Jesuitenpater Brüntrup erklärt Bruch der vatikanischen Zurückhaltung

Papst Leo als "global Player"

Mit ungewöhnlich klaren Worten hat Papst Leo XIV. am Dienstag Trumps Drohungen verurteilt und damit die traditionelle diplomatische Zurückhaltung des Vatikan verlassen. Jesuit Godehard Brüntrup ordnet das als bedeutsamen Schritt ein.

Papst Leo XIV. im Mai 2025 mit US-Vizepräsident JD Vanceund US-Außenminister Marco Rubio / © Simone Risoluti/Vatican Media/AP (dpa)
Papst Leo XIV. im Mai 2025 mit US-Vizepräsident JD Vanceund US-Außenminister Marco Rubio / © Simone Risoluti/Vatican Media/AP ( dpa )

DOMRADIO.DE: Bisher hat sich Papst Leo XIV. eher allgemein zu Konflikten geäußert. Nach dem Tweet des US-Präsidenten am Dienstag hat er nun sehr konkret Stellung bezogen, wie ordnen Sie das ein?

Godehard Brüntrup SJ ist ein deutscher Philosoph, Jesuit und USA-Experte. / © Pater Christof Wolf SJ
Godehard Brüntrup SJ ist ein deutscher Philosoph, Jesuit und USA-Experte. / © Pater Christof Wolf SJ

Prof. Dr. Pater Godehard Brüntrup (Professor für Metaphysik): Dieser Schritt ist gerade deshalb bedeutsam, weil er mit einer fest etablierten diplomatischen Sprachregelung des Vatikans bricht. Päpste äußern sich typischerweise in sorgfältig abgewogenen Allgemeinplätzen. Sie beklagen den "Krieg", rufen zum "Dialog" auf, beten für "alle, die leiden", um die Haltung des Heiligen Stuhls als vermittelnde, überparteiliche moralische Autorität zu wahren. Am Dienstag hat Leo zum ersten Mal den Präsidenten direkt angesprochen, obwohl er den Krieg bereits seit Februar kritisiert hatte. Dieser Wechsel vom Allgemeinen zum Spezifischen signalisiert, dass in Leos moralischer Abwägung eine Schwelle überschritten wurde: Wenn ein Staatsoberhaupt öffentlich die Vernichtung einer Zivilisation androht, wird die übliche Indirektheit der vatikanischen Diplomatie fast zur Komplizenschaft. Die Konkretion ist also selbst eine Botschaft – sie besagt, dass manche Handlungen so weit jenseits des Akzeptablen liegen, dass diplomatische Umschreibungen das Zeugnis verdunkeln würden.

DOMRADIO.DE: Worin unterscheidet sich eine solche klare Verurteilung von klassischen vatikanischen Friedensappellen oder allgemeinen Gebeten für den Frieden?

Brüntrup: Die traditionelle päpstliche Friedensrhetorik bewegt sich auf der Ebene der Prinzipien: Sie bekräftigt die Würde aller Menschen, ruft zum Dialog auf und vermeidet es, Akteure namentlich zu nennen, um die diplomatische Neutralität des Vatikans nicht zu gefährden. Leo zeichnete sich als bedeutende globale Stimme aus, die inmitten kriegerischer Äußerungen der US-Führung zu Zurückhaltung und moralischer Verantwortung aufrief. Er identifizierte eine konkrete Bedrohung durch einen konkreten Akteur; er fällte ein moralisches Urteil darüber ("inakzeptabel", ein Verstoß gegen das Völkerrecht, ein Zeichen von "Hass" und "Zerstörungswille"); und er gab eine konkrete politische Anweisung. Er forderte dazu auf, "an den Verhandlungstisch zurückzukehren". Er forderte sogar die Bürger auf, sich an ihre Regierungen und gewählten Vertreter zu wenden. Dieser Schritt ist besonders ungewöhnlich: Er verwandelt eine spirituelle Ermahnung in eine zivilgesellschaftliche Mobilisierung.

