugo Aufderbeck, 1980 (KNA)
Männerwallfahrt zum Kläschen Hagis im Kreise Worbis (DDR) mit dem Erfurter Bischof Hugo Aufderbeck, 1980 / ( KNA )
Quelle:
DR

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