Am Sonntag wird in Ungarn ein neues Parlament gewählt. Der amtierende Ministerpräsident Viktor Orbán strebt eine fünfte Amtszeit an. Sein Herausforderer Péter Magyar von der Tisza-Partei – was die Kurzform vom "Tisztelet és Szabadság Párt" ist und ins Deutsche übersetzt "Respekt- und Freiheitspartei" bedeutet – will das verhindern. Mittendrin im Wahlkampf spielen auch die Kirchen und der Glaube eine Rolle.
So gelten die Kirchen in Ungarn als "finanziell völlig abhängig vom Staat", sagt die katholische Theologin Rita Perintfalvi der österreichischen Wochenzeitung "Die Furche" in einem Interview für die Ausgabe am Donnerstag. Die Situation sei "unhaltbar", weil Orbán die finanzielle Unterstützung der Kirchen durch den Staat davon abhängig mache, wie sich die Kirchen zu seiner Politik äußern. Die Magistra der Theologie und Dr. Rita Perintfalvi arbeitet als Post-Doc-Universitätsassistentin am Institut für Alttestamentliche Bibelwissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz. Sie gilt als Kritikerin Orbans.
Finanzierung schafft Abhängigkeit
Auch die ungarische Journalistin Kornélia Kiss beschreibt im Interview mit DOMRADIO.DE die Lage der Kirchen in Ungarn übereinstimmend mit Perintfalvi als stark abhängig vom Staat. Der Grund liege in der Kirchenfinanzierung. Denn anders als in Deutschland gibt es in Ungarn keine Kirchensteuer. Die Kirchen würden sich direkt aus dem Staatshaushalt finanzieren. Damit sei Kirche eine ähnliche Institution wie zum Beispiel Schulen, soziale Einrichtungen und andere Institutionen.
Die Kirchen seien in den vergangenen Jahren "sehr loyal, sehr freundlich mit der Fidesz-Regierung umgegangen", sagt Kiss. Regierungskritische Äußerungen seien ausgeblieben. Das sei so weit gegangen, dass die Glaubwürdigkeit der Kirchen in Teilen der Gesellschaft beschädigt worden sei. Doch Orbán und die Fidesz-Partei setzen weiter auf das Christentum als zentrales Element im Wahlkampf, sagt Kiss. Der christliche Glaube sei dabei mehr als nur eine Religion. Er stehe für eine kulturelle Tradition.
Was ein Machtwechsel für die Kirchen bedeuten würde
Ganz anders die Rolle der Kirchen im Wahlkampf der Tisza-Partei. Dort spiele das Christentum laut Kiss so gut wie keine Rolle. Erwähnt werden die Kirchen im Wahlprogramm trotzdem. Die Tisza-Partei verspricht eine "egalitäre Partnerschaft" mit den Kirchen und möchte die Kirchenfinanzierung reformieren. Ziel sei es, ein transparentes Förderungssystem für die Kirchen zu entwickeln. Davon verspricht sich die Partei, die Kirchen und ihre Institutionen zu erhalten. Gleichzeitig soll den Kirchen aber auch wieder mehr Unabhängigkeit zugesprochen werden, fasst Kiss die Position gegenüber DOMRADIO.DE zusammen. Weitere Details nenne das Wahlprogramm nicht, sagt sie. Kiss rechne aber auch nicht mit großen Änderungen, da Herausforderer Magyar selbst aus einem christlich-konservativen Umfeld stamme.
"Die sichtbare Unterstützung der katholischen Kirche für Orbán ist vor dieser Wahl geringer als noch 2022", stellt Perintfalvi fest. Viele Priester und Bischöfe hätten erkannt, dass Orbán die Wahl wahrscheinlich verlieren werde. Das Engagement der Kirchen für Orban sei "also in erster Linie Opportunismus" gewesen, schätzt Perintfalvi in der österreichischen Wochenzeitung "Die Furche" die Lage ein. In der Parlamentswahl 2026 sieht Perintfalvi eine "allerletzte Chance für Ungarn", um sich zum einen von Russland und Putin zu entfernen und zum anderen wieder zurück in Richtung Europäische Union zu bewegen.