DOMRADIO.DE: Welche Rolle spielt die katholische Friedensethik bei Konflikten wie dem im Iran?

Brüntrup: Die katholische Lehre vom gerechten Krieg, wie sie von Augustinus über Thomas von Aquin entwickelt und dann im Katechismus sowie im Konzilsdokument Gaudium et Spes weiterentwickelt wurde, stellt Bedingungen an die legitime Anwendung von Gewalt: gerechter Grund, legitime Autorität, rechte Absicht, letztes Mittel, Verhältnismäßigkeit und Erfolgsaussicht, mit einem absoluten Verbot der gezielten Bekämpfung der Zivilbevölkerung. Leo sagt, der Krieg würde von vielen als "ungerecht" angesehen und fügt hinzu, dass er alles nur "weiter verschärft" und letztlich "nichts löst". Er teilt nicht die Auffassung, dass die offensive Hochrüstung des Iran und seiner Vasallen sowie die erklärte Vernichtungsabsicht gegenüber Israel eine akute Bedrohung und damit einen gerechten Kriegsgrund dargestellt hätten. Erzbischof Broglio, Leiter der Militärdiözese, erklärte öffentlich, der Krieg sei wahrscheinlich ungerecht, und äußerte seine Besorgnis darüber, dass die USA "einer Bedrohung zuvorkommen, bevor diese tatsächlich eingetreten ist". Erzbischof Coakley erklärte, dass "die Drohung, eine ganze Zivilisation zu zerstören, und die gezielte Bekämpfung ziviler Infrastruktur moralisch nicht zu rechtfertigen sind". 

Godehard Brüntrup

"Dass das Wort "ungerecht" vom Papst auf einen konkreten, andauernden Krieg angewendet wird, hat außerordentliches Gewicht."

DOMRADIO.DE: Ist die Wortwahl und der Zeitpunkt aus Ihrer Sicht eine Verschärfung im Vergleich zu bisherigen päpstlichen Stellungnahmen in internationalen Konflikten?

Brüntrup: Ja, eindeutig. Betrachten Sie die eskalierende Abfolge in Leos eigener Rhetorik: allgemeine Aufrufe zum Dialog Anfang März, dann ein privater Appell an Trump für einen "Ausstieg" letzte Woche, die Osterbotschaft Urbi et Orbi, in der diejenigen, die Waffen besitzen, aufgefordert wurden, diese niederzulegen, und nun eine direkte, vor laufender Kamera geäußerte Verurteilung sowohl auf Italienisch als auch auf Englisch, in der die Drohung als "nicht akzeptabel" und der Krieg als nach allgemeiner Meinung "ungerecht" bezeichnet wurde. Dass das Wort "ungerecht" vom Papst auf einen konkreten, andauernden Krieg angewendet wird, hat außerordentliches Gewicht. Der Krieg wird damit delegitimiert. Indem Leo seine Äußerungen auf Englisch wiederholte, stellte er sicher, dass die amerikanische Öffentlichkeit und die Medien seine Worte ohne die Vermittlung einer Übersetzung aufnehmen konnten.

Papst Leo XIV. spricht mit Journalisten vor seiner Residenz in Castel Gandolfo / © Gregorio Borgia/AP (dpa)
Papst Leo XIV. spricht mit Journalisten vor seiner Residenz in Castel Gandolfo / © Gregorio Borgia/AP ( dpa )

DOMRADIO.DE: Inwiefern kann oder sollte sich ein Papst konkret zu Äußerungen einzelner politischer Akteure wie Donald Trump äußern?

