Mehrere Wochen hat der in der Ostsee gestrandete Wal nun die Schlagzeilen der Medien ausgefüllt und Zuschauende vor Ort und über die elektronischen Medien angezogen. Die Menschen nehmen an seinem Schicksal Anteil. Das mag auf den ersten Blick erstaunen, lässt sich aber in Wirklichkeit gut erklären. Es hat mehrere Gründe:
Zunächst einmal handelt es sich bei dem Buckelwal um ein imposantes Tier von 15 Metern Körperlänge, vor dem wir Menschen uns klein fühlen und Ehrfurcht haben sowie Demut empfinden: Jeder und jede von uns ist ein winziger Teil einer unendlich größeren Schöpfung, und der Wal führt uns das selbst in seiner lebensbedrohlichen Not eindrücklich vor Augen.
Zum Zweiten wissen wir, dass Wale hochintelligente Tiere sind und uns Menschen in ihren kognitiven Leistungen sehr nahe stehen. Mit manchen von ihnen können wir sogar kommunizieren und interagieren. Das lässt uns eine gewisse Ebenbürtigkeit der Wale uns gegenüber spüren und weckt unser Mitgefühl. Delfine haben schon so manchen Menschen vor dem Ertrinken bewahrt. Spontan möchten daher auch wir den Buckelwal vor dem Sterben bewahren.
So steht der gestrandete Wal drittens symbolisch für die menschliche Sehnsucht nach einem friedlichen Zusammenleben und wechselseitiger Unterstützung von Menschen und Tieren. Das ist ein uralter Menschheitstraum, wie er sich auch in biblischen Texten etwa beim Propheten Jesaja (Jes 11) und beim Evangelisten Markus (Mk 1,13) findet. Wir möchten nicht in Konkurrenz zu und im Kampf gegen andere Tiere leben, sondern mit ihnen eine geschwisterliche Gemeinschaft bilden, wie es Papst Franziskus in seiner Enzyklika "Laudato si" 2015 beschrieben hat.
Ein vierter und letzter Grund, warum uns das Schicksal des Buckelwals so berührt, ist, dass es um ein einzelnes Tier geht. Einzelschicksale sind für uns leichter begreifbar und handhabbar als wenn es um Millionen Individuen geht. Das ist auch so, wenn Menschen in Not geraten. Wenn ein einzelner Höhlenbergsteiger in einer Höhle verunglückt, fiebern wir mit den Rettern mit. Wenn in Gaza Tausende sterben, berührt uns das weit weniger. Es würde uns überfordern, und wir ahnen auch, dass wir in Gaza relativ ohnmächtig sind, während wir bei dem einzelnen zu rettenden Menschen oder Wal echte Erfolgschancen sehen. Und wir möchten ja gerne Erfolg haben.
Aus tierethischer Perspektive betrachtet sollten wir daher das Stranden des Buckelwals zum Anlass nehmen, grundsätzlichere, unbequemere Fragen zu stellen:
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Hat sich der Wal aufgrund menschlicher Einflüsse verletzt, wie etwa durch das Verheddern in den Fangnetzen der Fischer, oder ist er an menschengemachten Schadstoffen erkrankt, die er aufgenommen hat? Vielfach ist dies in den Weltmeeren der Fall, und es sollte uns mahnen, strengere Umweltvorschriften zu erlassen, um die Meerestiere besser zu schützen.
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Auch wenn der aktuell gestrandete Wal laut Fachleuten gut genährt war: Viele Wale schlucken im Laufe der Zeit so viel Plastikmüll, der in den Weltmeeren herumschwimmt, dass ihr Magen davon ganz voll ist und sie keine verdauliche Nahrung mehr aufnehmen können. So verhungern sie trotz vollen Magens. Wir müssen also dringend Maßnahmen setzen, die den Plastikmüll reduzieren und mittelfristig ganz abschaffen.
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Wale orientieren sich im Meer primär durch ein hoch entwickeltes Gehör und akustische Signale. Doch der Schiffslärm, der unter Wasser über extrem weite Entfernungen zu hören ist, macht ihnen die Orientierung immer schwerer. Wir müssen also dringend etwas zur Verringerung der Schiffsgeräusche und der Schiffe tun.
Es ist offensichtlich: Diese menschengemachten Probleme abzustellen ist für die Meerestiere viel wichtiger als einem einzelnen gestrandeten Wal zu helfen – aber auch viel schwieriger, weil es einschneidende Veränderungen der Weltwirtschaft und unserer ressourcenverschwendenden Lebensweise verlangt. Provokant gesagt: Wer den Meerestieren helfen will, sollte sich weniger fragen, wie die Tanker wieder durch die Meerenge von Hormus fahren können, sondern eher überlegen, wie wir künftig ohne Öl(-tanker) gut wirtschaften und leben können.
Angesichts der Tatsache, dass die großen Bergbauunternehmen bereits daran arbeiten, in der Tiefsee Bodenschätze abzubauen und die dortigen Ökosysteme zu zerstören, ist der gestrandete Buckelwal also ein dramatischer Weckruf an uns alle: Ein Weckruf zur "ökologischen Umkehr" (Papst Franziskus). Ob er gehört und verstanden wird, liegt an uns allen.
Über den Autor:
Prof. Dr. Michael Rosenberger ist Universitätsprofessor und Institutsvorstand am für Moraltheologie in der Katholischen Privatuniversität in Linz.