Brüntrup: Die diplomatische Grundhaltung des Vatikans, die Pflege von Beziehungen zu fast jedem Staat, gelegentlich auch als Vermittler hinter den Kulissen, gibt ihm starke institutionelle Gründe für Zurückhaltung. Aber es gibt ein starkes theologisches Mandat: Das prophetische Amt der Kirche verlangt, dass moralische Wahrheit gegenüber der Macht ausgesprochen wird. Die Propheten des Alten Testaments nannten Könige beim Namen. Johannes XXIII. intervenierte sehr direkt während der Kubakrise, mit dem Appell Pacem in Terris, der unverkennbar an Kennedy und Chruschtschow gerichtet war. Je schwerwiegender die Bedrohung ist, desto mehr besteht die Verpflichtung zur Konkretheit, und desto weniger sind diplomatische Verallgemeinerungen noch angebracht.

Godehard Brüntrup

"Es entsteht so eine inneramerikanische moralische Gegenautorität."

DOMRADIO.DE: Spielt es eine Rolle, dass sowohl der Papst als auch Donald Trump US-Amerikaner sind?

Brüntrup: Ja, definitiv. Denn es neutralisiert die übliche Zurückweisung päpstlicher Kritik als ausländische Einmischung. Leo XIV., geboren und aufgewachsen in Chicago, kann den amerikanischen Präsidenten und die amerikanische Öffentlichkeit als einer der ihren ansprechen. Sein Aufruf an die Bürger, sich an ihre Kongressabgeordneten zu wenden, setzt ein Insider-Verständnis der amerikanischen demokratischen Mechanismen voraus. Es entsteht so eine inneramerikanische moralische Gegenautorität. Der amerikanische Papst, der sich gegen den amerikanischen Präsidenten stellt. Allerdings wird Leo dadurch jetzt auch als parteiischer Akteur in der amerikanischen Innenpolitik wahrgenommen. Nicht alle Katholiken teilen seine Meinung. Ein Beispiel: William McGurn, der Redenschreiber von Georg W. Bush, argumentierte in einem Artikel im Wall Street Journal, dass der Krieg im Iran auch nach kirchlicher Lehre ein gerechter Krieg sei. 

DOMRADIO.DE: Welche Wirkung können solche Aussagen des Papstes Ihrer Meinung nach tatsächlich auf internationale politische Dynamiken entfalten?

Brüntrup: Der Papst hat keine Flugzeuge und Schiffe. Er kann konkret wenig bewegen. Aber auf ideeller Ebene ist er ein "global Player". Leos Intervention erschwert es der Regierung, eine moralische Rechtfertigung für ihre Drohungen zu beanspruchen, insbesondere unter den rund 70 Millionen amerikanischen Katholiken und 1,4 Milliarden Katholiken weltweit. Die US-Bischofskonferenz schloss sich sofort der Position des Papstes an, wobei Erzbischof Coakley Trump aufforderte, "sich vom Abgrund zurückzuziehen". Die päpstliche Erklärung bietet somit Deckung und Legitimation für die innenpolitische Opposition.  Ob der zweiwöchige Waffenstillstand, der wenige Stunden nach Leos Äußerungen verkündet wurde, in einem kausalen Zusammenhang stand, ist unbekannt. Doch die zeitliche Übereinstimmung deutet zumindest darauf hin, dass der internationale Druck, in dem Leos Stimme eine wichtige Komponente darstellte, eine Rolle gespielt hat.

Die katholische Kirche in den USA

Die römisch-katholische Kirche ist die größte Glaubensgemeinschaft der USA, denn die Protestanten teilen sich in verschiedene Konfessionen. Ein knappes Viertel der US-Amerikaner ist katholisch, die meisten Katholiken leben im Nordosten und im Südwesten. Genaue Zahlen sind schwierig, weil in den USA der Wechsel einer Konfession sehr häufig vorkommt.

Die katholische Kirche in den USA / © rawf8 (shutterstock)
Die katholische Kirche in den USA / © rawf8 ( shutterstock )

Das Interview führte Carolina Graef Alarcón.

Quelle:
DR

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